×

Alpentourismus: Keine Rettung aus Fernost

Alpentourismus: Keine Rettung aus Fernost

Eine stärkere Gewichtung des Sommergeschäfts und mehr Gäste aus Asien können die Verluste im alpinen Wintertourismus nicht auffangen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der CS.

Stefan
Schmid
vor 3 Jahren in
Tourismus
Skifahrer aus China bleiben auf Schweizer Pisten die Ausnahme.
KEYSTONE

Der Tourismus im Schweizer Alpenraum ist auf Erholungskurs. Nach massiven Einbussen von rund 40 Prozent bei den europäischen Gästen während der Eurokrise scheint die Trendwende geschafft. Die Hotelübernachtungen stiegen in der vergangenen Sommersaison in Graubünden um 5,9 Prozent, im Wallis gar um 7,9 Prozent. Und auch diesen Winter dürften mehr Gäste in Schweizer Hotelbetten übernachten: Die Ökonomen der KOF erwarten in den Bergen ein Logiernächte-Plus von 3,6 Prozent.

Diese verbesserte Kurzfrist-Optik kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage für das Gastgewerbe und die Bergbahnen mittel- bis langfristig herausfordernd bleibt. Vor allem, da die Gästefrequenzen noch weit von jenen früherer Spitzenjahre entfernt sind und die hiesigen Wintersportorte deutlich an Marktanteilen verloren haben. Die Ökonomen der Grossbank Credit Suisse (CS) sprechen denn auch Klartext: «Galt der Wintersport einst als Perle des Schweizer Tourismus, ist er heute dessen Sorgenkind.» Sie haben sich in der neusten Ausgabe der Publikation «Monitor Schweiz» mit den Perspektiven des Tourismus in den Bergregionen befasst – und diese am Dienstag in Zürich präsentiert.

Weltweiter Tourismus-Boom

Auffallend ist, dass die Entwicklung im Schweizer Alpenraum diametral entgegengesetzt zu jener im globalen Tourismus verläuft. Letzterer erlebt dank gesunkener Flugkosten, einfacher Buchungsverfahren und insbesondere des wachsenden Wohlstands einen Boom: Zwischen 1995 und 2015 verdreifachten sich die Ausgaben von Touristen weltweit. Sie betragen heute 1,4 Billionen Dollar. Tendenz: weiter steigend.

Dass der Schweizer Alpenraum – im Gegensatz zu den Städten – kaum daran partizipiert, liegt laut dem CS-Tourismusexperten Sascha Jucker daran, dass die Schweiz für ausländische Gäste infolge der Währungsentwicklung der letzten Jahre immer teurer wurde. Gemäss einer Auswertung des World Economic Forum für das Jahr 2017 liegt das Tourismusland Schweiz bei der preislichen Wettbewerbsfähigkeit auf dem 136. – und damit letzten – Platz. Zwar geht die CS für 2018 von einer weiteren Abwertung des Frankens aus, was den Schweizer Tourismus konkurrenzfähiger macht. Es sei aber unwahrscheinlich, dass sich der Euro-Wechselkurs wieder auf das Niveau der Nullerjahre zurückbewege. «Die Schweiz wird eine teure Feriendestination bleiben», betonte Jucker.

Erschwerend kommt hinzu: Gerade die Gäste aus der Eurozone gelten – im Unterschied etwa zu den US-Amerikanern – als besonders preissensitiv. Um den Einbruch der letzten zehn Jahre auszugleichen, müssten aber zwingend europäische und Schweizer Wintersportler zurückgewonnen werden, so eine Schlussfolgerung der CS. Die Skigebiete müssten dazu preislich und beim Angebot attraktiver werden – was zum Teil bereits geschehen sei.

Der verstärkte Fokus auf den Sommertourismus kann den Rückgang im Winter dagegen nicht annähernd ausgleichen – auch nicht in den nächsten Jahren. Im Wallis und in Graubünden fänden sich nur wenige international bekannte Ausflugsdestinationen, weshalb beispielsweise der Sommeranteil an den Transportumsätzen hier immer noch magere 20 beziehungsweise acht Prozent betrage, rechnet die CS vor.

Abseits der «Tour de Suisse»

Auch der stark wachsende Tourismusmarkt in Asien macht da wenig Hoffnung. Zwar führen immer mehr Gruppenreisen mit asiatischen Gästen in die Schweiz. Abgesehen von Städten wie Zürich und Luzern profitieren aber nur einige Hotspots in der Zentralschweiz und im Berner Oberland mit ihren Ausflugsbergen Jungfraujoch, Rigi, Pilatus oder Titlis von diesem neuen «Massentourismus». Die Schweiz sei für diese Gäste – mit wenig Zeit und geringem Budget – meist nur ein Zwischenstopp auf dem Europa-Trip von Paris nach Rom, sagte Jucker. «Diese Gäste werden den Schweizer Tourismus nicht retten.»

Um Graubünden und das Wallis machen die asiatischen Gruppenreisenden ohnehin einen Bogen, was sich laut der Credit Suisse auch in Zukunft nicht ändern wird. Unter anderem, da Bündner und Walliser Orte nicht auf der «Tour de Suisse» für chinesische Gruppenreisen liegen und das touristische Angebot nicht den Bedürfnissen dieses Gästesegments entspreche. Generell generiert diese Form des Tourismus aber wenig Wertschöpfung – die Touristen reisen mehrheitlich in Bussen aus dem Ausland an und konsumieren in den Restaurants wenig.

Deshalb rät Jucker den Tourismusdestinationen dazu, auf die kaufkräftigeren Einzeltouristen aus Asien zu setzen. Wobei der Gruppenreisende aus China von heute der Individualreisende von morgen sein könnte. Zumindest das macht Hoffnung.

Kommentieren

Kommentar senden

NEIN.
Antipodische zahlende "Gäste" sind unnachhaltig, unökologisch, zumal in Zeiten des Klimawandels, COPD und der "grauen Energie".
Nicht nur im Tourismus ist es "in" und nötig: Regionalität - hiesig herstellen und hiesig einkaufen.