Mord im Klöntal (6/8): «Wenn er mich schlug, sagte er: ‹Nur aus Liebe›»
Verhörrichter Tschudi befragt in der neuen True-Crime-Folge die Familie, nachdem im Magen des toten Vaters Gift gefunden wurde. Maria Stüssi erzählt, wie sie von ihrem Mann misshandelt wurde.
Verhörrichter Tschudi befragt in der neuen True-Crime-Folge die Familie, nachdem im Magen des toten Vaters Gift gefunden wurde. Maria Stüssi erzählt, wie sie von ihrem Mann misshandelt wurde.
Was bisher geschah: 1882 verschwindet «Staldengarten»-Wirt Andreas Stüssi eines Nachts spurlos und wird Tage später nackt im Fluss Löntsch bei Riedern angeschwemmt. Als im Magen des Toten Morphium gefunden wird, lässt Verhörrichter Tschudi die Witwe Maria Stüssi und ihre beiden ältesten Kinder verhaften. Alle bisherigen Folgen könnt ihr hier nachlesen.
Verhörrichter Jacques Tschudi lässt sich Hunderte alte Ausgaben der «Neuen Glarner Zeitung» vorlegen. Das ist die Zeitung, welche im «Staldengarten» gelesen wird, wo der Wirt Andreas Stüssi vergiftet und in den Löntsch geworfen wurde. Tschudi ist überzeugt, dass die Mörder ebenfalls dort zu Hause sind.
Der Verhörrichter blättert die Jahrgänge von 1880 bis 1882 durch und hält dabei Ausschau nach Vergiftungsfällen. Er muss mehr als einen Tag über den Zeitungen gebrütet haben – ausser er hätte die Aufgabe delegiert, aber dafür scheint Tschudi nicht der Typ zu sein.
Ein Tipp von einer Schwätzerin
Zuvor hatte ihm eine angebliche Freundin von Maria Stüssi erneut etwas Verdächtiges berichtet. Barbara Trümpi erklärte, Maria Stüssi habe ihr vor etwa zwei Jahren während eines Spaziergangs «mit besonderer Aufmerksamkeit» von einer Zeitungsnachricht erzählt, laut der eine Frau ihren Mann mit Morphium vergiftet hatte. Doch typisch für Barbara Trümpi konnte sie sich an keine Details erinnern. «Es schwebt mir nur so vage im Kopf herum», sagte sie.
Barbara Trümpi hatte sich bereits früher «in merkwürdig geheimnisvoller Weise geäussert, was sie als Schwätzerin erscheinen liess», notiert Tschudi. Obwohl sie jedes Verhör in eine Kaffeeklatschrunde verwandelt, muss der Verhörrichter dieser Spur nachgehen.
Tschudi blättert weiter durch die alten Zeitungsausgaben. Eine Geschichte findet er, in der eine Frau in Galaz ihren ersten Ehemann 15 Wochen nach ihrer Hochzeit vergiftet. Der zweite Ehemann hält 16 Wochen durch, bevor auch er das Zeitliche segnet. Ein anderer Artikel erzählt von einer ungarischen Giftmischerin, die Frauen mit Eheproblemen dazu überredet haben soll, ihre Männer mit einem Gifttrunk zu töten. So seien 35 Gattenmorde geschehen. Von Morphium oder Opium ist allerdings in keinem der Artikel die Rede.
Zwei Pulver in der Schublade
Maria Stüssi streitet natürlich alles aufs Bestimmteste ab, als sie zum Verhör aus ihrer Zelle in die Amtsstube geführt wird. «Wenn ich Andreas hätte töten wollen, so hätte ich dies früher getan», sagt sie zu Verhörrichter Tschudi.
Der Aktuar, der das Verhör mitschreibt, vermerkt, dass Maria Stüssi ihre Antworten «mit Ruhe» gibt. Trotzdem setzt er hinter fast jeden ihrer Sätze ein Ausrufezeichen.
Maria Stüssi ist entrüstet über die Anschuldigung, sie habe ihren Mann vergiftet und anschliessend ins Löntschtobel geworfen. «Ach mein Gott, welche Zumutungen sind das: Von mir hat er kein Gift erhalten und ich habe keine Hand an ihn gelegt!», protestiert sie. «Ach mein Gott! Das hätte ich nie geglaubt!»
Die Landjäger entdeckten im «Staldengarten» zwei Morphiumpulver in einer Schublade zwischen einigen Wertpapieren. Sonst fanden nichts. Maria Stüssi versichert, sie müsse die Pulver in der Schublade vergessen haben.
Tödliches «Schlafpulver»
Tschudi fragt, ob sie wisse, wie Morphium wirke. Maria Stüssi entgegnet, sie habe nur gewusst, wie die «Schlafpulver» wirkten. Dass Morphium giftig sein könne, habe sie nicht gewusst. «Ich war noch nie in einer Apotheke; alles, was aus derselben bezogen wurde, haben die Kinder geholt.»
Verhörrichter Tschudi hält ihr ein kleines Fläschchen mit einer schlecht lesbaren Etikette unter die Nase. «Was war in diesem Fläschchen?»
«Wunderbalsam», antwortet Maria Stüssi. «Wann und von wem wir ihn hatten und wie er gebraucht wurde, kann ich mich nicht mehr erinnern.»
Tschudi holt ein anderes Fläschchen mit brauner Flüssigkeit hervor. «Davon musste ich auf den Zahn tun, als ich so fürchterliche Schmerzen hatte, Regula brachte es mir aus der Apotheke», erklärt Maria Stüssi.
Ein drittes Fläschchen war Salbe für ihren «bösen Finger». Nichts, womit man einen Mann bewusstlos machen könnte.
«Sie würden sich wundern, wegen welcher Bagatellen er mich schlug.»
Tschudi kommt nicht vorwärts. Er wechselt das Thema. Er will von Maria Stüssi wissen, ob ihr Mann eifersüchtig wurde, wenn sie mit den Gästen redete. Sie antwortet: «Wenn er getrunken hatte, konnte er etwas durchblicken lassen, aber im nüchternen Zustand nicht.»
Tschudi fragt Maria Stüssi, ob sie sich an den Abend im Klöntal erinnere, als sie ihren Mann mit dem Uhrpendel an den Kopf geschlagen habe.
Diesmal wird sie gesprächiger: «In allen 19 Jahren unserer Ehe habe ich gegen ihn nie eine Hand aufgehoben, als jenes Mal, und ich wehrte mich, dass ich nicht geschlagen wurde.» Ganz alleine sei sie ihrem Mann dort oben gegenübergestanden. «Wenn ich mich nicht gewehrt hätte, so hätte er mich halb oder ganz erschlagen, ohne es zu wissen, denn er war stark betrunken.»
Tschudi will wissen, warum sie ihren Mann damals für eine Zeit verlassen hatte. «Sie würden sich wundern, aus welchen Bagatellen es oft dazu kam, dass er mich schlug», antwortet ihm Maria Stüssi. «Er hatte eine besondere Neigung zum Schlagen und wenn er mich geschlagen hatte, so sagte er, ‹nur aus Liebe›. Bei ihm geschah alles nur aus Liebe, darin war er ein sonderbarer Mensch.»
«Es ist traurig, jung und so beschuldigt zu werden!»
Verhörrichter Tschudi wartet nach Regula Stüssis Verhaftung neun Tage lang, bis er die älteste Tochter erstmals verhört. Er hat sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder verhaften lassen.
Tschudi notiert, Regula sei ein «geistig nicht sehr entwickeltes Kind». Als Schulkind wurde sie von Lehrer Gallusser missbraucht, der dafür ins Zuchthaus kam. Nun sitzt Regula selbst hinter Gittern.
Tschudi beginnt das Verhör mit derselben Frage, die er auch ihrem Bruder Fridolin und ihrer Mutter Maria gestellt hatte: «Wir eröffnen Euch nun, dass Darminhalt von Eurem Vater durch einen Chemiker untersucht wurde und dieser Untersuch Morphium herausgestellt hat. Was sagt Ihr dazu?» Tschudi bekommt dieselbe Antwort auf seine Frage zu hören wie bei Maria und Fridolin: «Ich weiss nichts zu sagen.»
Für Tschudi scheint festzustehen, dass Maria Stüssi hinter dem Tod ihres Mannes steckt. Ob ihre Kinder Mittäter oder nur Mitwisser sind, bleibt für ihn jedoch unklar. Die 19-jährige Regula streitet sowieso alles ab. Sie wird wütend auf Verhörrichter Tschudi, der ihr solche Ungeheuerlichkeiten unterstellt. Als er sagt, es sei schlecht denkbar, dass ein Fremder ihren Vater vergiftet habe, fährt sie ihn empört an: «Was glauben Sie denn sonst eigentlich? Das muss ich jetzt doch fragen! Das hätte ich nie geglaubt, dass man mich für so etwas ansähe!»
«Es ist traurig, jung und so beschuldigt zu werden!», sagt sie. Als Regula in Tränen ausbricht, endet das Verhör.
Drei Tage später unternimmt Tschudi einen weiteren Versuch mit Regula. Er sagt: «Ihr werdet doch zugeben, dass die Mutter, ohne von Euch bemerkt zu werden, die Kammer hätte verlassen und ein Verbrechen verüben können.» Regula bleibt trotzig. «Nein, das kann ich nicht zugeben und gebe es nicht zu, ewig nie!»
Eine knarrende Zimmertüre
Regula schlief in der Nacht, als ihr Vater verschwand mit ihrer Mutter in derselben Kammer im ersten Stock. Angeblich konnte ihre Mutter die Kammertür nie öffnen, ohne dass sie knarrte. Als Tschudi es selbst ausprobiert, gelingt es ihm jedoch, die Tür lautlos zu öffnen und zu schliessen, indem er sie leicht anhebt.
Auch Regulas 15-jährige Schwester Margrith, welche mit den kleinen Kindern im obersten Stock schlief, hörte in dieser Nacht niemanden aufstehen und hinuntergehen.
Doch selbst wenn die Kinder die Wahrheit sagen, und sie nichts bemerkt haben, muss das nichts heissen. «Oben im Hause hört man wegen des Rauschens des Löntsch und allfälligen Windes zum Beispiel nicht, was unten im Hause vorgeht», schreibt Tschudi in seinen Untersuchungsbericht.
Es wäre also durchaus möglich gewesen, dass sich nachts jemand unbemerkt ins Haus geschlichen hat – oder hinaus.
Kein Wort des Bedauerns
Die Verdachtsmomente sprechen gegen die Familie Stüssi. Handfeste Beweise hat Verhörrichter Tschudi aber erstaunlich wenige. Und in den Verhören leugnen Maria, Fridolin und Regula, auch nur irgendetwas zu wissen oder bemerkt zu haben.
Vielleicht spricht schon die Frustration aus Tschudi, als er den Kindern vorwirft, nach dem Tod ihres Vaters nicht traurig genug gewesen zu sein. Bei ihrer Verhaftung lernte Tochter Regula gerade bei der Frau des David Sigrist in Riedern Zither spielen, Fridolin besuchte die Abendschule in Riedern. «Es musste dies in Betracht des wenige Wochen vorher erfolgten schrecklichen Todes des Vaters auffallen und kann wohl als Gleichgültigkeit oder gar als Herzlosigkeit ausgelegt werden», vermerkt Verhörrichter Tschudi in seinem Schlussbericht.
Möglicherweise hätte Tschudi dieses Urteil auch über die anderen Dorfbewohner von Riedern fällen können. In den Verhören mit der Familie und mit den Leuten im Dorf sucht man vergeblich nach einem Wort des Bedauerns oder Mitleids mit Andreas Stüssi, diesem «grosstuerischen, eigensinnigen und jähzornigen Mann», der seine Frau jahrelang geschlagen hatte.
Die Kinder kommen frei
Sohn Fridolin kommt als Erster der Familie wieder auf freien Fuss. Er sagte in den Verhören nur, er sei im Klöntal oben gewesen und habe mit der Sache nichts zu tun. Da könne Tschudi den Heiri Aebli fragen, der auch dort oben war. Vier Tage nachdem ihn die Landjäger aus der Abendschule holten, darf Fridolin wieder nach Hause.
Regula muss etwas länger in Haft bleiben. Kurz vor Weihnachten kommt auch sie frei. Einzig Maria Stüssi bleibt in Haft.
Doch alleine bleibt sie nicht: Am Tag nach Regulas Freilassung lässt Tschudi schon die nächsten Verdächtigen verhaften.
Ueli Weber ist stellvertretender Redaktionsleiter der «Glarner Nachrichten». Er hat die Diplomausbildung Journalismus am MAZ absolviert und berichtet seit über zehn Jahren über das Glarnerland. Mehr Infos

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