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Wenn die Hausfassade zu leben beginnt

Wohnen
Südostschweiz
Freitag, 30. September 2016, 09:58 Uhr Wohnen
Es gibt Hausfassaden (vor allem Nordseiten), die von Algen oder Pilzen befallen sind.
Bild zVg

Renato Faoro / Immobilienmakler bei Remax und eidgenössisch diplomierter Betriebswirtschafter HF

Algen gehörten zu den ersten Organismen, die unseren Planeten besiedelten. Die kleinen Überlebenskünstler sind äusserst genügsam – neben moderatem Sonnenlicht und Kohlendioxid als Nahrungsquelle benötigen sie nur ausreichend Feuchtigkeit. Sie kommen in Gewässern, im Boden, an Baumrinden und selbst an extremen Standorten wie im ewigen Eis vor. Als Aeroplankton tummeln sie sich zusammen mit Bakterien und Pilzsporen selbst in der Luft, verbreiten sich mit dem Wind und legen sich als sogenannter Biofilm auf allen möglichen Oberflächen wie Glas, Holz, Metall und Stein ab. Stimmen die Umgebungsbedingungen, machen es sich Algen auch gerne an Hausfassaden gemütlich und sind dann als Verfärbungen erkennbar.

Feuchtigkeit begünstigt Wachstum
Voraussetzung für den unschönen Bewuchs an Hausfassaden ist Feuchtigkeit. So schafft Tau- oder Kondenswasser ein ideales Klima für Algen und Pilze. Davon betroffen sind vor allem Nordfassaden, die auch tagsüber nicht von Sonnenlicht verwöhnt sind, Wände oberhalb von meist gekippten Fenstern, aus denen warme Luft austritt, sowie Gebäudehüllen mit Aussenwärmedämmung. Diese lässt möglichst wenig Innenwärme nach aussen entweichen, wodurch die Fassade in der Nacht abkühlt. Fällt ihre Temperatur unter jene der Umgebungsluft und wird der Taupunkt überschritten, kondensiert Wasser aus der Luftfeuchtigkeit und legt sich auf die Hauswand.

Bauliche Eigenheiten erhöhen Risiko
Algenbewuchs «ziert» aber auch die West- beziehungsweise die Wetterseite von Gebäuden, wo immer wieder Schlagregen die Fassade durchnässt. Der Regen löst einzelne Zellen der angesiedelten Algen und spült sie nach unten – die typischen Bahnen, auch «Nasen» oder «Läufer» genannt, entstehen.
Hingegen bieten Gebäudesüdseiten schlechte Wachstumsbedingungen für Mikroorganismen, da diese tagsüber rasch abtrocknen und sich in den Sommermonaten stark erwärmen. Ausserdem spielen sowohl Standort eines Gebäudes (Algenbewuchs kommt hauptsächlich an See-, Fluss-, Wald- und Nebellagen, jedoch aufgrund der geringeren Luftfeuchtigkeit kaum in Höhen über 1000 m vor) wie auch dessen Konstruktion eine massgebliche Rolle. Die moderne Architektur verzichtet immer mehr auf bauliche Schutzmassnahmen. Ungenügende Dachüberstände, fehlende Vordächer, nicht ausreichender Spritzwasserschutz im Sockelbereich oder waagrechte sowie nur schwach geneigte Flächen ohne optimale Wasserabführung erhöhen das Risiko von feuchten Fassaden.

Algenbewuchs reduzieren
Das natürliche Phänomen von Algen- und Pilzbefall ist zwar für den Hauseigentümer ärgerlich, aber hauptsächlich ein ästhetisches Problem. Auch wenn mikrobiellen Prozessen neben dem Einfluss des Klimas eine Rolle bei der Verwitterung von Fassaden zugeschrieben wird, gehen Fachleute davon aus, dass eine schädliche Wirkung dieser Prozesse erst nach mehreren Jahrzehnten eintreten und der Biofilm daher moderne Baumaterialien innerhalb ihrer Lebensdauer nicht zu zerstören vermag. Folgeschäden sehen sie allenfalls in Form von Veränderungen der Oberflächeneigenschaften von einzelnen Beschichtungsmaterialien.

Massnahmen früh berücksichtigen
Oftmals lässt sich die Besiedlung von Fassaden durch Algen und Pilze nicht vollständig verhindern – Eigentümer können sie jedoch mit geeigneten Massnahmen reduzieren oder verzögern. Schon bei der Planung und Ausführung eines Baus gilt es, unter Berücksichtigung der Gebäudeausrichtung sowie des Mikroklimas, konstruktive Massnahmen zum Wetterschutz vorzusehen. Idealerweise berät man sich noch vor Beginn der Arbeiten mit einem Fachmann über das optimale Fassadensystem mit passender Beschichtung. Dabei ist entscheidend, dass der Beschichtungsstoff zwar möglichst wenig Wasser aufnimmt, sich aber durch eine hohe Wasserdampfdurchlässigkeit auszeichnet, so dass er nach einer Durchnässung rasch wieder austrocknet.
Logischerweise hält ausserdem eine  grobe Putzstruktur – insbesondere mit waagrechten Rillen – Tauwasser länger als glatte Oberflächen. Nicht zuletzt sollten hohe, viel Schatten spendende Bäume und Sträucher nicht zu nahe an die Hauswand gepflanzt werden.

Schädliche Anstriche vermeiden
Über die perfekte Zusammensetzung von Anstrichen ist sich die Fachwelt uneinig. Auf die Beimischung von Bioziden sollte aber möglichst verzichtet werden. Weil gesetzliche Richtlinien deren biologische Abbaubarkeit vorschreiben, ist ihre Wirkungsdauer beschränkt. Zudem müssen sie wasserlöslich sein, damit sie von den Algen aufgenommen werden können. So werden sie aber innerhalb weniger Jahre aus dem Anstrich ausgewaschen und gelangen in unsere Gewässer, wo sie der Tier- und Pflanzenwelt schaden.

Jährliche Begutachtung ist sinnvoll
Der beste Schutz vor unschönen Verfärbungen ist der unerlässliche Unterhalt der Fassade, die als Schutzschicht einer normalen Alterung unterworfen ist. Es empfiehlt sich, die Aussenwände jährlich durch einen qualifizierten Maler begutachten zu lassen. So kann ein Befall schon im Anfangsstadium festgestellt und einfach sowie kosteneffizient entfernt werden, bevor sich Algen oder Pilze weiter ausbreiten und die komplette Fassade fachmännisch saniert werden muss.

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