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Mit gezielten Massnahmen gegen «Overtourism»

Es ist ein eher neuzeitliches Phänomen: Ein bestimmter Ort wird beworben, entweder von den Tourismus-Destinationen selbst oder von Nutzern von Sozialen Medien. Die Touristen kommen in Scharen, die pittoresken Orte werden überrannt. Man spricht in diesem Falle von «Overtourism». Bündner Touristiker geben nun Gegensteuer.

Südostschweiz
Dienstag, 27. August 2019, 15:11 Uhr Sommertourismus am Anschlag
Verschiedene Destinationen versuchen gegen zuviele Touristen vorzugehen. Im Bild das Heididorf in Maienfeld.
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«Dank der gratis Gästekarte haben wir die Frequenzen fast verfünffacht», sagt der Davoser Tourismusdirektor Reto Branschi gegenüber dem Regionaljournal Graubünden. Was auf den ersten Blick positiv klingt, bringt Branschi Sorgenfalten auf die Stirn. Denn die Kapazitäten der Bergbahnen seien am Anschlag. «Wenn so viele Leute kommen, dann gibt es Engpässe auf den Bahnen», führt Branschi weiter aus. Sicher hat auch die Zunahme der Biker einen Beitrag dazu geleistet, da diese viel Platz in den Gondeln benötigen. Davos schiebt nun einen Riegel vor und schafft die Gratiskarte für Gäste ab. «Wir hoffen, dass die Leute nicht jeden Tag auf den Berg gehen, wenn sie wieder – auch wenn es nur ein kleiner Betrag ist – zahlen müssen», führt Reto Branschi weiter aus. Die Bahnen können ohne Gratiskarte wieder zusätzliche Einnahmen generieren.

Kostspielige Entflechtung

Keine Gästekarten finde man auf der Lenzerheide, schreibt das Regionaljournal auf seiner Website weiter. Der Ansturm sei aber auch dort gross. «Im Winter gibt es Schlangen wegen den Skifahrern, im Sommer an Spitzentagen wegen der Bikes», sagt Marc Schlüssel von der Tourismusdestination Lenzerheide. Die Gemeinde Vaz/Obervaz zahle alleine dieses und nächstes Jahr fast zwei Millionen Franken für Wege und Trails. Das Zauberwort heisse Entflechtung.

Vor lauter Leuten den See nicht sehen?

Gleiches Problem – anderer Ort: Der Caumasee in der Destination Flims Laax Falera ist ebenfalls ein beliebtes Ausflugsziel. Beim Bau des Flimser Umfahrungstunnels wurde eine Karstquelle tangiert, der Wasser-Zufluss zum idyllischen See damit massiv gestört. Mittlerweile wird der See zwar wieder mit Wasser gespiesen, aber vor allem mit Ausflüglern geflutet. Bis zu 3000 Leute tummeln sich an schönen Tagen am Caumasee. Tourismusdirektor André Gisler von Flims Laax Falera hält laut dem Regionaljournal Graubünden folgendes Mittel für richtig: «Mir schwebt vor, dass am Morgen die Yoga-Gruppe am See ist, am Nachmittag braucht es Angebote für Familien und am Abend könnte es eine Bar oder Lounge sein.»

«Schönster Fleck der Schweiz» zollt Tribut

Mit dem Palpuogna-See bei Preda ist ein weiteres Gewässer im Kanton vom Touristenstrom betroffen. Zurück geht die Beliebtheit des Sees unter anderem auf eine Umfrage aus dem Jahre 2007. Dort wurde der Palpuogna-See vom damaligen Schweizer Fernsehen SF 1 zum schönsten Fleck der Schweiz gekürt. Die Gemeinde Bergün Filisur informiert am kommenden Montag über eine Testphase mit sogenannten Rangern. Das sind Personen, die zum rechten schauen sollen. Beim Palpuogna-See betrifft dies unter anderem die Parkierungs-Situation, Notdurft-Hinterlassenschaften, Abfall, Betretung sensibler Gebiete. Laut Mitteilung soll der Ranger die Gäste in primär auf die Naturschönheiten aufmerksam machen und die Aufenthaltsqualität am See steigern. Des Weiteren übernehme er die Aufsicht über die vor Ort geltenden Regeln wie zum Beispiel das Badeverbot oder die Leinenpflicht für Hunde.

Weltweites Problem

In Graubünden geht es aber vergleichsweise ruhig zu und her geht, wenn man an andere Ecken der Welt blickt. Das Problem vom «Overtourism» grassiert dort weitaus mehr. Die Schauplätze sind teilweise vor lauter Leuten gar nicht mehr sichtbar. Der US-amerikanische Fernsehsender CNN hat gar eine Liste veröffentlicht, welche aus diesem Grunde «unbesuchbare» Orte nennt. Neben Venedig, Dubrovnik und Barcelona enthält sie Santorin (Griechenland), Bhutan, die Isle of Skye (Schottland), Machu Picchu (Peru), Cinque Terre (Italien), Galápagos, die Antarktis, den Mount Everest und das Taj Mahal in Indien. (ham)

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