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Das Gipfelischiff ist wieder im Wasser

Drei Monate länger als geplant stand das Motorschiff Etzel in Schmerikon auf dem Trockenen. Rundum erneuert kehrt das 85-jährige Schiff in sein nasses Element zurück. Bald fährt es wieder als Gipfelischiff und für Chartergäste auf dem Zürichsee.

Linth-Zeitung
Donnerstag, 17. Januar 2019, 04:30 Uhr Vorfreude hat ein Ende

von Christian Dietz-Saluz 

Nach sieben Monaten an Land erlebte die Etzel am Montag ihre Wiedergeburt zum Schiff. Als Hebamme machte sich im Hafen der Bagger- und Kiesabbaufirma JMS in Schmerikon ein Pneukran ans Werk. Nach fast drei Stunden Vorbereitung hob er das 58 Tonnen schwere Schiff um 11.20 Uhr von seinem Holzpodest. Die Stellen, wo es den Rumpf stützte, überpinselte ein Maler noch schnell mit einer wasserfesten Farbe.

Dann hievte der Kran das Schiff in die Luft und setzte es nach wenigen Minuten mit einer Drehung um 180 Grad sanft im Obersee ab. Man glaubte, ein Schmatzen zu hören, als der Rumpf das Wasser berührte. Als ob das alte Schiffe es kaum erwarten konnte, in sein Element heimzukehren. Nun ist die Zeit des trockenen Exils auf dem Land unter dem Plastikdach vorbei.

Vom Facelifting zur Rosskur

Die Generalsanierung begann im Juni auf umgekehrtem Weg vom See aufs Land. Damals täuschten sich die Verantwortlichen der Genossenschaft MS Etzel und des Trägervereins Pro MS Etzel doppelt. Zum einen sollte die Renovation nur bis Mitte Oktober dauern. Zum anderen war dafür bloss eine Dreiviertelmillion Franken budgetiert. Die Frischzellenkur für das 1934 gebaute, 32 Meter lange und fast sechs Meter breite Schiff erwies sich aber als wesentlich aufwendiger als nur ein undichtes Dach zu erneuern.

Mit jedem Teil, das demontiert wurde, kamen neue Mängel zum Vorschein. Vor allem das Entfernen der alten Farbschichten, die Blei enthielten, brachte den nagenden Zahn der Zeit ans Tageslicht: Rostschäden am Rumpf, an der Tragkonstruktion und an den Kabinenaufbauten sowie morsches Holz im Inneren. Schliesslich entschied man sich, das geplante Facelifting zur totalen Rosskur zu erweitern. Sogar Kunstharzplatten aus den Fünfzigerjahren wurden entfernt, um die Etzel wieder möglichst originalgetreu in ihrem Urzustand herzurichten. Und weil das Schiff schon komplett skelettiert war, wurden auch gleich noch alle Elektrokabel ersetzt.

Wie in einem Ameisenhaufen

Dass die körperlich anstrengenden Arbeiten unter dem Plastikdach in der Glut des Hitzesommers zusätzliche Belastungen verursachten, passt zu dieser Geschichte. Doch der «grosse Hosenlupf», wie ihn Genossenschaftspräsident Oliver Morel bezeichnet, kam erst im Oktober, als Korrosionsschäden am Rumpf entdeckt wurden. «Wir mussten alle Schalenbleche im Bug- und Heckbereich ersetzen», sagt er. Dazu wurden rechteckige Löcher in den Schiffsbauch geschnitten und exakte Stahlbleche in die Lücken eingeschweisst.

Gleichzeitig ging es beim Innenausbau wie in einem Ameisenhaufen zu. Metallbauer, Dachspengler, Schreiner, Elektriker, Maler mussten irgendwie aneinander vorbeikommen. Unterdessen hatte die Witterung ins andere Extrem umgeschlagen. Im kalten Spätherbst froren sich die Handwerker und Freiwilligen beinahe die Finger ab.

Technisches Musterstück

Gelohnt hat sich der Einsatz, denn die MS Etzel ist ein wertvoller technischer Zeitzeuge. Von Escher Wyss in Zürich gebaut, war es weltweit das erste Schiff mit einem hydraulischen Verstellpropeller. Bei dieser Antriebsart können die Schraubenflügel strömungsgünstig steil oder flach gestellt werden. Das erhöht gegenüber starren Schrauben die Energieeffizienz und erleichtert das Manövrieren. Zudem braucht der Verstellpropeller kein Wendegetriebe für den Wechsel vom Vorwärts-zum Rückwärtsfahren. Mit der modernen Bugstrahltechnik ist der Verstellpropeller aber wieder in Vergessenheit geraten.

Die Etzel ist noch aus einem zweiten Grund ein Pionier: Sie war 1934 das erste Passagierschiff auf dem Zürichsee mit geschweisstem statt genietetem Rumpf.

Kosten von einer Million Franken

Ob solch schwimmender Technikgeschichte scheuten die Verantwortlichen keine Mühe, die ansteigenden Kosten der Renovierung auf fast eine Million Franken aufzufangen. Das ist beinahe gelungen. Die Finanzierung ist zum grossen Teil gesichert, auch wenn es nicht ohne Darlehen ging. Für die noch offenen fast 100 000 Franken ist der Verein auf Spenden angewiesen.

Jetzt ist die Etzel im Wasser. Sofort beginnen die letzten Bodenarbeiten und das Einsetzen der Fenster. Ende Januar fährt das Schiff nach Zürich, wo das Finish erfolgt. Am 29. März geht es erstmals wieder als morgendliches Gipfelischiff im unteren Seebecken auf Fahrt und steht auch wieder für Chartereinsätze zur Verfügung.

Die Vorfreude der Etzel-Kapitäne auf die Rückkehr ans Steuerrad
Die Wasserung des Motorschiffs Etzel beobachteten auch einige ältere Herren mit auffallend glänzenden Augen. Sie sind jene, die das geschichtsträchtige Schiff steuern und es kaum noch erwarten können, wieder am Steuerrad zu stehen. Heinz Bolli erklärt seine Vorfreude: «Das ist ein ganz besonderes Schiff, mit dem Verstellpropeller fährt es sich auch völlig anders, es braucht viel Gefühl.»
Stefano Butti ist aktiver ZSG-Schiffsführer. Für ihn hat die Etzel spezielle Bedeutung: «Auf diesem Schiff habe ich meine Prüfung gemacht.» Auch Martin Schrepfer brevetierte mit der MS Etzel. Seit sechs Jahren ist er Mitglied der Genossenschaft. Für ihn ist das Schiff «perfekter Ausgleich» zu seinem Beruf als IT-Techniker. Emil Surber wird der Etzel-Chefkapitän genannt, weil er schon 1972 im Dienst der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) mit ihr fuhr. Der Mann mit dem Rauschebart eines Alpöhis tätschelt zärtlich Rumpf und Propeller, als ob er seinem Pferd zuflüsterte: «Bald reiten wir los.» Die MS Etzel wurde 1999 von der ZSG ausgemustert und der Genossenschaft MS Etzel überlassen. Infos über Restaurierung, Wiederinbetriebnahme und Spendenaktion auf www.msetzel.ch.

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