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Wenn die Berge Kopf stehen

Alltagsmagie, Robert Walsers Hutablage, die Gletscherschmelze oder Geschichten der Menschen im Hier und Jetzt: Die Auswahl an Kunstprojekten, die im Zusammenhang mit dem Zehn-Jahr-Jubiläum des Unesco Welterbes Tektonikarena Sardona entstanden sind, ist vielfältig.

Südostschweiz
Freitag, 13. Juli 2018, 04:30 Uhr Zehn-Jahr-Jubiläum
Zur Tektonikarena Sardona gehören sieben Dreitausender, unter anderem der Ringelspitz (im Bild).
SUSAN RUPP

von Susan Rupp

Schroffe Felswände, grüne Hochebenen, tiefblaue Bergseen und in verschiedenen Farbtönen strahlendes Gestein: «Die Hochgebirgslandschaft im Grenzgebiet der Kantone Glarus, St. Gallen und Graubünden ist ein ‘Weltwunder der Geologie’ und unter dem Namen Tektonikarena Sardona als Unesco-Welterbe anerkannt», sagt Harry Keel, Geschäftsführer der IG Tektonikarena Sardona.

Die wohl bekanntesten Phänomene sind das Martinsloch und die Glarner Hauptüberschiebung – deutlich sichtbar als Linie in den Felswänden. Diese Linie trennt das 250 bis 300 Millionen Jahre alte Verrucano-Gestein vom darunter liegenden 35 bis 50 Millionen Jahre alten Flysch-Gestein. «Die Berge stehen im Welterbe Sardona also sozusagen Kopf, da üblicherweise jüngere Gesteine auf älteren liegen», so Keel. Grund genug, dieses Phänomen im zehnten Jahr der Zugehörigkeit zum Welterbe zu feiern.

Aktivitäten im Jubiläumsjahr

Im Jubiläumsjahr zieht die Interessengemeinschaft Tektonikarena Sardona mit Sitz in Sargans deshalb nun alle Register, um dem Welterbe die verdiente Beachtung zu verschaffen. Jubiläumsaktivitäten sollen das Bewusstsein fürs Welterbe stärken, damit auch neue Zielgruppen es aus einem bisher ungewohnten Blickwinkel kennenlernen. «Über das Kinderbuch oder den Tektonik-Song werden Kinder angesprochen, über die Kulinarik-Touren die Genusswanderer, Sportler finden sich wieder im Sardona Erlebnislauf oder im Slackline-Event», veranschaulicht Keel die Vielfalt.

«Und die Kunstprojekte sind nun etwas für die Kunstinteressierten», ergänzt er. Zudem würden sich Natur und Kultur gut ergänzen. In Berghütten in der Tektonikarena beschäftigen sich deshalb Künstlerinnen und Künstler mit dem Thema Berge, Gebirgsbildung und Tektonik. «Die Hütten im Welterbe sind wichtige Botschafter und Multiplikatoren der Welterbe-Werte. Ein verstärkter Einbezug dieser für uns sehr wichtigen Leistungsträger liegt daher auf der Hand», erklärt Keel. Da das Welterbe Sardona ein einzigartiges Wandergebiet sei, wurde der Begriff «Wanderausstellung» neu interpretiert: «Bei uns wandert nicht die Ausstellung von einem Museum zum nächsten, sondern der Betrachter der Kunstwerke», so Keel mit einem Augenzwinkern.

Von Glarus bis Graubünden

Mit dabei sind Hütten und Orte aus allen drei Kantonen in der Welterberegion. Im Kanton Glarus sind dies die Äugstenhütte, die Martinsmadhütte SAC, das Restaurant Talalpsee, die Segnespass Mountain Lodge und die Tschinglenwirtschaft. In Graubünden mit dabei sind das Bergrestaurant Eggwald, das Berggasthaus Überuf Kunkelspass, die Ringelspitzhütte SAC, die Segneshütte, das Berggasthaus Naraus, die Alp Nagens und das Berghaus Bargis. Auf St. Galler Boden sind mit dabei die Alte Post Weisstannen, das Berggasthaus Murgsee, das Laufbodenstübli, die Pizolhütte, Sankt Martin, die Sardonahütte SAC und die Spitzmeilenhütte SAC.

«Die Hütten im Welterbe sind wichtige Botschafter und Multiplikatoren der Welterbe-Werte.»

Harry Keel, Geschäftsführer IG Tektonikarena

Die Kunstprojekte, die dort anzutreffen sind, zeigen sich vielfältig: ein Kollektiv von Instagram-Fotografen zeigt Bilder aus den Alpen, es gibt eine begehbare Camera Obscura, man kann sich in einer Hütte im «Gästebuch Planet Erde» verewigen als Start einer Sammlung von Geschichten über Menschen oder in einer Installation die Gletscherschmelze verfolgen.

Land Art und Steinreise

Im Rahmen des Jubiläums werden an drei Orten «Land-Art-Projekte» umgesetzt. Im Glarnerland geht es um eine Installation beim Martinsloch. In Falera wird im Parc la Mutta Alltagsmagie in der 3500 Jahre alten megalithischen Kultstätte praktiziert. Im Murgtal wird ein Künstler seinen aus 134 benannten Sturzblöcken (wie «Robert Walsers Hutablage») bestehenden Steingarten fortsetzen. Ausserdem ist da die Steinreise von Tek, To und Nik, drei naturbelassenen, sechs bis elf Tonnen schweren Verrucano-Steinen aus der Tektonikarena Sardona, die durch die Schweiz tourten. Abschliessend sind sie jetzt zu Gast an der Bad Ragartz.

Grenzüberschreitend, grossräumig

Die meisten Jubiläumsprojekte sind überregional angelegt und sollen bewusst das grenzüberschreitende, grösserräumige Denken und Handeln fördern. «Eine der grossen Stärken der Tektonikarena Sardona ist deren Vielfalt», schwärmt Keel. Eine tolle Erfahrung sei in dieser Hinsicht der Sardona-Welterbe-Weg, der in mehreren Etappen quer durch das Welterbegebiet von Filzbach nach Flims führt. «Wer diesen Weg geschafft hat, kann einiges über das Welterbe Sardona erzählen», fügt er an.

Die Wanderausstellung, Land Art sowie die Steinreise sind noch lange nicht alles, was im Jubiläumsjahr geplant ist. Auf www.tektonik.ch ist das Gesamtprogramm einsehbar.

Künstlerinnen und Künstler
Beteiligt sind: The Alpinist, Ueli Alder, Reto Camenisch, Delphine Chapuis Schmitz, Les Frères Chapuisat, Com&Com, H.R. Fricker, Gilgi Guggenheim, Andy Guhl, Huber.Huber, Sasha Huber, Pascal Lampert, Josef Felix Müller, Laurence Piaget, Elodie Pong, Patrick Rohner, Katja Schenker, Studer/van den Berg, Lucie Tuma, Fridolin Walcher.

4 Fragen an Johannes Hedinger, Kurator Ausstellung Jubiläumskunst

1. Wie sind die Künstler für die Wanderausstellung und das Land-Art-Projekt ausgewählt worden?
Einerseits thematisch, beispielsweise Künstler wie HR Fricker, Lucie Tuma, Patrick Rohner oder Pascal Lampert, die bereits zu Themen der Alpenbildung interessante Werke gemacht haben. Andererseits auch Künstler mit spannenden Positionen, die ich kenne, und die ich auf dieses für sie neue Themenfeld ansetzen möchte.

2. Haben Sie den Künstlern Vorgaben gemacht?
Ja, den Themenrahmen. Teilweise wollte ich aber auch bestimmte, bereits bestehende Arbeiten. Meist wurden Arbeiten aber adaptiert oder ganz neu geschaffen. Oft liess ich Künstler auch den Ort und die Art der Intervention auswählen. Aber ich habe gleichzeitig auch bestimmte Positionen für bestimmte Orte und Kontexte ausgewählt.

3. Wie bringt man die Themen Kunst und Geologie/Tektonik/Natur unter einen Hut?
Künstler haben schon immer die Natur abgebildet, Sind Künstler aus den Kantonen St. Gallen, Graubünden und Glarus vertreten?sich an und mit ihr gemessen, versucht sie zu verstehen, zu erklären, zu kommentieren, zu kontrastieren. Da gibt es zig Techniken und Strategien.

4. Sind Künstler aus den Kantonen St. Gallen, Graubünden und Glarus vertreten?
Ja, aus St. Gallen Ueli Alder, Com&Com, Gilgi Guggenheim, Andy Guhl und Josef Felix Müller. Aus dem Kanton Graubünden Pascal Lampert und aus dem Kanton Glarus Patrick Rohner und Fridolin Walcher. Das Kollektiv The Alpinist besteht aus Mitgliedern aller drei Kantone.

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