×

Nationalpark: «Gezwungen, künftig Eintritt zu verlangen»

Der Schweizerische Nationalpark wird bald exotische Tiere aus dem Wildtier-Reservat des Architekten Thomas Domenig senior in Namibia beheimaten. Was sich der Nationalpark davon erhofft - und was das die Besucher kosten wird.

01.04.18 - 11:30 Uhr
Tourismus
Die Besucher wird spätestens ab 2020 Neues im Schweizerischen Nationalpark erwarten.
Die Besucher wird spätestens ab 2020 Neues im Schweizerischen Nationalpark erwarten.
ARCHIV

Die Meldung von heute Sonntagmorgen schlug ein wie eine Bombe: Der Churer Architekt Thomas Domenig senior sagt seiner zweiten Heimat Namibia Adieu. Er will sein Leben nur noch in der Schweiz verbringen. Mit im Gepäck: Eine Reihe exotischer Tiere aus seinem Wildtier-Reservat, für die er ein neues Plätzchen gefunden hat - im Schweizerischen Nationalpark. Gegenüber «suedostschweiz.ch» sprach Domenig von einer «Win-win-Situation» für beide Protagonisten. Erstmals meldet sich mit dem Nationalpark auch der zweite Protagonist zu Wort. Ein Gespräch mit Hans Lozza, Leiter Kommunikation im Schweizerischen Nationalpark.

Herr Lozza, der Schweizerische Nationalpark erhält Zuwachs aus dem Thomas Domenigs Tierreservat in Namibia. Domenig selbst sprach gegenüber «suedostschweiz.ch» von einer Win-win-Situation. Wovon profitiert der Nationalpark konkret?

Hans Lozza: Wir haben jedes Jahr rund 150'000 Besucher im Nationalpark. Viele von ihnen waren schon mehrmals bei uns und möchten natürlich immer wieder etwas Neues erleben können. Mit diesem Projekt beschreiten wir zumindest in Mitteleuropa Neuland und schaffen eine wirklich einzigartige Attraktion. Schauen Sie sich den Zoo Zürich an: Die Masoala-Halle zieht jedes Jahr Hunderttausende von Besuchern an und sorgt damit auch für eine erhebliche Wertschöpfung. Nach den touristisch schwierigen Jahren ist die Nationalparkregion dringend auf neue Impulse angewiesen. Profitieren können wir auch aus Sicht der naturwissenschaftlichen Forschung. Es wird spannend sein zu sehen, wie das natürliche System auf die Neuankömmlinge reagieren wird und was für neue Gleichgewichte sich ausbilden.

Hatten Sie nie Zweifel, dass es Thomas Domenig mit dem Projekt ernst ist?

Zuerst hatten wir auch unsere Zweifel. Doch in mehreren Gesprächen konnte er uns aufzeigen, dass ihm der Tierschutz ein wichtiges Anliegen ist. Und schliesslich wissen wir ja alle, dass Herr Domenig ein Mann der Tat ist. 

Exotische Tiere im Nationalpark. Das dürfte nicht nur positive Reaktionen geben.

Das ist uns bewusst, wir beurteilen jedoch die Chancen höher als die Risiken. In Anbetracht der Klimaerwärmung müssen wir uns auch Gedanken machen, welche Tiere in Zukunft überhaupt noch im Nationalpark leben können. Den Schneehühnern und Steinböcken ist es heute schon zu warm. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis neue Arten einwandern. Der Nationalpark kann hier als Versuchsfläche wertvolle Erkenntnisse liefern. Zudem haben wir darauf geachtet, dass wir nicht in Konflikt mit den Jägern und Bauern kommen. Die gewählten Arten sind harmlos, und falls einzelne Tiere den Nationalpark verlassen sollten, können sie in ferner Zukunft sogar die Bündner Jagd bereichern.

Ist denn schon bekannt, welche Tiere bei Ihnen eine neue Heimat finden? 

Wir möchten nur Arten, bei denen wir das Gefühl haben, dass sie die nötige Robustheit mitbringen, um unsere Winter zu überstehen. Zudem müssen es Tiere sein, die im Gebirge leben können. Giraffen können wir uns da schlecht vorstellen. Doch Bärenpaviane, Strausse, Springböcke und Warzenschweine bringen unseres Erachtens die notwendigen Eigenschaften mit. 

Diese Tiere einzuführen und zu beheimaten dürfte einen enormen Aufwand bedeuten.

Allerdings. Aus eigener Kraft könnten wir das nie bewältigen. Wir haben ein Büro reserviert für die Ablage sämtlicher Anträge, Bewilligungen, Impfscheine, Quarantäneprotokolle und Importpapiere. Doch Thomas Domenig hat uns zugesichert, dass er seine ganze Energie und sein breites Beziehungsnetz für dieses Projekt einbringen wird. 

Das wird den Nationalpark einiges kosten. Oder wie sind die Kosten verteilt?

Auch hier spielt Thomas Domenig die Schlüsselrolle. Er wird den Hauptteil der Kosten tragen. Zudem werden wir gezwungen sein, künftig einen Eintritt in den Nationalpark zu verlangen. Doch wir sind überzeugt, dass unsere Gäste gerne einen Beitrag zum Gelingen dieses spannenden Projekts leisten werden. 

Wie wollen Sie das fehlende Know-how im Umgang mit den neuen Tieren kompensieren? Mit mehr Personal?

Sicher werden wir ein paar zusätzliche Parkwächter einstellen müssen. Support erhalten wir von verschiedenen Schweizer Zoos. Diese werden ihrem Personal im Rahmen einer Job-Rotation die Möglichkeit geben, einzelne Wochen bei uns im Einsatz stehen zu können und dadurch wertvolles Know-how zu erlangen. 

Laut Thomas Domenig sollen die Tiere ab kommendem Jahr die Schweiz beehren. Ein realistisches Ziel?

In Anbetracht der bürokratischen Hürden könnte sich das als sehr ehrgeiziges Ziel erweisen. Wir gehen davon aus, dass das Projekt bis 2020 umgesetzt sein könnte. 

«Echt wild» lautet der Slogan des Schweizerischen Nationalparks bislang. «Echt multikulti» wäre doch ein guter künftiger Slogan?

Wir bleiben beim Slogan, denn die Tiere aus Namibia sind auch absolut wild und werden sich im einzigen Schweizer Nationalpark bestimmt wohlfühlen. Schliesslich werden sie ja nur am Anfang in Gehegen gehalten, um sich zu akklimatisieren. Anschliessend werden wir sie in die Wildnis entlassen.

Kommentieren
Kommentar senden

Seit vielen Jahren haben meine Frau und ich immer wieder Urlaub im Unterengadin gemacht. Uns hat auch immer wieder der Nationalpark um Zernez/Ofenpass gereizt. Wir wollten nicht unbedingt was neues entdecken - nein, uns gefiel einfach die Ursprünglichkeit. Die neuen Ideen mit Tieren aus der Region Nabibia/Afrika haben dort einfach keinen Ansatz zum Entdecken von Neuem. Wer die neuen Tiere sich anschauen will, soll seinen Urlaub in Afrika machen oder evt. in einen Zoo(??) gehen. Aber um an Geld zu kommen, scheint sich die Nationalparkverwaltung nichts zu schade zu sein, solch neue Ideen ins Auge zu fassen. Also lasst den Blödsinn sein, viele werden es euch danken.

Mehr Kommentare anzeigen
Mehr zu Tourismus MEHR