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Raffaela Zollo: «Nach der Operation ist man für drei Monate tot»

Raffaela Zollo kam als Junge zur Welt. Schnell merkte sie, dass etwas nicht stimmte und sie sich fremd im eigenen Körper fühlt. Wir haben mit ihr über ihr Leben gesprochen.

Annina
Good
Dienstag, 14. November 2017, 17:20 Uhr Fremd im eigenen Körper

Raffaela, vor zehn Jahren ging es dir noch nicht so gut...
RAFFAELA ZOLLO: Heute geht es mir gut. Geboren wurde ich als Junge und vor rund zehn Jahren habe ich gemerkt, dass ich mich in meinem Körper nicht wirklich wohlfühle und lieber eine Frau sein möchte. Das war kein einfacher Weg. Die Sache ist die: Wenn du jung bist, weisst du noch nicht wirklich, was mit dir los ist. Du weisst nicht, wieso du anders bist und stellst dir so viele Fragen. Und das Dorf in dem ich geboren bin, Poschiavo, ist so ein kleines Dorf. Für mich als Kind war es deshalb sehr schwierig herauszufinden, ob ich mich nun als Frau fühle oder ob ich nur ein homosexueller Mann bin. Mit 13 Jahren habe ich dann eine Fernsehsendung gesehen, in der eine Transsexuelle gezeigt wurde. Ab diesem Moment habe ich genau gewusst, dass ich lieber eine Frau sein möchte als weiterhin ein Mann zu bleiben. Ich fühlte mich auch nie als Mann. Ich hatte einfach einen männlichen Körper gehabt. Aber im Kopf war ich immer eine Frau gewesen.

Wie war das für deine Eltern, als du ihnen gesagt hast, dass du eigentlich eine Frau bist, gefangen im falschen Körper?
Ich erinnere mich, dass ich einen Brief geschrieben habe und diesen unter das Kopfkissen meiner Eltern gelegt habe. Am nächsten Morgen hatte ich solche Angst in die Küche zu gehen, da ich Angst vor der Reaktion hatte. Aber die Reaktion war ganz gut, besonders von meiner Mutter. Sie hat von Anfang an gesagt: Schau wir unterstützen dich, du bist trotzdem unser Kind. Hauptsache du bist happy.

Du hast vorhin deine Heimat bereits angesprochen, das Puschlav. Ich denke, das ist ein bisschen wie das Engadin. Bei solchen Themen hinken die Einheimischen eher noch ein wenig hinterher. Wie reagieren die Leute auf dich, wenn du zurück ins Puschlav gehst?
Also es ist ein riesiger Unterschied, wenn ich heute nach Poschiavo gehe als noch vor zehn Jahren. Damals waren die Reaktionen überhaupt nicht gut, da mich immer alle gefoppt haben. Aber jetzt, wo ich in den sozialen Medien sehr bekannt geworden bin, finden die Leute das irgendwie toll, dass ich so bin. Und alle Leute, die mich früher fertiggemacht haben, kommen jetzt zu mir und sagen mir wie hübsch ich bin und gratulieren mir. Von dem her werde ich nun überall sehr freundlich empfangen.

«Ab und zu zu lächeln, löst viel mehr Probleme, als diese Versessenheit, sich weiter zu beklagen und deprimiert zu sein.»

Deine Mitschüler haben sicher gemerkt, dass du etwas anders bist als sie. Wie haben sie darauf reagiert?
Als ich die Schule mit sieben Jahren angefangen habe, war ich sehr weiblich. Die Leute dachten immer, dass ich einfach homosexuell bin. Ab der zweiten Sekundarschulstufe habe ich dann gemerkt, dass ich lieber eine Frau sein möchte. Das hatte ich aber nie wirklich ausgesprochen. Damals war ich überhaupt nicht selbstbewusst und durch das tägliche Mobbing habe ich eine grosse Wand vor mir aufgebaut. Ich hatte auch Angst, alleine auf die Strasse hinauszugehen. Ab 16 Jahren besuchte ich dann eine Psychologin und ab diesem Moment wurde ich immer selbstbewusster.

Ist das Gefühl, selbstbewusst zu sein, auch mit der Umwandlung gekommen?
Ja, absolut. Ich erinnere mich, dass ich in einem Bus auf dem Nachhauseweg von meinem Ausbildungsort in St. Moritz war. Damals stellte ich mir die Frage: Wieso habe ich Angst vor den Leuten? Wieso lasse ich es zu, dass mich die Leute so schlecht behandeln? Ich sagte mir, dass ich letztlich nur ein Leben habe und dass ich toll bin. Natürlich bin ich anders, aber ist das überhaupt schlimm? In diesem Moment habe ich damit begonnen, mein Selbstbewusstsein aufzubauen. Die Umwandlung hat mir dann sehr geholfen, da ich wirklich damit anfangen konnte, ich selbst zu sein.

Wie war nun diese Zeit? Es ist ja gerade etwa zehn Jahre her, als du angefangen hast mit den ersten Operationen. Wie hast du diese Zeit durchlebt?
Als ich ab 16 Jahren angefangen habe zur Psychologin zu gehen, war ich sehr glücklich. Mit 18 Jahren durfte ich Hormone zu mir nehmen und habe auch damit begonnen, mich als Frau zu kleiden. Zuvor, während der Lehre, durfte ich das nicht. Der Chef hat das nicht gewollt. Die Psychologin hatte mir gesagt, dass es das Beste wäre, wenn ich zu meinem Chef gehe und ihm sagen würde, dass ich lieber eine Frau sein möchte. Ich fragte ihn dann auch, ob ich mich als Frau kleiden dürfe. Er sagte mir darauf, dass dies nicht gehe. Ihm tue es aber leid, dass ich eine Frau sein möchte, da ich ein hübscher junger Mann sei. Deswegen habe ich erst mit 18 Jahren – also nach der Lehre – angefangen, als Frau zu leben. Anschliessend hatte ich dann mit 19 Jahren meine Geschlechtsumwandlung.

Vielleicht ist es eine zu persönliche Frage. Viele fragen sich aber bestimmt, wie eine solche Geschlechtsumwandlung funktioniert. Kannst du das erklären?
Also möchtest du wissen wie eine Geschlechtsumwandlung aussieht oder ob alles funktioniert? (lacht)

Ja, so ein bisschen beides?
Eine Geschlechtsumwandlung zu erklären ist schon sehr schwierig. Es gibt auf Youtube ganz viele Videos zum Thema. Diese kann ich mir noch immer nicht anschauen, da man nach der Operation für drei Monate quasi tot ist. Nicht tot in dem Sinne, aber man ist einfach nicht mehr brauchbar in dieser Zeit. Es braucht einen sehr langen Heilungsprozess bis man überhaupt wieder fähig ist, Sex zu haben. Bis man sich also wieder wohlfühlt, dauert es mindestens sechs Monate. Nach meiner Geschlechtsumwandlung dauerte es bestimmt ein Jahr, bis ich wieder normalen Geschlechtsverkehr haben konnte. Aber ja, es funktioniert alles normal. Ich habe eine Klitoris und Schamlippen. Es ist also alles so wie bei einer normalen Vagina. Das ist aber nicht immer so. Jeder Fall ist anders, bei mir funktioniert aber alles blendend.

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews mit Raffaela Zollo vom Mittwoch:

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