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Wilhelm fordert ein Umdenken beim IOC

Andri
Dürst
06.02.22 - 08:00 Uhr
Schweiz und Welt
1925254
Fahnen zum Thema Olympia, fotografiert am 13.2.2013.

Bei der Suche nach Vertretern der beiden Lager wurde schnell klar, dass die Auswahl auf den jetzigen und auf den vorherigen Landammann fällt. Während Tarzisius Caviezel (FDP) an vorderster Front für Olympische Spiele in Graubünden und somit in Davos kämpfte, wehrte sich Philipp Wilhelm (SP) vehement dagegen. Wie blickt dieser nun auf den nun startenden Anlass? Und hat Davos gar eine Chance verpasst?

DZ: Für die Skirennen in China wurden in Nationalpärken Pisten angelegt, die mit Wasser beschneit werden müssen, das von weit her zugeführt werden muss – und all dies in einem Gebiet mit Wüstenklima. Sie selber setzten sich ja für Umweltschutz ein. Solche Spiele wie in Peking können doch nicht in Ihrem Interesse sein?

Philipp Wilhelm: Nein, das hat natürlich mit Nachhaltigkeit nicht viel zu tun. Dazu kommen ja auch soziale Aspekte zum Tragen. Die harte Hand, mit der die Bürgerinnen und Bürger sowie jetzt mit Covid auch die Teams angefasst werden, ist schon schwierig. Natürlich wünsche ich dennoch allen Teilnehmenden emotionale und unvergessliche Momente in China.

Auch von Boykottierungen der Olympischen Spiele war jüngst immer mal wieder die Rede. Solche Diskussionen wären bei einer Durchführung in Graubünden wohl kaum aufgekommen. Wäre es im Sinne des olympischen Gedankens nicht zielführender gewesen, die Spiele hierher zu holen?

Nein. Es macht eben im Sinne des olympischen Gedankens keinen Sinn, Spiele dort zu machen, wo es die Leute vor Ort nicht wollen. Und der Bündner Souverän hat ja zwei Mal Nein gesagt innert weniger Jahren. Und es hat sich ja nicht nur bei den beiden Abstimmungen in Graubünden, sondern bei vielen weiteren Absagen aus anderen demokratischen Ländern gezeigt, dass das Vertrauen in die Vorstellung, dass Olympische Spiele mit heutigen Anforderungen für den Austragungsort nachhaltig ausgestaltet werden können, nicht existiert. Wichtig wäre, dass aus diesen vielen Absagen gelernt wird und die Anforderungen überdacht werden.

An was denken Sie konkret?

Man muss sich beispielsweise die Frage stellen, ob es Sinn macht, immer wieder an einem anderen Ort die Infrastruktur von Null auf neu aufzubauen. Schliesslich fanden die antiken Olympischen Spiele auch immer am gleichen Standort statt. Heute könnte man mit einem Rotations-Modus arbeiten und die Spiele alternierend an verschiedenen Orten austragen.

Als Landammann müssen Sie nun schauen, wie das Geld für wichtige Infrastrukturprojekte – zum Beispiel das Generationenprojekt – aufgetrieben werden kann. Mit der Kandidatur für die Olympischen Winterspiele hätten Sie diese Probleme wohl nicht, denn dank Bundesgeldern wären zahlreiche Infrastrukturen entstanden, mit denen Davos «putzt und gstrählt» gewesen wäre. Bereuen Sie im Nachhinein die Ablehnung der Olympia-Kandidatur?

Nein, überhaupt nicht. Es ist richtig, das Generationenprojekt und auch ein allfälliges Agglomerationsprogramm wird viele Mittel benötigen. Darum ist ganz wichtig: Bevor wir steuerliche Anpassungen machen, müssen wir darüber Klarheit haben, wohin wir wollen und wie viel Mittel wir dazu brauchen. Denn noch können wir von einer soliden Finanzlage ausgehen. Es ist zudem natürlich einfach, heute zu sagen, dass wir jetzt alle Probleme gelöst hätten, wenn heute die Spiele wären. Dieser Aussage habe ich so noch nie getraut. Mit Sicherheit wäre viel investiert worden. Aber ob genau in die Projekte, die wir in Zukunft brauchen, das steht in den Sternen. Sprich, eine neue Dreifachturnhalle, ein Ortszentrum Arkaden, ein Kulturplatz – all dies wäre vielleicht gar nicht gebaut worden, wenn wir auf die Karte «Olympia «gesetzt hätten. Und wenn wir eben in andere Städte schauen, war es oft eher so, dass viel gebaut wurde, das danach unternutzt war und auf der anderen Seite das Geld fehlte für Investitionen, die es wirklich brauchte. Darum war oder ist die Skepsis ja wie gesagt nicht nur in Graubünden sehr gross. Dass es vielleicht immer Staaten gibt, die sich das leisten können und wollen, mag schon sein. Ich hoffe trotzdem, dass sich das IOC (Internationales Olympisches Komitee) mal intensive Grundsatzgedanken dazu macht, wie mit diesem Vertrauensproblem umgegangen werden soll.

Inwiefern würden Sie als Landammann einer erneuten Olympia-Kandidatur Hand bieten?

Das macht aus meiner Sicht keinen Sinn. Wenn wir uns den zweimaligen, riesigen Aufwand vor Augen führen, der dann doch in einem noch stärkeren Nein (Abstimmung von 2017, die Red.) als beim ersten Mal führte, dann glaube ich, sollten wir unsere Ressourcen nun konzentriert in die Weiterentwicklung des Ortes investieren. Die bisherige Gemeinderegierung hat das ja sehr gut gemacht, und diesen Weg sollten wir weiterverfolgen.

Teil 2 mit Tarzisius Caviezel folgt nächste Woche

Landammann Philipp Wilhelm.
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