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«Einheimische müssen notfalls zum Umsteigen auf den ÖV gezwungen werden»

«Einheimische müssen notfalls zum Umsteigen auf den ÖV gezwungen werden»

Ideenreich oder illusionistisch – über die Ideen der «Wildmannli Tafel uf Tafaas» scheiden sich die Geister. Im Gespräch erklärt Wildmannli-Schreiber Patrik Wagner, wie der Verein die aktuelle Entwicklung in Davos beobachtet, und was hinter ihren Ideen steckt.

Andri
Dürst
11.05.22 - 17:00 Uhr
Politik
Wildmannli-Schreiber Patrik Wagner hat schon an einigen Themenheften mitgewirkt.
Wildmannli-Schreiber Patrik Wagner hat schon an einigen Themenheften mitgewirkt.
ad

Der Verein, der mit dem «Wildmannli Wiitblick» auch eine Denkfabrik beinhaltet, hat schon viele Ideen zur Weiterentwicklung von Davos präsentiert. Mit der Publikation von verschiedenen Themenheften regen die Wildmannli immer wieder Diskussionen zu verschiedenen Themen an. So äusserte man sich zur Attraktivitätssteigerung des Strandbades, verfasste ein Manifest zur Gastfreundschaft und forderte mehr Arbeitsplätze im Bereich der Digitalisierung. Doch das Hauptaugenmerk liegt auf dem Bereich Verkehr. Ein Thema, das unabhängig von den Ideen der Wildmannli in Davos oft heiss diskutiert wird.

DZ: Die «Wildmannli Tafel uf Tafaas» setzt sich seit Jahren für ein Umdenken beim Davoser Verkehr ein. Könnten Sie die Leserschaft kurz zum aktuellen Stand Ihrer Forderungen informieren?

Patrik Wagner: Der Verkehr ist nach wie vor unser Hauptthema. Aber wir setzen uns auch weiterhin ein für zusätzliche Arbeitsplätze, die vom Tourismus unabhängig sind. Als gute Beispiele sind hier die Investitionen der Kühne-Welt beim Medizincampus Davos oder das neue KI-Forschungsinstitut «Lab42» zu nennen. Zu hoffen ist, dass sich daraus neue Start-Ups entwickeln, die wiederum neue Arbeitsplätze vor Ort generieren. Doch auch die Diskussion um Arbeitsplätze hängt mit der Verkehrsthematik zusammen. Eine Verkehrsberuhigung ist die ­Voraussetzung für die wirtschaftliche Weiterentwicklung. Der Verkehr ist somit der rote Faden bei unseren Zukunfts­visionen.

Sie bemängeln unter anderem, dass das Vorantreiben des Gesamtverkehrskonzeptes der Gemeinde nur schleppend verläuft. Wie mir von der Gemeinde mitgeteilt wurde, sollte das Gesamtverkehrskonzept nun aber auf das kommunale räumliche Leitbild abgestimmt werden. Solche gesamtheitlichen Lösungen sollten doch auch in Ihrem Sinne sein?

Einverstanden! Das Ganze sollte danach auch mit einem Verkehrsentwicklungsplan für die nächsten 50 Jahre abgestimmt werden. In Zukunft braucht es stets eine rollende Planung. Noch eine Anmerkung wegen des Abwartens: Zu hoffen ist nun, dass aufgrund der Wartezeit nicht irgendwo Insellösungen entstehen, die dann nicht mehr ins Gesamtkonzept passen.

Kommen wir auf einige der Wildmannli-Projekte zu sprechen. In Ihren Themenheften formulieren Sie zahlreiche Ziele. Oft ist aber nicht klar, wie die Wege zu diesen Zielen aussehen. Wie soll beispielsweise der von Ihnen grosszügig angedachte Umbau des künftig verkehrsfreien Postplatzes (siehe DZ vom 14. April) finanziert werden?

Hierbei gilt es zu betonen, dass die Neugestaltung des Postplatzes auch in den Legislaturzielen enthalten ist. Wie die definitive Lösung aussieht, ist ja noch offen. Unser Konzept ist lediglich ein Vorschlag, eine Anregung. Wegen der Finanzierung: Die Gemeinde hat in den letzten Jahren viel investiert, siehe Eisstadion oder Arkadenplatz. Somit sollte sicherlich auch Geld für den Postplatz vorhanden sein. Man müsste auch ins Auge fassen, die umliegenden Liegenschaften wie Coop und Rätia in die Finanzierung miteinzubeziehen – denn diese würden von einer Attraktivitätssteigerung auch profitieren. Und schlussendlich gilt: Gute Lösungen dürfen auch etwas kosten. Denn bricht man die Investitionen auf eine Lebensdauer von 50 bis 70 Jahren herunter, lohnt es sich, auch mal etwas mehr Geld aus­zugeben.

Der Abbau der Parkplätze am Postplatz war schon oft Thema auf dem politischen Parkett und ist bis jetzt immer gescheitert. Wieso sollte es aus Ihrer Sicht dieses Mal klappen?

Das Problem ist ein altes. Nun aber kann man es nicht weiter hinauszögern. Es muss endlich etwas getan werden.

Die Neugestaltung des Postplatzes und des Bubenbrunnenparks ist nicht nur eine Idee der Wildmannli, auch die Gemeinde plant dort die Errichtung einer Begegnungszone.
Die Neugestaltung des Postplatzes und des Bubenbrunnenparks ist nicht nur eine Idee der Wildmannli, auch die Gemeinde plant dort die Errichtung einer Begegnungszone.
zvg

Ein oft formuliertes Ziel der Wildmannli ist es, den «hausgemachten» Verkehr drastisch zu senken. Wie aber bringt man Herr und Frau Davoser dazu, ihre Gipfeli am Sonntagmorgen nicht mehr mit dem Auto zu holen?

Zuerst einmal appellieren wir hier an die Vernunft. Zum anderen ist zu hoffen, dass mit einer besseren ÖV-Erschliessung auf den Nebenstrassen mittels On-Demand-Kleinbussen – beispielsweise an der Scaletta- oder Mattastrasse – vermehrt Leute vom Auto auf den Bus umsteigen. Ändert sich dadurch immer noch nichts, dann muss die Gemeinde Massnahmen ergreifen, wie beispielsweise «Road Pricing» oder Beschränkungen auf andere Weise (Autos mit einer geraden Endziffer auf dem Nummernschild dürfen nur Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag fahren, solche mit ungeraden Endziffern an den anderen Tagen – als Beispiel). Man kann schliesslich nicht nur die Feriengäste zum Umsteigen auf den ÖV zwingen, auch der Einheimische muss mitmachen. Schliesslich bringt eine Verkehrsberuhigung allen etwas, indem sie die Attraktivität des Ortes steigert. Dies führt zu mehr Prosperität in Davos, was auch für die Ansiedlung von neuen Arbeitsplätzen von Vorteil ist.

Mit dem Generationenprojekt am Bahnhof Dorf soll ja ein «grosser Wurf» entstehen. Die Idee nach einer Bahnhofsverschiebung und einem ÖV-Hub formulierten die Wildmannli ja bereits vor einigen Jahren. Das Projekt müsste demnach bei Ihnen für viel Freude sorgen, richtig?

Ja, wir sind sehr froh, läuft in dieser Sache etwas. Wichtig ist auch hier, dass das Generationenprojekt ins Gesamtverkehrskonzept eingebunden wird. Jetzt ist noch der Zeitpunkt, bei dem man beides aufeinander abstimmen kann. Aus unserer Sicht ist es vor allem wichtig, dass ein genügend grosses Parkhaus für Tagestouristen und mit 24-Stunden-Auffangparkplätzen entsteht. Doch allzu detailliert wollen wir uns zu diesem wichtigen verkehrsstrategischen Vorhaben noch nicht äussern. Im Sommer – direkt nach der Einreichfrist für den Ideenwettbewerb – werden wir ein neues Themenheft herausgeben, das sich einigen Fragen zum Generationenprojekt widmet. Klar ist für uns: Wenn das Projekt scheitert, wäre das schade. Es muss aber scheitern, wenn es die Aufhebung von Bahnübergängen nicht vorsieht, den Zielverkehr nicht an dieser Stelle stoppt – Stichwort 24-Stunden-Parkplätze – und nicht ein generelles Umsteigen auf Bahn, Bus und Fahrrad stattfindet.

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