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Afghanisches Flüchtlingspaar ist gefangen im «Paradies»

Das Asylzentrum Bergruh in Amden ist für Aufenthalte bis zu einem Jahr ausgerichtet. Schon seit über drei Jahren wartet ein afghanisches Ehepaar auf einen Bescheid – und stösst dabei an seine Grenzen.

Fabio
Wyss
Mittwoch, 11. Dezember 2019, 10:06 Uhr Seit vier Jahren auf der Flucht
In der Ammler Bergruh: Seit über zwei Jahren lebt in diesem Asylheim ein afghanisches Ehepaar.
Bilder Fabio Wyss / zVg

Auf dem Vorplatz des Ammler Asylzentrums Bergruh jagen Kinder umher. Keine Wolken am Himmel. Über dem Walensee hängen Nebelschwaden. Alles eitel Sonnenschein? Weit gefehlt. «Ich kann nicht mehr länger», sagt Malihe Nabizadeh mit Tränen in den Augen. Seit fast dreieinhalb Jahren warten sie und ihr Mann auf den Asylbescheid.

«Sonst töten wir dich»

Ihr Mann, Jawad Esmailzada, arbeitete als Geschichts- und Religionslehrer in Afghanistan. Wenn seine Schüler ihn über die Taliban ausfragten, äusserte er sich hin und wieder kritisch und hinterfragte das Handeln der fundamentalistischen Terrorgruppe. Eines Tages erhielt er Post: «Wenn du nicht mit uns zusammenarbeitest, töten wir dich», stand im Brief, unterschrieben und gestempelt von den Taliban.

Das war aber nicht der einzige Grund für die Flucht. Ein Geschäftspartner hat den 40-Jährigen um umgerechnet 8000 Franken geprellt. Esmailzada bewirkte, dass sein ehemaliger Partner ins Gefängnis musste. Das trug ihm Lob und Respekt ein von anderen, die ebenfalls vom Beschuldigten über den Tisch gezogen wurden. Sie sagten aber auch: «Wenn er in ein paar Jahren rauskommt, wird er dich töten, das ist dir doch klar?» Seit 40 Jahren herrsche in Afghanistan Krieg, sagt Esmailzada. Sie flüchteten.

Täglich am Tisch mit 100 anderen

In der Schweiz beschränkt sich die Privatsphäre des Ehepaars auf 20 Quadratmeter; so gross ist ihr Zimmer. «Frühstück, Mittag- und Abendessen mit hundert anderen, und das jeden Tag», klagt die 28-Jährige. Stickige Luft, lautes Stimmenwirrwarr und immer wiederkehrende Mahlzeiten zeichnen die Kantine aus.

Ein Teil ihrer Familie flüchtete schon vor Längerem in die Schweiz. Sie, kaum erwachsen, musste in Afghanistan bleiben. Für einen Familiennachzug war sie um ein paar Monate zu alt. Stattdessen übernahm sie acht Jahre lang die Mutterrolle für ihren kleinen Bruder.

Die traumatisierte Frau wird behandelt. Seit eineinhalb Jahren findet sie ohne Medikamente keinen Schlaf.

«Für Frauen ist es schwierig in Afghanistan.» Ihre Stimme stockt. Mit der Erinnerung kommen wieder Tränen. Die traumatisierte Frau wird behandelt. Seit eineinhalb Jahren findet sie ohne Medikamente keinen Schlaf.

Ein Leben auf 20 Quadratmetern: So viel Privatsphäre muss für Malihe Nabizadeh und Jawad Esmailzada reichen.

Auch Migrationsamt muss warten

Wie lange müsst ihr noch warten? «Wir haben keine Ahnung», antwortet ihr Mann. Vier Jahre lang sind sie schon unterwegs. Via Iran, Türkei, Griechenland und Italien kamen sie in die Schweiz. Die Flucht kostete mitsamt Bezahlung eines Menschenschleppers um die 25'000 Franken. Als Lehrer verdiente er in Afghanistan rund 200 Franken pro Monat. Dazu verdiente er mit Immobiliengeschäften Geld.

Das Asylgesuch der beiden wurde erstinstanzlich abgewiesen, daraufhin rekurrierte das Paar. Seither sind sie dem erweiterten Verfahren zugewiesen. Das zuständige Bundesverwaltungsgericht St. Gallen wie auch das Amt für Migration (SEM) dürfen keine Auskünfte erteilen, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt. Das SEM setze alles daran, die Fälle im erweiterten Verfahren innerhalb der gesetzlichen Ordnungsfrist von ungefähr einem Jahr abzuschliessen, lässt das Amt verlauten. Aber: «Es gibt verschiedene äussere Faktoren, die einen Verfahrensabschluss verzögern können. Solche Faktoren kann das SEM nicht beeinflussen. So etwa, wenn auf die Antwort einer Botschaftsanfrage gewartet werden muss.»

Das Warten nagt am Paar: In den ersten Monaten habe er Deutsch gebüffelt, seinen Führerschein gemacht. «Ich war richtig motiviert, um zu lernen für das Leben hier», sagt Esmailzada. Er hätte sogar schon mehrfach Arbeit gefunden. Da er aber wegen des N-Status über keinen festen Wohnsitz verfügt, kam es nicht zum Arbeitsvertrag.

Stattdessen führt er fast alleine das Café «Kardamom» des Asylzentrums. Seine Frau hilft meist in der Kantinenküche aus. Beide sind acht Stunden täglich beschäftigt. Was fehlt, ist die Perspektive. Monatelang hören sie nichts von den Behörden.

«Ich würde nie sagen, das Heim ist nicht gut, es ist auszuhalten für sechs Monate, vielleicht bis zu einem Jahr, aber nicht so lange wie wir hier sind», sagt Esmailzada. Frischgewaschene Kleider hängen die beiden im Zimmer auf. Da das Stockbett zu eng ist, schläft das Paar am Boden. Die Matratzen räumen sie tagsüber zu ihren Habseligkeiten auf das Bettgestell. Sonst könnten sie sich im Zimmer nicht bewegen.

Neun Monate sind ideal – 39 real

Stephan Trachsel, Leiter des Asylzentrums, sagt auf Anfrage, dass Aufenthalte von neun Monaten ideal wären, in dieser Zeit lernten Asylsuchende die Sprache und würden selbstständig. Das afghanische Paar weilt aber nach Heimaufenthalten in Kreuzlingen und Neckermühle schon seit über zwei Jahren in der Bergruh, dem umfunktionierten Kurhaus. So lange wie niemand anderes im Asylzentrum.

Das betroffene Paar sagt dazu: «Wir haben viele Familien kommen und gehen sehen. Wir haben darunter viele Freunde gefunden, alle sind wieder gegangen, während wir hierbleiben.» Die Nebelschwaden über dem Walensee haben sich mittlerweile aufgelöst. Und die Sonne ist hinter den Bergen verschwunden.

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