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Aufregende Nacht am Julier

Tieflader mit ungewöhnlicher Fracht haben letzte Nacht mehrere Engstellen auf der Julierpass-Strasse in Millimeterarbeit passiert. Transportiert wurde der Theaterturm von Origen.

Ruth
Spitzenpfeil
30.06.17 - 07:00 Uhr
Kultur

Bewohner der Dörfer zwischen Savognin und der Julierpasshöhe sowie zahlreiche extra angereiste Schaulustige sind vergangene Nacht Zeuge eines besonderen Spektakels geworden: Drei Tieflader mit hausgrossen Bauteilen haben Abschnitte der Passstrasse während Stunden blockiert. Der Transport verlief für die Baufirma trotz eines heftigen Gewitters mit Starkregen und mehrerer Baustellen nach Plan. Trotzdem musste in Mulegns und Bivio der Atem angehalten werden.

Was hat sich da hinaufbewegt auf 2280 Meter über Meer? Der Theaterturm des Festivals Origen, der bis Ende dieses Monats auf dem Julierpass 30 Meter in die Höhe wachsen soll, wurde in den letzten Wochen in Savognin vorgefertigt. In den Werkhallen der Firma Uffer warten 40 Einzelteile des aus zehn Ecktürmen gefertigten Bauwerkes darauf, an ihren Bestimmungsort gebracht zu werden, wo sie dann von einem gewaltigen Baukran aufeinandergesetzt werden.

 Die Module sind fünfeckig, sechs bis acht Meter lang mit vier Metern Durchmesser, haben also die Ausmasse eines kleineren Einfamilienhauses. Einen solchen Schwertransport musste man in die Nacht verlegen, um den regen Verkehr auf der momentan ohnehin von Baustellen geplagten Passstrasse nicht noch mehr zu belasten. Erste Lastwagen hatten die Strecke bereits in der Nacht auf Donnerstag passiert, vergangene Nacht fand aber die Veranstaltung von Origen zum Turm-Transport in Mulegns statt, die den eigentlichen Startschuss für das Spektakel bilden sollte.

Zehn Helfer im Einsatz

Um 22 Uhr setzten sich drei Tieflader in Savognin in Bewegung. Begleitet wurden sie von zehn Helfern in weiteren Fahrzeugen, die an heiklen Stellen jeweils die Absperrungen vornahmen. Erstmals gezirkelt werden musste in der Ortsdurchfahrt von Tinizong. Richtig ernst wurde es aber in Mulegns, wo der Konvoi um 22.30 eintraf. Während der Donner grollte und schwerer Regen niederprasselte, mussten die Fahrer Millimeterarbeit leisten. Nicht einmal eine Handbreit passte mehr zwischen dem Turmteil und der Hauswand linker Hand an der bekannten Engstelle. Gleichzeitig musste man aufpassen, dass der Balkon am historischen Wohnhaus auf der anderen Strassenseite nicht weggerissen wurde.

Nicht immer funktionierte das auf Anhieb, es musste einige Mal rangiert werden. Doch schliesslich passierten alle drei Sattelschlepper in Schritttempo das Dorf Mulegns. Einige Kilometer passaufwärts wartete dann in Bivio die nächste Prüfung für die Fahrkunst der Chauffeure, weil hier auch noch mitten im Dorf derzeit die Fahrbahn für Unterhaltsarbeiten aufgegraben ist. Doch auch diese Engstelle wurde bewältigt.

Schaulustige in Mulegn

In Mulegns verfolgten besonders viele Zuschauer das ungewöhnliche Schauspiel. Denn Origen hatte zur «Nacht der Kurven» in das Hotel Löwen geladen. Es war eine der Veranstaltungen, mit denen das Kulturfestival die Baustelle des Julierturms begleitet. Und so wurden die rund 60 Teilnehmer von einer spannenden Lesung unterhalten, während sie im prachtvollen Speisesaal des alten Hotels auf den Schwertransport warteten. Der Schauspieler Samuel Streiff, bekannt unter anderem aus «Der Bestatter», las Texte zum Turmbau aus der Bibel, von Kafka und Umberto Ecco.

In der letzten Nacht wurde sechs Turmteile in zwei Fahrten auf den Pass gebracht, wo schon sechs Module von der vorherigen Nacht standen. Es braucht also noch mindestens vier weitere Transport-Nächte, bis alles auf den Pass geschafft ist, und der Turm fertiggestellt werden kann.

Alles zum Turmbau:

Ruth Spitzenpfeil ist Kulturredaktorin der «Südostschweiz» und betreut mit einem kleinen Pensum auch regionale Themen, die sich nicht selten um historische Bauten drehen. Die Wahl-St.-Moritzerin entschloss sich nach einer langen Karriere in der Zürcher Medienwelt 2017, ihr Tätigkeitsfeld ganz nach Graubünden zu verlegen. Mehr Infos

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