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Dem Heimweh Klang, Raum und Stimme verleihen

Unter dem Titel «Increschantüm» (Heimweh) konzertiert am kommenden Samstag, 22. April 2017 die Formation «Ils Fränzlis da Tschlin» mit dem Chor dils Larischs im Titthof in Chur.

Victoria
Sutter
18.04.17 - 05:00 Uhr
Kultur
Der Chor dils Larisch probt im Saal Hofkellerei in Chur für das Konzert mit den «Ils Fränzlis da Tschlin».
Der Chor dils Larisch probt im Saal Hofkellerei in Chur für das Konzert mit den «Ils Fränzlis da Tschlin».
OLIVIA ITEM

Den Engadinern wird bisweilen nachgesagt, dass sie selbst zuhause Heimweh haben können – diesen alles verzehrenden Herzschmerz, der einen dazu treibt, sich ganz eng mit der Heimat verbinden zu wollen: mit den Menschen, den Bergen, den Wäldern und den Jahreszeiten. Besonders hart trifft es diejenigen, die in der Fremde vom «Increschantüm», dem Heimweh überfallen werden. Dieses Heimweh kann aber auch als Offenheit für Gefühle verstanden werden und die Bereitschaft, Neues und Fremdes aufzunehmen. Denn die Engadiner wissen sehr genau, dass ihr Lebensraum nicht der Nabel der Welt ist, sondern dass auch die Menschen aus anderen Regionen, Ländern oder Kontinenten Heimweh haben können. Und wie lässt sich dieses Gefühl besser ausdrücken, als in der Musik?

 

Gefühlvoll

 

Unter dem Konzerttitel «Increschantüm» (Heimweh) präsentieren der Männerchor dils Larschis und Ils Fränzlis da Tschlin Lieder und Musik aus dem Alpenraum. Diese Lieder sind voller Wehmut und machen gleichzeitig deutlich, wie stark die räumliche Verortung über das Liedgut möglich ist. Das Konzertprogramm spannt dabei einen geografischen Bogen von West nach Ost: vom französischsprachigen Greyerzerland über Norditalien weiter bis hinunter ins Unterengadin. So decken die Lieder alle Landessprachen – Französisch, Italienisch, Deutsch und Romanisch – ab. Die Idee zu diesem gemeinsamen Konzertprojekt ist vor über zwei Jahren entstanden, als es sich ergab, dass der Chor dils Larischs und die Fränzlis gemeinsam musizierten. Die gemeinsamen Wurzeln waren schnell gefunden und die Begeisterung für das romanische Liedgut sowie die hohe musikalische Qualität bildeten die Grundlage für diese Zusammenarbeit.

 

Erfahrungsreich

 

Der Chor dils Larischs wurde 1970 mit 11 Sängern gegründet. Seit September 2011 leitet Curdin Christoffel den Chor, der heute 23 Mitglieder zählt. Das Repertoire ist sehr vielfältig; religiös oder weltlich in allen vier Landessprachen, aber auch lateinisch, russisch und englisch ist den Lerchen nicht fremd. Das Hauptgewicht liegt jedoch – wie bereits erwähnt – im romanischen Liedgut. Auch wenn die Fränzlis nicht ganz so lange musizieren wie der Chor, fühlen sie sich einer ganz alten Musikertradition verpflichtet: «I vegnan ils Fränzlis!» Erschallte dieser Ruf durchs Dorf, wusste die Engadiner Jugend des 19. Jahrhunderts: Heute wird bis spät in den Morgen hineingetanzt. Die «alten Fränzlis», das war die Dynastie der Familie Waser, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus der Innerschweiz über das Bündner Oberland ins Engadin eingewandert war. Ihr berühmtester und mittlerweile legendärer Vertreter, der blinde Geiger Franz-Josef «Fränzli» Waser liess sich in Chaflur bei Strada nieder. Mit seinem Vater und seinen Brüdern spielte er um 1870 im ganzen Engadin und im Bergell bis hinunter nach Chiavenna zum Tanz auf.

 

Eine Erfolgsgeschichte

 

Die «neuen Fränzlis», eben «Ils Fränzlis da Tschlin» führen diese Tradition seit 1982 erfolgreich weiter und haben in der ganzen Schweiz und im Ausland Konzerte gegeben. Dabei spielen die «neuen Fränzlis» auch in der aktuellen Formation nicht ausschliesslich traditionelle Tänze, sie bewegen sich mit Lust und Freude in allen Musikstilen und bringen die verschiedensten Elemente in ihre Musik ein. Vom Volksmusikfan bis zum Klassikfreak kommen alle bei den Konzerten auf ihre Rechnung. In den letzten Jahren hat sich das Ensemble nicht nur verjüngt, sondern es ist jetzt auch weiblich dominiert: Anna Staschia Janett (Geige), Cristina Janett (Cello) und Madlaina Janett (Bratsche) werden durch Domenic Janett (Klarinette) und Curdin Janett (Kontrabass) ergänzt. Die neuen Fränzlis sind nicht nur zu einem Generationen-, sondern längst auch zu einem Familienprojekt geworden.

 

Die Konzerte:
Chur: Titthofsaal, Samstag, 22. April 2017, 20.15 Uhr
Zürich: Pauluskirche, Sonntag, 23. April 2017, 17 Uhr

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