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Zwei Amerikanerinnen in Glarus: «Alle beneiden uns und wollen wissen, wie es hier ist»

Seit fast drei Monaten wohnen Noelani Helm und Peyton Wilhite aus den USA in Glarus. Die Volleyballerinnen von Glaronia reden über ihren neuen Wohnort und verraten, welche Spezialität sie lieben.

Paul
Hösli
01.11.24 - 04:30 Uhr
Glarus
Sie stärken sich gegenseitig den Rücken: Die Amerikanerinnen Noelani Helm (links) und Peyton Wilhite haben sich erst in Glarus kennengelernt und fühlten sich trotzdem sofort verbunden.
Sie stärken sich gegenseitig den Rücken: Die Amerikanerinnen Noelani Helm (links) und Peyton Wilhite haben sich erst in Glarus kennengelernt und fühlten sich trotzdem sofort verbunden.
Bild Sasi Subramaniam
Am 5. November wählen die Amerikanerinnen und Amerikaner ihren neuen Präsidenten oder ihre Präsidentin. Der Republikaner Donald Trump gegen die Demokratin Kamala Harris lautet das Duell. In den USA ein viel diskutiertes Thema. «Müssen wir darüber reden?», fragt Peyton Wilhite. Und Noelani Helm ergänzt: «Selbst einige Familienmitglieder erzählen anderen nicht, für wen sie ihre Stimme abgeben.» Den beiden Amerikanerinnen ist es sichtlich unwohl, über die Wahl in ihrem Heimatland zu sprechen.

Viel lieber reden die 23-Jährigen beim Gesprächstermin auf dem Bürgli über ihren neuen Wohnort. «Diese Aussicht, wow. Da muss ich gleich ein Foto machen», entfährt es Wilhite über den Dächern von Glarus. Seit rund drei Monaten leben die beiden Volleyballspielerinnen von Glaronia im Glarner Hauptort. «Wir fühlen uns sehr wohl hier. Es ist wunderschön, sauber, sicher und die Menschen sind superfreundlich», sagt die Hawaiianerin Noelani Helm. Peyton Wilhite ergänzt mit einem Aber: «Als ich das erste Mal hierher kam, erschrak ich wegen der hohen Berge. Es war ein wenig beängstigend, so etwas habe ich zuvor noch nie gesehen.» Aber es sei toll, einen neuen Lifestyle kennenzulernen, meinen beide.

Wilhite stammt ursprünglich aus der Millionenstadt San Diego in Kalifornien. Eine Stadt, die für ihr mildes Klima, Strände, Surfen und eine entspannte Lebensart bekannt ist. «Die Kälte ist nicht so meines», sagt sie und macht die typische Armbewegung, um zu signalisieren, wenn einem kalt ist.

Zusammen stark

Die beiden wohnen zusammen in einer Wohngemeinschaft in Glarus. «Es ist extrem wichtig, dass wir uns haben, so weit entfernt von zu Hause», erklärt Helm. Die Schweizer Küche haben sie mit Raclette und Fondue auch schon kennengelernt. Beide favorisieren Raclette. «Ich ass Fondue im August, als es sehr heiss war. Es war nicht das beste Erlebnis meines Lebens, aber ich werde es im Winter nochmals versuchen», sagt Helm.

Der absolute Favorit von beiden kommt aber aus den Backstuben. «Wir lieben Meitschibei», sagt Wilhite. Schweizerdeutsch würden sie noch nicht wirklich sprechen, aber das Tschüss funktioniere schon ganz gut, ergänzt sie auf Englisch.

Sprechen die gleiche Sprache: Noelani Helm (links) und Peyton Wilhite leben seit drei Monaten in Glarus, Schweizerdeutsch haben sie aber noch nicht viel gelernt.
Sprechen die gleiche Sprache: Noelani Helm (links) und Peyton Wilhite leben seit drei Monaten in Glarus, Schweizerdeutsch haben sie aber noch nicht viel gelernt.
Bild Sasi Subramaniam

Von diesen Erlebnissen und vielem mehr berichten Peyton Wilhite und Noelani Helm so oft es geht ihren Liebsten in den USA. Beide haben mehrere Geschwister und sind in stetem Kontakt über soziale Medien und Videotelefonie mit ihren Familien. Das sei nicht immer einfach, wie Helm erklärt: «Der Zeitunterschied zur amerikanischen Westküste beträgt acht Stunden. Aber es geht schon.» Aufgewachsen ist sie auf Molokai, eine der kleineren bewohnten Inseln von Hawaii. Als etwa Elfjährige zog die Familie nach Walla Walla, eine Kleinstadt mit rund 33’000 Einwohnern im Bundesstaat Washington an der Westküste der USA.

Die Welt ist ein Dorf

«Seit ich hier bin, habe ich mich nie super-alleine gefühlt», erzählt Peyton Wilhite. Gekannt haben sie sich vor der Ankunft in Glarus nicht. Mittlerweile würde es sich aber anfühlen, als ob sie sich schon ewig kennen würden. «Wir sprechen die gleiche Sprache, auch dank des Volleyballs. Wir fühlen uns auf und neben dem Platz verbunden», erläutert Helm. Peyton Wilhite wischt sich symbolisch eine Träne aus den Augen. «Ich werde richtig emotional. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie machen würde.» Es ist unübersehbar, die beiden mögen sich.

Und sie hatten bereits Besuch aus der Heimat. Wilhites Freundin und ihr Vater, mit welchem sie etwa Genf oder Schaffhausen besuchte, waren hier, ebenso Helms Lebenspartner. Just an ihrem Geburtstag am 26. September. «Beste Geburtstagsüberraschung ever», so Helm. Alle Familienmitglieder oder Freunde würden sie am liebsten hier in der Schweiz besuchen kommen. «Alle beneiden uns und wollen wissen, wie es hier ist», so Wilhite.

Eine erstaunliche Verbindung hatten die beiden schon, bevor sie sich kennenlernten. «Meine Schwester Brennan, die ebenfalls Volleyball gespielt hat, folgt Noelani auf Instagram. Das ist eigentlich verrückt», sagt Wilhite. «Ja, die Welt ist ein Dorf», ergänzt Helm und lacht.

Spass muss sein

In einem Dorf leben die beiden aus dem Land mit rund 345 Millionen Einwohnern seit nunmehr drei Monaten, eine gewisse Routine ist eingekehrt. Ihr Tag richtet sich auf den Sport aus: Zweimal in der Woche Krafttraining, fast jeden Abend trainieren mit dem Team in der Halle und am Wochenende Spiele. «Wir fühlen uns sehr wohl im Team. Auch, da alle Englisch sprechen», erklärt Noelani Helm.

Und auf Instagram postet Glaronia immer wieder unterhaltsame Videos. Wie etwa, wenn Helm ihre Teamkolleginnen interviewt. Dazu sagt sie: «Das ist wichtig, man muss auch einmal ein wenig herumalbern und Spass haben.» Den beiden Amerikanerinnen sei es wichtig, gute Stimmung zu verbreiten.

Oder sie geniessen einfach ihr Leben, machen etwa Sightseeing in Zürich oder besuchen das Konzert der britischen Rockband Coldplay in München. «Das war fantastisch», schwärmen die beiden. Zu Hause machen sie sich einen Filmabend oder schlafen. «Zu viel», sagt Wilhite zu Helm und lacht laut. «Ja, ich mag es zu schlafen», gesteht diese.

Unberechenbarer Spielstil

Der Spass hört aber spätestens dann auf, wenn es in den Spielen ums Eingemachte geht. Und da zeigt vor allem Noelani Helm, wie wertvoll sie für das Team bereits ist. Sie wurde mehrmals als beste Spielerin ausgezeichnet. Die Passeuse hat einen unberechenbaren Spielstil und macht «crazy Stuff», wie sie lachend sagt. Frei übersetzt verrückte Sachen. Daran müssen sich die neuen Teamkolleginnen erst noch gewöhnen. «Selbst mich schockt sie manchmal noch», sagt Wilhite.

Duell am Netz: Mit ihren 195 Zentimetern Körpergrösse ist Peyton Wilhite (Nummer 6) ein schwer zu überwindendes Hindernis.
Duell am Netz: Mit ihren 195 Zentimetern Körpergrösse ist Peyton Wilhite (Nummer 6) ein schwer zu überwindendes Hindernis.
Bild Peter Aebli

Angreiferin Peyton Wilhite fällt vor allem durch ihre Präsenz am Netz auf, auch dank ihren 195 Zentimetern Grösse. «Als Kind hat es mich manchmal schon genervt, dass ich so gross bin», sagt sie. Aber jetzt finde sie es cool. Und im Volleyball ist ihre Grösse ein riesiger Vorteil. Riesig ist auch ihre Familie, zumindest was die Körpergrösse betrifft. Sie sagt: «Ich bin eine der Kleinsten.» Und das mit fast zwei Metern.

Nicht ganz so gross ist Noelani Helm, aber mit 178 Zentimetern für eine Frau überdurchschnittlich gross. Als Passeuse ist die Körpergrösse nicht das Wichtigste, auf dieser Position ist mehr die Kreativität und das Spielverständnis gefragt. «Es ist mehr ein Bonus, wenn man als Passgeberin gross ist», erklärt Helm.

Vielleicht bleiben sie, vielleicht nicht

Das Niveau der Schweizer Liga stufen sie in etwa gleich ein wie zuvor in Amerika. Sie haben NCAA Division 1 gespielt, das ist die höchste Volleyballklasse für Universitätsteams. Die Spielerinnen dort sind Amateure und Studentinnen. «Der grösste Unterschied zur Schweizer Liga ist der Altersunterschied. Im College-Volleyball sind alle Spielerinnen mehr oder weniger gleich alt. Hier hat es ältere Spielerinnen, da merkt man ihre Routine», so das Fazit von Noelani Helm.

Ein wichtiger Neuzugang: Die Passeuse Noelani Helm sorgt für die kreativen Elemente im Spiel der Glarnerinnen.
Ein wichtiger Neuzugang: Die Passeuse Noelani Helm sorgt für die kreativen Elemente im Spiel der Glarnerinnen.
Bild Peter Aebli

Die beiden haben einen Vertrag für ein Jahr unterschrieben. «Ich könnte mir schon vorstellen, länger hierzubleiben», sagt Helm. Sie hat an der Portland University ihren Bachelor in Business Marketing gemacht. Parallel zu ihrem Profi-Dasein als Volleyballerin von Glaronia absolviert sie jetzt noch ein Fernstudium an der Boise State University in Sportmanagement, welches sie nächsten Sommer abschliesst.

Peyton Wilhite hingegen hat ihre Ausbildung an der renommierten Georgetown University in Washington DC bereits abgeschlossen, den Bachelor in Psychologie und den Master in Marketing. «Eines Tages ein eigenes Geschäft zu eröffnen, wäre schon toll. Aber jetzt will ich mich auf meine Volleyball-Karriere konzentrieren», so die Kalifornierin. Auch sie schliesst nicht aus, ein weiteres Jahr bei Glaronia zu spielen. «Wir werden sehen», sagen die beiden Frohnaturen unisono.

Zuerst würden sie ihr «grossartiges Abenteuer Schweiz» einfach nur geniessen wollen. Mit allem Drum und Dran, wie etwa einem Fondue im Winter.

Paul Hösli ist Leiter Sport bei den «Glarner Nachrichten» in Ennenda. Er ist seit 1997 bei der «Südostschweiz», im Jahr 2013 wechselte er intern von der Druckvorstufe in die Redaktion. Zuerst in einem 40-Prozent-Pensum und seit 2016 zu 100 Prozent. Mehr Infos

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