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Dieser Glarner Arzt weiss alles über Schuppenflechten-Arthritis: «Die Erkrankten tragen keine Schuld daran»

Der Molliser Arzt Raphael Micheroli-Konuk ist einer der führenden Experten zur Schuppenflechten-Arthritis. Er spricht über seine Forschung und gibt Betroffenen Hoffnung.

Sebastian
Dürst
21.01.25 - 16:51 Uhr
Glarus
Forschender Arzt: Raphael Micheroli-Konuk ist eine Koryphäe im Gebiet der Schuppenflechten-Arthritis.
Forschender Arzt: Raphael Micheroli-Konuk ist eine Koryphäe im Gebiet der Schuppenflechten-Arthritis.
Pressebild

Raphael Micheroli-Konuk, was genau interessiert Sie so sehr an dieser Krankheit?

Ich interessiere mich besonders für den Übergang von der Schuppenflechte, also der Hauterkrankung, zur Schuppenflechten-Arthritis, der Haut- und Gelenkserkrankung. Etwa ein Drittel aller Patienten mit Schuppenflechte entwickeln irgendwann in ihrem Leben eine Arthritis, eine Entzündung der Gelenke. Beide Erkrankungen sind Autoimmunerkrankungen. Das heisst, das körpereigene Immunsystem wendet sich gegen den eigenen Körper. Deren Ursachen unklar sind.

Sie sind einer der führenden Schweizer Forscher zur Schuppenflechte respektive zur Schuppenflechten-Arthritis. Können Sie uns erklären, wie Sie darauf gekommen sind?

Als Rheumatologe am Universitätsspital Zürich habe ich relativ häufig mit Patienten zu tun, die an Schuppenflechten-Arthritis leiden. Ich habe dabei bemerkt, dass viele Probleme dieser Patienten noch ungelöst sind. Häufig sind die Patienten übergewichtig, sprechen schlecht auf Medikamente an, oder die Medikamente decken nicht das vollständige Spektrum der Erkrankung ab. Sie haben zum Beispiel eine gute Wirkung auf die Haut, aber keine Wirkung auf die Gelenke. Dadurch wurden viele Patienten nur ungenügend behandelt. Ich sah die Chance, den Patienten auch mittels Forschung indirekt zu helfen.

Diese Krankheit kann für Betroffene sehr stigmatisierend sein. Sind Sie darum nicht nur Arzt, sondern auch Psychologe?

Tatsächlich ist es so, dass selten eine Erkrankung nur die von aussen sichtbaren Organe betrifft, sondern häufig auch tiefere Auswirkungen auf die Patienten hat. Das ist bei der Schuppenflechten-Arthritis nicht anders, die psychische Komponente spielt eine wichtige Rolle. Im klinischen Alltag versuchen wir heutzutage, nicht nur Krankheiten, sondern Patienten als Ganzes zu behandeln. Dies geschieht durch enge Zusammenarbeit, zum Beispiel mit Hautärzten oder Psychiatern.

Auch im TV

Am 18. und 19. Januar strahlt SRF Info eine Sendung zum Thema aus. Darin wird auch der Glarner Arzt Raphael Micheroli-Konuk zu Wort kommen. (red)

Gibt es Faktoren, die die Krankheit begünstigen?

Den Patienten kann keine Schuld zugeschrieben werden, sie sind der Krankheit ausgeliefert. Bezüglich des Übergangs von Schuppenflechte zu Schuppenflechten-Arthritis spielen genetische Ursachen und Umweltfaktoren eine Rolle. Als einziger, möglicherweise die Entwicklung hemmender Faktor spielt Übergewicht respektive Fettleibigkeit eine Rolle. Zukünftig könnte frühzeitige Gewichtsreduktion helfen, das Risiko einer späteren Entwicklung von Arthritis zu verringern.

Wann soll ich mit einem Verdacht zum Arzt gehen?

Grundsätzlich gilt, dass die Hautveränderungen, die Schuppenflechte, nach Behandlung ohne bleibende Schäden zurückgehen. Anders ist es bei Gelenksentzündungen, die bei längerer, fehlender Behandlung zu Gelenksschäden bis hin zur totalen Zerstörung von Gelenken führen können. Patienten mit Gelenksbeteiligung sollten deshalb möglichst früh zu uns kommen, um diese möglichen Gelenksschäden zu verhindern.

Was sind die typischen Symptome dafür?

Typische Beschwerden für Gelenksbeteiligung bei Schuppenflechten sind geschwollene Gelenke, gerötete Gelenke, aber im Frühstadium kann auch eine Schwellung fehlen. Es treten dann aber typisch entzündlichen Gelenksbeschwerden auf im Sinne von morgendlicher Steifigkeit der Gelenke von mehr als einer Stunde, nächtlichen und Ruheschmerzen und am Tag teilweise eher Besserung der Schmerzen durch Bewegung der betroffenen Gelenke. Neben Händen, Knien und Füssen kann auch die Wirbelsäule beteiligt sein. Das kann dann wieder als Ruheschmerz, nächtlicher Schmerz, morgendliche Steifigkeit von einer Stunde auftreten. Bei Bewegungen bessert sich das dann typischerweise.

So sieht es aus: Auf diesem Bild sieht man die typische Schuppenflechte, aber auch das von der Arthritis geschwollene Knie.
So sieht es aus: Auf diesem Bild sieht man die typische Schuppenflechte, aber auch das von der Arthritis geschwollene Knie.
Pressebild

Was kann Betroffenen Hoffnung machen?

Einerseits gibt es eine zunehmende Wahrnehmung und Sensibilisierung unter verschiedenen Ärzten bezüglich der vielfältigen Beschwerden von Patienten mit Schuppenflechten-Arthritis. Andererseits stehen immer mehr Therapeutika zur Verfügung, von denen die Patientinnen massiv profitieren. In den letzten 25 Jahren haben wir eine Revolution bei der Behandlung von chronisch entzündlichen Gelenkserkrankungen erlebt, dank neuer, wenn auch teilweise teurer Medikamente. Die Herausforderung bei der Schuppenflechten-Arthritis besteht darin, die Therapie individuell auf jeden Patienten abzustimmen, da sehr unterschiedliche Organsysteme betroffen sein können. Wir müssen Haut, Gelenke – und teilweise auch Augen und Darm – sowie die vielfältigen Begleiterkrankungen wie Fettleber und ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen berücksichtigen.

Und wie gehen Sie mit Betroffenen um?

Am meisten geholfen wird dem Patienten, wenn die Krankheit möglichst früh diagnostiziert und behandelt wird. Zudem möchte ich Angehörige, sei es mit Schuppenflechten oder Schuppenflechten-Arthritis, dazu ermutigen, sich nicht zu isolieren, sondern Unterstützung zu suchen und anzunehmen. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann ebenfalls sehr hilfreich sein. Den allermeisten Patienten und Patientinnen kann mit der richtigen ärztlichen Betreuung sehr stark geholfen werden.

Zur Person

Raphael Micheroli-Konuk, verheiratet und 37-jähriger Vater von drei Kindern, ist Leitender Arzt in der Klinik für Rheumatologie am Universitätsspital Zürich. Er ist einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Schuppenflechten-Arthritis in der Schweiz. Neben seiner Tätigkeit in Zürich arbeitet er auch am Kantonsspital Glarus sowie in einer auf Ultraschall spezialisierten Praxis in Basel. Geboren und aufgewachsen ist er im Glarnerland. Er studierte Humanmedizin an den Universitäten Fribourg und Zürich. (red)

Sebastian Dürst ist Redaktionsleiter der «Glarner Nachrichten». Er ist in Glarus geboren und aufgewachsen. Nach Lehr- und Wanderjahren mit Stationen in Fribourg, Adelboden und Basel arbeitet er seit 2015 wieder in der Heimat. Er hat Religionswissenschaft und Geschichte studiert. Mehr Infos

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