Vorsicht beim Online-Dating: Wie Männer durch Fakeprofile bei der Stange gehalten werden
Die Firma Cloudworkers stellt Datingplattformen Chatmoderatorinnen und -moderatoren zur Verfügung, die mit falschen Profilen Kunden auf der Seite halten. Ihren Sitz hat die dubiose Firma in Altendorf.
Die Firma Cloudworkers stellt Datingplattformen Chatmoderatorinnen und -moderatoren zur Verfügung, die mit falschen Profilen Kunden auf der Seite halten. Ihren Sitz hat die dubiose Firma in Altendorf.
von Anouk Arbenz
Die Coronapandemie kostete viele ihren Job. Es war in dieser Zeit, als die britische Chatmoderationsfirma Cloudworkers Ltd ihre Blütezeit erlebte. Sie warb damit, einfaches Geld mit dem Schreiben von Nachrichten zu machen – und das flexibel und von zu Hause aus. «Alles, was du brauchst, ist ein Computer und eine stabile Internetverbindung», preist die Firma an. Das Geschäftsmodell ist recht einfach: Cloudworkers betreibt für Datingportale falsche Profile, um den Kunden damit eine grössere Auswahl zu suggerieren. Aber nicht nur das: Die sogenannten Agentinnen und Agenten schreiben die Nutzerinnen und Nutzer aktiv an und chatten mit ihnen. Ziel ist, diese möglichst lange auf der Seite zu halten, denn die Plattformen verdienen mit jeder verschickten Nachricht des Users oder der Userin Geld. Das Geschäft läuft gut – Online-Dating ist im Trend.
Mitarbeitende sollen Kunden «bei der Stange halten»
Cloudworkers sucht in 34 verschiedenen Sprachen Mitarbeitende für Chats. Auf Arbeitgeberbewertungsplattformen wie Kununu oder Glassdoor wird unter anderem kritisiert, dass es kein Coaching gibt. Die Mitarbeitenden würden eine Anleitung mit Tipps erhalten, wie sie die Kunden «bei der Stange halten». Der Ton solle bewundernd und verständnisvoll sein. Auch auf der sexuellen Ebene gibt es Vorgaben. Wenn der Kunde ein Foto seines Geschlechtsteils schicken wolle, solle man ihn ermuntern und dann etwas Positives zum Foto sagen. Den Agenten stehen zudem Nacktfotos von Frauen aus europäischen Pornoseiten zur Verfügung, die zu ihrem Fake-Profil passen. Auch für den Fall, dass sich ein Kunde treffen will, gibt es Hilfestellungen. So wird etwa vorgeschlagen, Sexualstraftaten zu erfinden, um Misstrauen zu begründen und ein Treffen hinauszuzögern.
Die Firma wirbt auf ihrer Webseite mit einem «zuverlässigen Einkommen». Wie Berichte in der deutschen Tageszeitung «taz» und im Magazin «Vice» sowie Einträge von ehemaligen Mitarbeitenden auf dem Social-News-Aggregator «Reddit» und auf «glassdoor.com» und «kununu.com» aber zeigen, kann davon nicht die -Rede sein. Manche mussten ihrem Geld hinterherrennen, andere sahen es gar nie und wieder andere verdienten sehr wenig. Ein ehemaliger Agent sagt auf «Reddit» (Übersetzung): «Anständig verdienen kann man nur, wenn man mindestens 100 Nachrichten in der Stunde schreibt. Und das ist unmöglich. Sollte man es doch schaffen, feuert man dich, weil die Nachrichten ‹qualitativ nicht gut genug sind›.»
Eine Agentin aus Berlin gibt der «taz» an, drei Euro pro Stunde zu verdienen. Sie müsse eine Mindestanzahl an Schichten pro Woche arbeiten und es sei ihr verboten, für die Konkurrenz zu arbeiten. Auf «kununu.com» wird die «Kommunikation von oben herab», der unfreundliche und ignorante Vorgesetzte und die schlechte Bezahlung kritisiert. Manche hätten ein schlechtes Gewissen bekommen, weil Klienten sich verliebt hätten und sie ihnen das Geld aus der Tasche zogen, andere ekelten sich über die Unterhaltungen. Jemand schreibt: «Kranke Leute im Chat, die über ihre kranken Sex-Fantasien schreiben, die völlig abnormal sind.» Damit Mitarbeitende sich nicht zu sehr an die Kunden binden, erhalten sie nach jeder abgeschickten Nachricht einen neuen Chatverlauf vorgesetzt. Jeder Mitarbeitende muss deshalb Notizen mit Informationen über den Kunden oder die Kundin machen und zur Verfügung stellen.
Keine Anzeige, keine Ermittlung
Den Schwyzer Strafverfolgungsbehörden ist das Phänomen bekannt, wie Florian Grossmann, Kommunikationschef der Schwyzer Kantonspolizei, sagt. Aktuell würden jedoch keine Ermittlungen getätigt, da weder eine Strafanzeige noch ein Strafantrag vorliege. «Ob hier ein Betrug vorliegt, müsste anhand von Aussagen und Beweisunterlagen von möglichen Geschädigten geprüft werden», erklärt Grossmann. Quasi im Sinne: Wo kein Kläger, da kein Richter. «Strafrechtlich einfacher verfolgbar wäre die Anwendung von Art. 3. Ziff. 1 lit. B des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb», fügt Grossmann hinzu. Doch auch hier gilt: «Ohne einen Strafantrag kann die Polizei nicht tätig werden.» Beim allfälligen Vorliegen eines Strafantrages müsste zudem geprüft werden, «ob strafbare Handlungen im Kanton Schwyz erfolgten respektive, welche Strafverfolgungsbehörde zuständig wäre».
Je dubioser ein Unternehmen, desto mehr schreit es nach einer Briefkastenfirma. Tatsächlich liegt der Sitz der Firma bei einem Lieferanteneingang an der Brügglistrasse 11c in Altendorf, wo zahlreiche Firmen domiziliert sind. Eingetragen mit Einzelunterschrift im Handelsregister ist seit 2019 ein Oskar Broghammer aus Altendorf. Etwa im selben Zeitraum hat er viele weitere Firmen eintragen lassen, die dem Namen nach einer ähnlichen Branche zuzuordnen sind, zum Beispiel Glamourama, Bad Candy, Lovers TV, Cre8emotion, Parker Goldstein oder Publiventis. An besagter Adresse in Altendorf steht auf einem Papier die Treuhand-Firma Panimec am Briefkasten angeschrieben, darunter verschiedene Firmen, bei denen im Handels-register gewisse Namen, darunter Broghammer, immer wieder auftauchen. Auf telefonische und E-Mail-Anfragen dieser Zeitung reagierte Oskar Broghammer nicht.
Illegal sind Briefkastenfirmen nicht. Gewisse Konzerne investieren so in andere Unternehmen, damit es die Konkurrenz nicht mitbekommt. Sie sind ein Mittel, um zu verschleiern, woher Gelder kommen. Auf dem Papier führt ein sogenannter Strohmann die Firma. Doch eine Briefkastenfirma kann auch ein «Versteck» für das Geld Krimineller sein.
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