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Schwere Vorwürfe an die Behörden in neuem Gutachten zum Bergsturz in Bondo

Ein «inakzeptables Risiko» seien die Behörden eingegangen, als sie trotz deutlicher Alarmzeichen die Wanderwege in der Val Bondasca nicht schlossen. Dies heisst es in einem neuen Gutachten.

Südostschweiz
22.12.23 - 15:44 Uhr
Ereignisse
Grosser Schaden: Der Bergsturz am Piz Cengalo löste einen Murgang aus, der sich bins ins Dorf Bondo wälzte.
Grosser Schaden: Der Bergsturz am Piz Cengalo löste einen Murgang aus, der sich bins ins Dorf Bondo wälzte.
Bild Archiv

Ein neues Gutachten zum Bergsturz am Piz Cengalo vom 23. August 2017 könnte die Beurteilung des Naturereignisses neu aufrollen. Der Bergsturz mit dem anschliessenden Murgang forderte acht Todesopfer. Zwei Jahre später kam die Bündner Staatsanwaltschaft zum Schluss, das Ereignis sei nicht vorhersehbar gewesen. In der Folge stellte sie die Untersuchung ein. Dabei stützte sie sich auf Beurteilungen des Amts für Wald und Naturgefahren (AWN) Graubünden. Nun haben sich Angehörige der Bergsturzopfer vor Gericht ein neues, unabhängiges Gutachten erkämpft. Dieses hat der Westschweizer Geologe Thierry Oppikofer verfasst, wie der «Beobachter» in einem Artikel vom 22. Dezember schreibt.

In seiner Expertise führt Oppikofer aus, weshalb die Behörden ein «inakzeptables Risiko» eingegangen seien, als sie zu jener Zeit den Zugang in die Val Bondasca trotz mehrerer Alarmzeichen nicht sperrten. In Oppikofers Gutachten heisst es, die Auswertung der jährlichen Radarmessung am Piz Cengalo zwei Wochen vor dem Bergsturz hätte gezeigt, dass sich die Felsmassen in der Nordostflanke fast dreimal so schnell bewegten wie im Vorjahr. Der Geologe, der diese Messung auswertete, warnte das AWN und empfahl, die Val Bondasca vorläufig nicht mehr zu betreten.

Auch ein ETH-Geologe, der zum Piz Cengalo forscht, rechnete zur selben Zeit mit einem baldigen Bergsturz. Diese Einschätzung teilte er gemäss «Beobachter» nicht nur dem Kanton, sondern auch dem Schweizerischen Erdbebendienst an der ETH mit. Oppikofer liess auch die Beobachtungen des Hüttenwarts der Sciorähütte in sein Gutachten einfliessen. Dieser notierte für den Kanton die Felsstürze aus der unruhigen Nordwand. Allein aus der Nordostflanke habe der Hüttenwart in den zwei Wochen vor dem Bergsturz mindestens neun Stürze beobachtet, drei davon in den zwei Tagen vor der Katastrophe. Und: Offenbar bildete sich aufgrund eines Felssturzes während derselben Zeit eine grosse Staubwolke im Tal.

Kanton ging nicht auf Warnungen ein

Dennoch lautete die Empfehlung des Kantons an die Gemeinde Bregaglia, die Wanderwege offen zu lassen. Man war überzeugt, dass man aufgrund von «kurzfristig gehäuften und zunehmend grösseren Felsstürzen» rechtzeitig würde erkennen können, wann sich ein grosser Bergsturz ankündigt. Ein grösseres Ereignis erwarteten die Fachleute erst in den darauffolgenden Wochen und Monaten.

Oppikofer hingegen kam aufgrund von Berechnungen zum Schluss, dass sich das Risiko, auf dem Wanderweg zu sterben, «erheblich verschärft» hatte und zusätzliche Massnahmen hätten getroffen werden müssen.

Jetzt ist die Staatsanwaltschaft wieder an der Reihe. Sie hat zu entscheiden, ob sie Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhebt. Damit würde der Fall nach mehr als sechs Jahren vor ein Gericht kommen. (sz/sda)

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Wir warten gespannt auf die Entschädigungssumme, die die Anwälte der unbekannten Opferfamilien
vor Gericht verlangen. Da nur eine Behörde zahlen kann, weist das Gutachten geschickt auf den Kanton.

Gian Gieri Caderas, Ilanz/Glion

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