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«Eigenverantwortung ist ein guter Weg zurück zur Normalität»

Alessandro della Vedova ist Geschäftsleiter der Caritas Graubünden. Mit uns hat er über die gesammelten Spenden der Glückskette, Kurzarbeit bei Caritas und die Massnahmen des Bundes gesprochen.

Mara
Schlumpf
Freitag, 24. April 2020, 11:54 Uhr Interview mit Caritas GR-Chef della Vedova
idW Alessandro Della Vedova
Als Geschäftsleiter der Caritas Graubünden wird Alessandro della Vedova auf mehrere Arten mit dem Coronavirus konfrontiert.
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Herr della Vedova, wie geht es Ihnen in dieser Zeit? Was sind Ihre grössten Sorgen hinsichtlich Corona und der Arbeit bei Caritas Graubünden?

Es ist eine sehr intensive Zeit, aber es geht mir gut. Meine Familie und meine Aufgabe bei Caritas geben mir Rückhalt und Energie. Meine Tage verbringe ich vor allem am Telefon. Ich spreche mit Menschen aus allen Kantonsteilen und höre mir ihre Sorgen an. Dabei sind Fälle, die mich tief berühren. Die wahren Folgen der Coronakrise werden erst in ein paar Monaten sichtbar werden. Leider wird die Rolle der Caritas Graubünden dann noch wichtiger werden. Wir werden jede Unterstützung brauchen, um in Graubünden zu helfen.

Durfte die Caritas Graubünden während des Lockdowns ihre Läden offenhalten? 

Nein. Das Caritas Center, unser Secondhand-Laden mit Café, ist für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Wir bieten den Klienten der beruflichen Eingliederung aber weiterhin eine Tagesstruktur. Unser Angebot wird sowohl von den Teilnehmenden als auch von den Zuweisern sehr geschätzt, darum haben wir alles unternommen, um es aufrechtzuerhalten. Der Caritas Markt ist offen, ohne Café-Angebot und ohne Begleitung der Klienten. Die Spielgruppe Cricri ist hingegen geschlossen.

Musste die Caritas Graubünden Kurzarbeit anmelden? Wenn ja, zu wie viel Prozent?

Ja, zum Teil schon. Wir haben die ganze Organisation auf den Kopf gestellt, um die neuen Aufgaben wahrnehmen zu können, wie zum Beispiel den Lieferdienst. Trotzdem konnten wir leider nicht mehr alle beschäftigen, da mehr als die Hälfte unseres Verkaufsbereichs geschlossen ist, sprich zwei Cafés und der Secondhand-Laden. Unser Team besteht aus 14 Mitarbeitenden mit total 1010 Stellenprozenten. Wir haben für 280 Stellenprozente Kurzarbeit angemeldet. Ob das genehmigt wird, ist noch offen.

Hatte die Caritas Graubünden während des Lockdowns bisher Probleme mit Lieferanten oder Warenlieferungen?

Wir hatten bisher zum Glück keine Probleme. In diesem Zusammenhang muss ich unseren Partnern Danke sagen. Zum Teil sind dies bekannte Verteilerketten, die nach wie vor sehr grosszügig sind.

Wie gestaltet sich Ihre Arbeit während des Lockdowns?

Die Führungsaufgaben haben natürlich zugenommen. Die strukturellen Anpassungen brauchen zum Teil Überzeugungsarbeit. Die meisten Mitarbeitenden haben aber viel Einsatz und Verständnis gezeigt. Dafür bin ich sehr dankbar. In diesem Sinne bin ich selbst auch flexibel und helfe, wo es nötig ist. Ich habe keine Berührungsängste. Gleichzeitig suche ich den Kontakt in den Randregionen, wo die Caritas mit ihren Infrastrukturen nicht präsent ist. Auch dort gibt es leider viele bedürftige Personen und wir bringen somit punktuell unsere Dienstleistungen. Mein politisches Netzwerk ist in diesem Zusammenhang sehr hilfreich. (Della Vedova ist Bündner Standespräsident und Mitglied der CVP, Anm. d. Red.)

Wie hat sich die Nachfrage an Caritas-Produkten verändert während des Lockdowns?

Sofort nach dem Lockdown waren Mehl, Milch, Teigwaren und Toilettenpapier besonders gefragt. In einer zweiten Phase auch Konserven. In den letzten Tagen hatte man das Gefühl, dass sich die Nachfrage langsam stabilisiert.

Hat man eine verstärkte Solidarität der Bevölkerung gespürt?

Ja, das kann man sagen. Ein spezifischer Fall hat mich besonders berührt: Eine Frau aus Südbünden hat sich für die von der Glückskette finanzierte Soforthilfe angemeldet. Ich habe ihr gesagt, sie soll mir bitte mitteilen, wenn ihr andere Fälle bekannt seien. Nach zwei Tagen rief sie mich an und sagte: «Ich bin schockiert, wie viele Leute in einer Notsituation sind. Es gibt Familien, die monatlich kleine Arbeiten ausführen, um über die Runden zu kommen. Diese sind aber aufgrund des Coronavirus nicht mehr möglich. Plötzlich fehlen somit diese kleinen, aber für einige Familien lebenswichtigen Einnahmen. Im Vergleich geht es mir gut und verzichte damit auf mein Gesuch zugunsten von diesen Personen». Das war ein hervorragendes Beispiel von Grosszügigkeit. Aber auch von unerwarteten Seiten sind Hilfsangebote gekommen. Das hat uns natürlich sehr gefreut.

Die Glückskette konnte bisher mehr als 27 Millionen Franken für Corona-Betroffene in der Schweiz sammeln. Erhält die Caritas Graubünden einen Teil davon?

Als Caritas Graubünden haben wir bis jetzt 45'000 Franken erhalten.

Wie finden Sie das?

Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein, welcher nie reichen wird, aber immerhin ist es etwas Hilfe. Viele Familien und Einzelfirmen sind von dieser Situation stark betroffen, viel mehr als man meinen könnte. Man muss sich nur ein bisschen bemühen und suchen, dann findet man sie. Dies ist sehr traurig. Da Würde und Stolz für viele Personen noch einen grossen Wert haben, schämen sich verständlicherweise einige, sich bei uns zu melden.

Was kann getan werden?

Hier muss die Politik einspringen, vor allem in den peripheren Regionen unseres Kantons, die besonders betroffen sind und wo die Hilfsorganisationen tendenziell weniger präsent sind. Als Caritas Graubünden sind wir gerne bereit zu helfen, aber allein schaffen wir es auch nicht. Das grösste Problem ist die Logistik, da oft die Grösse fehlt, um die Infrastrukturen zu schaffen, wie wir sie zum Beispiel in Chur haben. Wir arbeiten aber daran.

Am 11. Mai dürfen alle Läden wieder vollständig öffnen, unter Einhaltung von Schutzmassnahmen. Wie werden die Angestellten von Caritas Graubünden geschützt?

Im Caritas-Markt haben wir die Schutzmassnahmen bereits umgesetzt, wie zum Beispiel obligatorische Schutzmasken, Gummihandschuhe, Desinfektionsmittel, Plexiglas an der Kasse und Distanz. Mitarbeitende, die zur Risikogruppe gehören, arbeiten von zuhause aus oder sind dann im Einsatz, wenn keine Kunden präsent sind (zum Beispiel bei Füllarbeiten). Auf dieser Schiene werden wir auch in Zukunft fahren.

Wie schützen Sie die Kunden?

Wie dies bereits heute der Fall ist, werden wir in den Caritas Markt auch in Zukunft jeweils höchstens sechs Kunden reinlassen und darauf achten, dass die Abstände eingehalten werden. Das Gleiche wird auch für den Secondhand-Laden gelten. Was wir hingegen in den zwei Cafés unternehmen werden, wissen wir noch nicht genau. Wir werden uns aber natürlich an die Weisungen des Bundesrates halten. Auf jeden Fall haben wir präventiv bereits 2500 Schutzmasken bestellt.

Wie werden die Klienten geschützt?

Hier werden wir ein neues Projekt auf die Beine stellen, wo wir einen Teil unserer Klienten beschäftigen werden. Um was es genau geht, werde ich noch nicht verraten. Damit wird es aber einfacher sein, die vorgeschriebenen Abstände einzuhalten und die gesundheitlich besonders sensiblen Klienten besser zu schützen.
 

Sind Sie mit den Massnahmen des Bundes hinsichtlich der Lockerung des Lockdowns einverstanden?

Der Teufel steckt im Detail: Die Lockerung gestaltet sich schwieriger als es der Lockdown war. Was mir sehr imponiert, ist die wichtige Rolle der Selbstverantwortung, die der Bund jedem von uns übertragen hat. Bei der Lockerung will er das nun wieder tun. Der Bund gibt viele Informationen und verlangt dann von den einzelnen Branchen, dass sie selbst regeln, wie sie den Betrieb sicher gestalten können. Das ist eine enorme Verantwortung für jeden Betrieb. Bei allem was er tut, muss er zwischen dem eigenen Geschäftsinteresse und dem Schutz der Mitarbeitenden und den Kunden abwägen. Der Tourismus- und Sportkanton Graubünden ist dabei besonders gefordert. Nur wenn wir den Schutzgedanken in der Lockerung ernst nehmen, bleibt alles im Gleichgewicht und die Gäste kommen mit einem guten Gefühl zurück. Ich glaube fest daran, dass die Eigenverantwortung ein guter Weg zurück zur Normalität ist.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

Caritas Graubünden ist ein gemeinnütziger Verein, der armutsbetroffene Menschen, sozial Benachteiligte und in Not Geratenen begleitet und unterstützt. Caritas Graubünden beschäftigt viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ermöglicht Praktika im sozialen und kaufmännischen Bereich. www.caritasgr.ch

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