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Kommentar

Der Jäger braucht eine neue Waffe – und keine, die mit Kugeln schiesst

Gian Andrea
Accola
Sonntag, 29. September 2019, 12:15 Uhr
OLIVIA AEBLI-ITEM

Der Disclaimer gleich vorneweg, und zwar zur Klärung meiner Betroffenheit. Nicht wie jene wenigen Exponenten im Bundesparlament, die ihre Interessensbindungen nur gerade dann (und natürlich rein zufällig jeweils in den letzten Monaten vor den Wahlen) offenlegen, wenn es einen direkten Nutzen bringt: Ich entstamme einer Familie mit grosser Jagdbegeisterung und -tradition. Eine Jägerfamilie aber, der kollektiv der neudeutsche Facepalm ins Gesicht wächst, wenn sie von Fällen wie jenem in Chur oder in Vicosoprano erfährt. Zu den Fakten geht es übrigens hier und hier lang.

Mancher fragt sich: Wie kann man nur? Und zurecht. Der eine schiesst auf Churer Innenstadtgebiet zwei Rehe, der andere verfehlt ein Hirschtier, das sich in direkter Schusslinie mit einem Sportplatz befindet, auf dem gerade Kinder trainieren. Termindruck, weil die Beuteliste immer noch leer ist und die Jagd schon diesen Sonntag endet? Womöglich, wer weiss das schon. Es ist eine Frage, die schnell im Raum steht. Aber es ist auch eine reine Mutmassung, die sich nach jetzigem Wissensstand nicht verifizieren lässt.

Doch das Warum ist überhaupt nicht der springende Punkt. Denn absolut nichts rechtfertigt es, Unbeteiligte bei der Ausübung der Jagd auch nur ansatzweise zu gefährden. Unfälle passieren, auch auf der Jagd. Die bewusste Jagd auf Tiere in einem Gebiet, wo Menschen leben oder ihrer Freizeit nachgehen… Falls etwas schief geht, hat das nichts mit einem Unfall zu tun. Wenn etwas Schlimmes passiert, ist nämlich zumindest der Eventualvorsatz rechtlich zu prüfen. Mit Unfällen oder Pech oder irgendwas dergleichen, hätte ein solches Worst-Case-Szenario nichts zu tun. Nur mit Egoismus, Habsucht und Dummheit.

Dummheit insbesondere deshalb, weil die Jagd in der öffentlichen Kritik steht. Und Dummheit auch, weil sich die skurrilen bis borderline-wahnsinnigen Verfehlungen eher häufen, denn mindern. Ich will hier – ganz im Gegensatz zu vielen anderen da draussen, die sich diese Mühe nicht mehr machen werden – immer noch differenzieren und ausdrücklich nicht generalisieren: Wie kann man als einzelner Jäger alle politischen Debatten um die Jagd ausblenden und all jenen Jägern, die sich seit Jahrzehnten keinen einzigen Fehltritt erlaubt haben und sich äusserst sorgfältig an die Vorschriften und die waidmännische Tradition halten, so bereitwillig, rücksichtslos und aus reinem Egoismus heraus derart in den Rücken fallen? Früher war man als Jäger in der Kommune respektiert und angesehen. Mitunter wegen Individuen wie jenen in Chur oder Vicosoprano schleichen sich heute die Jäger aber jeweils sonntags vor Jagdbeginn wie geprügelte Hunde aus dem Dorf in ihr Jagdgebiet. «Hoffentlich sieht mich keiner mit dem Stutzer…» So kommt es mir vor.

Ich erinnere mich an eine Zeit, zu der die Jäger mit ihrer waidmännisch und beinahe majestätisch drapierten Beute auf der Ladefläche ihrer Fahrzeuge beim Igiser Gemeindesaal vorfuhren, um ihre Freude und ihr Jagdglück mit der ganzen Gemeinde zu teilen. Diese Zeiten sind vorbei. Mitunter wegen Individuen, die – von ihrer Habsucht durchtrieben – egoistisch und unwaidmännisch jagen und damit die gesamte Jägerschaft in Verruf bringen. Daran hat wohl keiner der beiden gedacht, bevor er mitten in den Churer Bischofswingert oder in Richtung – ich glaube es ja nicht, dass ich das gerade schreibe und mich damit auf wirkliche Ereignisse beziehe – eines Trainingsplatzes schoss, wo gerade Kinder trainierten. Und dabei sein Ziel verfehlte!

Aber auch angesichts der jüngsten Fälle ist es keine Frage von Jagdbefürwortern gegen Jagdgegner. Es ist eine Frage des Verstandes, der sich im stetigen und wohl zunehmend radikalisierten Kampf mit dem eigenen Selbstwertgefühl befindet. Die Frage, die ich mir angesichts dieser beiden Fälle stelle, ist die Folgende: Weshalb definiert sich ein Jäger dermassen stark selbst darüber, wie gross sein Jagderfolg ist? Aus welch anderem Grund ginge jemand ein derart übermässiges Risiko ein, jemand anderen zu verletzen? So verhält sich pathologisch betrachtet nur jemand, der nichts mehr zu verlieren hat. Ausser der eigenen Wertschätzung für sich selbst.

Sind wir, ergo, so weit, dass wir anstatt bloss allsommerlicher Schiessprüfungen lieber auch noch gleich ein psychologisches Gutachten verlangen müssen, bevor wir jemandem ein Jagdpatent aushändigen? Doch dieser evidente Egoismus ist auch eine Erscheinung unserer Zeit, in der es für viele Menschen nur noch darum geht, etwas darzustellen, anstatt jemand zu sein. Ein Mensch etwa, der sich lieber seines Verstandes bedient. Jener natürlichen, uns von der Evolution verliehenen Wunderwaffe, die sicherlich nicht von sich aus in Richtung trainierender Kinder schiessen würde.

Kontaktieren Sie den Autor unter gianandrea.accola@somedia.ch

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Super Kommentar und mir als aktivem und in den letztem Tagen erschrockenen Jäger direkt aus dem Herzen gesprochen.
Diesen sogenannten "Jägern" gehört bis zur Aufklärung des jeweiligen Vorfalles das Patent und Stutzer entzogen, bei nachgewiesen gefährlichem Handeln auf Lebenszeit!
Schade, dass es trotz Aufrufen zu waidmännischem Handeln innerhalb der Jägerschaft immer wieder solche Personen gibt, die das in Schwerstarbeit aufgebaute Vertrauen der nichtjagenden Bevölkerung mit einem unüberlegten Schuss wieder zerstören und in Kopfschütteln und Abneigung umkehren. Der gefährlichste Gegner eines jeden waidmännisch und passionierten Bündner Jägers!!