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Der Bilder-Detektiv löst Rätsel

Andere sammeln Briefmarken. Walter Zweifel aus Luchsingen sammelt Informationen – zu digitalisierten historischen Fotos und etwas moderner am Computer. Mit dieser Arbeit hilft der Pensionär der ETH Zürich.

Marco
Häusler
Donnerstag, 03. Mai 2018, 04:30 Uhr Aussergewöhnliches Hobby

Walter Zweifel hat zu tun. Ziemlich viel sogar. Denn der 65-jährige Mann aus Luchsingen soll 21'000 Bilderrätsel lösen – und das auch noch gratis. Zum Glück ist er nicht allein. Mit ihm standen laut Statistik am 1. April genau 918 Freiwillige im Einsatz für die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich. 90 Prozent davon sind Männer.

Doch an der Spitze steht eine Frau. Seit 2008 leitet Nicole Graf das Bildarchiv der ETH-Bibliothek. Gut 3,2 Millionen Bilder von 1860 bis heute lagern in diesem, die Anzahl wächst stetig weiter, etwa 375'000 sind bisher digitalisiert, doch bei Zehntausenden fehlen die Informationen ganz oder sind nur sehr spärlich vorhanden.

Und da kommen die Freiwilligen ins Spiel. Ihr Wissen zapfte Graf 2010 erstmals mit dem Pilotprojekt Crowd-sourcing an, seit Anfang 2016 über den gleichnamigen Blog. «Wissen Sie mehr?», fragt sie auf diesem jeden Montag, um jeden Freitag unter dem Titel «Sie wussten mehr!» dann über die Resultate des Aufrufs zu berichten.

Denn die nach Themen geordneten Bilder können unter E-Pics online angeschaut und grösstenteils kostenlos zur freien Verwendung heruntergeladen – und kommentiert werden. Mit diesen Kommentaren können die historischen Bilder dann geografisch zugeordnet und je nach Motiv mit Stichworten oder Namen von abgebildeten Personen versehen werden.

Potenzial des «Schwarms» nutzen

Oft sind es Pensionäre wie Walter Zweifel, die sich aus ihrer Jugendzeit an die gezeigten Orte erinnern. «Ich wuchs in Linthal auf», sagt der gelernte Schreiner, der zuletzt für die Schreinerei Tödi AG gearbeitet hatte. Jetzt kümmert er sich unter anderem um die Webseite der Ortschaft Linthal, auf der ebenfalls historische Bilder zu finden sind.

Auf das Bildarchiv der ETH sei er gestossen, als er einmal im Internet etwas zu Linthal und zur Klausenstrasse gesucht habe. «Und dann bin ich dort hängengeblieben.» Denn wahrscheinlich beschäftige man sich einfach etwas mehr mit der Vergangenheit, wenn man älter werde. Und als er mit dem Suchwort «Linthal» dann auf alte Bilder stiess, die er noch nie gesehen hatte, hat ihn das fasziniert.

«Es ist zum Hobby geworden.» Gegen 100 Bilder habe er schon kommentiert oder in anderer Form etwas zur Verbesserung ihrer Einordnung beitragen können, sagt Zweifel. «Denn als Ortskundiger weiss man natürlich schon mehr.» Auf dieses «Schwarmwissen» baut Graf mit ihrem sechsköpfigen Team, das die Hinweise darauf prüft, wie plausibel sie sind.

Die Crowd trifft sich regelmässig

Die Arbeit der Helferinnen und Helfer wird geschätzt – gerade weil sie gratis und eigentlich unbezahlbar ist. So fand an der ETH in Zürich am 15. November 2016 denn auch ein sogenanntes Crowdsourcing-Event statt, zu dem sich insgesamt über 100 Aktivistinnen und Aktivisten trafen. Zu Ihnen gehörte auch Zweifel.

Noch mehr Spass scheint ihm aber zu machen, was am zweiten Crowdsourcing Treffen am 30. Januar präsentiert wurde: Smapshot. Das ist eine Internet-Plattform, auf der historische Bilder in einem virtuellen Globus positioniert werden. Dieser basiert auf aktuellen Satellitenbildern und 3D-Gebäuden von Swisstopo. Grob erklärt das wie folgt: Auf dem historischen und auf dem virtuellen Bild werden die gleichen vier Punkte markiert – Bergspitzen, Strassen, Gebäude, Flussläufe und Ähnliches.

«Georeferenzieren» nennt man das, es erspart zum Beispiel das Aufzählen aller Bergnamen einer abgebildeten Bergkette in der E-Pics-Kommentarfunktion und ist aus wissenschaftlicher Sicht wertvoll, um Gletscherschwund und Naturgefahren berechnen, Stadtentwicklung analysieren oder verschwundene historische Gebäude virtuell rekonstruieren zu können.

«Es ist zum Hobby geworden. Und als Ortskundiger weiss man natürlich schon mehr.»

Gestartet wurde Smapshot mit gut 10'000 Luftbildern, die der 1937 verstorbene Schweizer Luftfahrtpionier Walter Mittelholzer für die Swissair geschossen hatte. Mit seinem Nachfolger, Werner Friedli, wurde am letzten Montag nun eine neue Kampagne gestartet, bei der in drei Teilen von je 7000 Luftbildern schliesslich 21'000 Bilder georeferenziert werden.

Bei der Lancierung schrieb Graf zu Smapshot: «Aus zahlreichen Rückmeldung höre ich immer wieder: ein geniales Tool, aber es hat ein grosses Suchtpotenzial!» Es sei wie ein Spiel, und: «Es kann Ihre Freizeit massgeblich verändern.»

Walter Zweifel liess sich am gleichen Montag aber nicht davon abhalten, mit seinem Laptop diese neue Kampagne der «Südostschweiz» vorzustellen. Danach hatte er es dann aber eilig. Schliesslich wolle er noch ein paar Bilder aus dem Glarnerland georeferenzieren. «Das könnte bis in die späte Nacht dauern.»

https://smapshot.heig-vd.ch

www.linthal.ch

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