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«Da sank mir schon der Mut»

Der Sedruner Peter A. Dettling ist von Wölfen fasziniert, seit er in Alaska zum ersten Mal einem begegnet ist. Während vier Jahren hat er das Calanda-Rudel beobachtet. Jetzt veröffentlicht er das Ergebnis gestaffelt im Netz.

Ursina
Straub
03.03.18 - 09:03 Uhr
Ereignisse

Im Sommer 2013 war Peter A. Dettling mit einem Filmteam des Schweizer Fernsehens am Calanda. Man wollte eine Dokumentation über das erste Wolfsrudel der Schweiz realisieren. Ein Jahr zuvor hatte die Wölfin F07 zum ersten Mal geworfen. Doch während der zehn Drehtage gab es keine Spur von einem Wolf. Erst als das SRF-Filmteam abgereist war, hatte Dettling Glück.

Herr Dettling, nach zehn Drehtagen ohne Hinweis auf einen Wolf hörten Sie die Welpen des Calanda-Rudels heulen. Was ging Ihnen durch den Kopf?

Es war unglaublich. Ein sehr bewegender Moment. Jahre davor hatte ich den Surselva-Wolf heulen hören. Aber das war etwas anderes, hier heulten Welpen. Die erste Wolfs- familie der Schweiz war ganz in der Nähe. Das war sehr speziell.

Wie lange ging es danach, bis Sie einen Wolf sahen oder hörten?

Mir war in jenem Moment klar, dass ich ein Langzeitprojekt starten wollte, in der ich die erste Schweizer Wolfsfamilie porträtiere. Zunächst flog ich aber nach Kanada zurück, ich wollte das Wolfsrudel keineswegs stören. Im Herbst war ich wieder am Calanda und liess mir vom pensionierten Wildhüter Georg Sutter das Wolfsrevier zeigen. Bis ich wieder einen Wolf sah, sollte es aber Wochen dauern.

Wie erforschten Sie das Territorium?

Ich wollte das ganze Gebiet kennenlernen, die Topografie, die Hirsch- und Rehbestände, die Nutztiere und Alpen. Bevor ich mich mit dem Wolf auseinandersetzte, wollte ich sein Revier kennen.

Zu welchen Tageszeiten waren Sie unterwegs und wie lange?

Am intensivsten waren die Tage im Mai und Juni, sie waren am längsten. Da war ich jeweils vom Morgengrauen bis zum Eindunkeln unterwegs. Oft sass ich stundenlang auf einem getarnten Posten und beobachtete nur.

Gab es Momente, wo Sie aufgeben wollten?

Die gab es. Zu Beginn habe ich wochenlang keinen Wolf gesehen. Da sank mir schon der Mut und ich fragte mich, ob sich der ganze Aufwand lohne.

Weshalb machten Sie weiter?

Weil ich im richtigen Moment die Jungwölfe nicht nur hörte, sondern endlich auch sah. Das gab mir einen gewaltigen Motivationsschub.

Was war das Schwierigste beim Filmen und Fotografieren?

Das grösste Problem war, dass die Beobachtungsposten recht weit entfernt von den Tieren waren. So musste ich mit einem starken Teleobjektiv arbeiten. Ich wusste, dass die Fotoqualität damit nicht optimal war. Wichtiger war mir jedoch, die Wölfe authentisch zu zeigen.

Nun haben Sie das Calanda-Rudel vier Jahre beobachtet. Ihr Fazit?

Es war sehr eindrücklich zu sehen, dass das Zusammenleben funktionieren kann. Zu Beginn gab es Schafrisse auf der Alp Ramuz. Nachdem Herdenschutzmassnahmen umgesetzt wurden aber kaum mehr. Zudem hat mich fasziniert, dass viele Einheimische den Wölfen gegenüber positiv eingestellt sind. Aus den Medien erhält man den Eindruck, der Grossteil der Bevölkerung sei gegen den Wolf. Diesen Eindruck hatte ich nicht.

Trotzdem gibt es auch Abwehr. Haben Sie Verständnis dafür?

Das war mit ein Grund, weshalb ich die Dokumentarserie realisieren wollte. Ich kann damit Aufklärungsarbeit leisten. Wenn man die Fakten kennt, sieht man das Positive, denke ich. Ich erkläre ja in den Filmen auch, woher der Wolf kommt und weshalb er hier ist. Aber auch Wolfsgegner kommen zu Wort.

Was macht Sie so sicher, dass der Wolf in der Schweiz Platz hat?

Die Schweiz hat einen Wildbestand von über 260 000 Huftieren und es gibt rund 40 Wölfe. Sie haben also viel Wild, das sie jagen können, und auch viel Platz. Dass Wölfe mit dem Menschen koexistieren können, zeigen die Calanda-Wölfe in meinem Film. Wölfe brauchen Wild und Wald, in den sie sich zurückziehen können. Das haben sie in der Schweiz.

Haben Sie auch Überraschendes über die Wildtiere am Calanda entdeckt?

Ich merkte schnell, dass es ein wild- reiches Gebiet ist. Es war interessant zu beobachten, wie das Wild auf den Wolf reagiert. Es passte sich schnell an die neue Situation an. So verliessen etwa Hirschkühe die angestammten Plätze und kalbten an neuen Orten ab.

Woher kommt eigentlich Ihre Faszination für den Wolf?

Die begann vor über 25 Jahren in Alaska. Die Faszination wuchs, je mehr ich über die Tiere las und wusste. Deshalb der Wunsch, die Rückkehr der Wölfe in der Schweiz zu dokumentieren. Ich möchte mich einfach für die Wölfe einsetzen, indem ich zeige, wie sie leben und was ihre Rückkehr für die Gesellschaft bringen kann.

Der erste Film ist ab Samstag, 3. März hier aufgeschaltet.

Ursina Straub schreibt als Redaktorin der «Südostschweiz» für den Regionalteil der Zeitung und für Online. Ihre Themenschwerpunkte sind Landwirtschaft, Alp, Jagd, Grossraubtiere, Natur; zudem berichtet sie regelmässig aus dem Grossen Rat. Die gelernte Journalistin, diplomierte Landwirtin und Korrektorin EFA ist auch Leiterin Qualität. Mehr Infos

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