† Edy Ruckstuhl-?Zimmermann
Immensee Es war unendlich schwer, euch zu verlieren, aber noch viel schwerer ist es, ohne euch zu leben. Eure Hände haben losgelassen, Hände, die baten, und Hände, die gaben.
Immensee Es war unendlich schwer, euch zu verlieren, aber noch viel schwerer ist es, ohne euch zu leben. Eure Hände haben losgelassen, Hände, die baten, und Hände, die gaben.
Der Weg Hand-in-Hand ist zu Ende, nun müssen wir unsere Hände loslassen.
Unser Papi, geb. 6. Mai 1922, wuchs mit seinen drei Schwestern und zwei Brüdern in unberührter Natur im Hotel Rigi in Immensee auf. Im schneereichen Winter rettete ihn seine Schwester Trudy als 3-Jährigen, nach einer rasanten Downhill-Schlittenfahrt, aus dem eiskalten Zugersee. Der Schulunterricht in Immensee langweilte ihn so sehr, dass er fortan in Küssnacht die Schulen besuchen durfte. Seine urchigen Anekdoten erzählte er uns oft mit seinem verschmitzten Lächeln, wie sie die Küssnachter mit Steinschleuder-Angriffen vertrieben oder sich über die betrunkenen Hühner amüsierten, vom strengen Winter, wo seine Mutter ihm der Kälte wegen Zeitungspapier auf die Brust legte, oder wie sein Vater die Schürze der Klosterfrau an der Fahnenstange auf dem Hoteldach aufzog. Von vielen traurigen Schicksalsschlägen war seine Jugend geprägt, so verlor er seine zwei Schwestern Christeli und Susi im jugendlichen Alter.
Die im Internat in Montreux geschlossenen Freundschaften begleiteten ihn bis an sein Lebensende. Tief beeindruckt erzählte er uns von den wichtigen Berufspositionen seiner Freunde und dem unerschütterlichen Zusammenhalt. Besonders im Rentenalter trafen sie sich öfters zum geselligen Beieinandersein, organisierten Ausflüge oder fuhren gemeinsam in die Ferien.
Gerne wäre er Lokomotivführer geworden oder hätte eine Bankkarriere angestrebt. Durch den frühen Tod seines 24-jährigen Bruders Hans im Jahr 1937 fühlte er sich verpflichtet, seine Eltern im Hotel tatkräftig zu unterstützen. Er fing 1939 eine Kochlehre an im Bahnhofbuffet Luzern. Sein Vater musste 80 Franken Lehrgeld bezahlen. So war es für ihn selbstverständlich, an seinen freien Tagen nach Immensee zu laufen, um seinen verehrten Eltern zu helfen, auch als sein Vater tagelang auf der Jagd weilte. Seinen Wissensdurst stillte er mit Fachkursen der Hotelfachschule, der Gademanschule in Zürich und mit verschiedenen Saison-Stellen in Winterthur, Gstaad, Neuchâtel, Basel, Rheinfelden. Schlaflose Nächte verbrachte er als Küchenchef in Basel, wo er mit der Brigade, den Hotelgästen und Strassenpassanten die Nächte in den Schutzkellern verbrachte, um nachher wieder vollumfänglich Verantwortung zu übernehmen für die Verpflegung der vielen Gäste und des Militärs. Sein Feilschen um Nahrungsmittel, seine Begabung, jeden Tag eine warme Mahlzeit den Soldaten aufzutischen, und seine Grosszügigkeit, die Dorfbevölkerung ebenfalls mit zu verpflegen, waren ausschlaggebend für die gute Stimmung in seiner Mannschaft im Tessin. Dank seinem Einsatz, seiner Kreativität als Küchenchef im Militär, wurde er mit dem «Küchenstern» ausgezeichnet.
Seine Karriere hätte wohl ohne die harten Nachkriegszeiten eine andere Richtung genommen. Papis Sehnsucht nach Übersee-Stellen konnte er als pflichtbewusster Sohn nicht nachkommen; es enttäuschte ihn sehr, dass er nie auf einem Ozeanschiff arbeiten durfte. Beharrlich setzte er sich durch und verbrachte zwei Wintersaisons in Herne Bay (GB). Dort vertrat er an seinen Freitagen die Küchenchefs in den umliegenden Hotels; was ihm eine saftige Geldstrafe vom Immigrations-Office einbrachte.
Im «Rigi» in Immensee plante er langsam «Neues» aus, verbesserte «Althergebrachtes», vergass jedoch nicht, dass keine Zukunft ohne Vergangenheit möglich ist. Unser Papi verstand sich bestens mit seinen Eltern und verehrte sie sehr und war sich als Nachkomme der vollen Verantwortung bewusst. Er schätzte sich glücklich ob der aussergewöhnlichen Lage seines Elternhauses (geschichtlich erwähntes «Rothuus», erstes Wirtschaftspatent vom Jahr 1799), welches als Umladeplatz der Gotthardpost diente. Seine Grosseltern kauften dieses geschichtsträchtige Anwesen, als sie nach Jahren von der Poebene kommend eine neue Bleibe suchten. Mit dem Velo fuhr er öfters mit seinen Freunden nach Greppen, wo die Rigimutter zwei charmante Töchter besass. Er war von der Fröhlichkeit von Elsy angetan, und sie spürten, dass sie füreinander bestimmt waren. Im Februar 1951 heirateten die Verliebten. Unsere Eltern bauten gerne um: das Kohlenlager, Heizung, Ökonomiegebäude (1955), Gardemange, Küche, Kaplanei (1963), Restaurant (1974), Küche, Lingerie, Waschküche (1982), Saal, Office, Rezeption, Lift (1988), Paradiesli (1995), Sanitärräume (2001), und, und! Fast jedes Jahr hatten wir irgendwo eine Baustelle. Jeder Raum wurde mindestens einmal umgebaut oder modernisiert. (Nicht zu vergessen die wiederkehrenden Wasserrohrbrüche im Winter.) Der Neubau der Seeterrasse im Jahr 1967 kostete meinen Eltern viel Nerven, und sie spürten den aufkommenden rauhen Wind, welcher schnell in einem Generationskonflikt enden konnte. Papis versöhnliches Wesen löste mit viel Einfühlungsvermögen und der nötigen Toleranz das Problem. Nicht zu vergessen sind die vielen Seestürme, welche unseren Garten fast wiederkehrend, flächenmässig einfach wegspülten. Papi verzweifelte fast und meinte oft: «Das ‹Rigi› ist ein Fass ohne Boden!» Doch zum «Sinnieren» blieb ihm nicht viel Zeit, denn Mamis Vitalität und unermüdliche Willenskraft richtete ihn auf. Sie sah nur das Schöne, das Ergebnis der harten Arbeit, und war zufrieden mit ihrem Leben im «Rigi», solange sie gesund war und arbeiten konnte. Ich erinnere mich gerne an die «Wildzeit», wo Papi hinter dem Haus das Wild selbst zerlegte und einbeizte. Von weit her fuhr man ins familiär geführte «Rigi», um gefangene Fische zu essen. Unsere Eltern arbeiteten unermüdlich von früh bis spät, oft sah man Papi um Mitternacht noch in der Küche stehen, um seinen Vorbereitungen nachzugehen oder einem späten Gast eine warme Mahlzeit zuzubereiten. Seine Küche wurde dank den kreativen regionalen Zubereitungsarten mit dem Goldenen Fisch ausgezeichnet, und wir konnten uns der Arbeit nicht erwehren. In jeder hektischen Situation war unser Papi der ruhende Pol. Das Wohlergehen der Gäste und der Vereine lag unseren Eltern besonders am Herzen, Papis Stammtisch war ihm eine Herzensangelegenheit. So war er Gründungsmitglied der Lichtlöscherzunft und Zunftvater und Mami Ehrenmitglied der Musik und der Studentenverbindung vom Institut Bethlehem. Im Alter wurde unser Papi nach diesem ereignisreichen Leben müde, und er wünschte sich die Novembertage herbei, wo tiefe Nebelschwaden über den See herzogen und er seine Ruhe fand und auftanken konnte.
Dank der verlässlichen Küchenvertretung nahm sich Papi in der Pension die Freiheit und fuhr ins Tessin, nach Basel, Genf, oder nach Kloten, um sein Fernweh zu stillen.
Auf seinen Ausflügen fuhren wir über die Pässe oder schnell ins Tessin, wir mit ihm, und später begleitete Papi uns in die Ferien.
Papi wollte nicht wahrhaben, dass seine tolle, geliebte Frau im Alter von 84 Jahren vor ihm vorausgegangen ist. Er verschmerzte ihren Tod nicht und hatte oft Heimweh nach seinem Elsy. Sie war sein Mittelpunkt, seine Seelenverwandtschaft, sein Lebensinhalt, sein Alles. Es war für Papi Schwerarbeit, den Alltag wieder anzunehmen und trotzdem weiterzuleben. Die Verdunkelungen seiner Gedanken nahmen langsam Besitz von ihm. Er konnte vieles nicht mehr nachvollziehen, und sein Humor wich der Traurigkeit. Ihm fehlten die Gäste, die Leutseligkeit, sein tüchtiges Elsy, und so verabschiedete er sich langsam von uns, mit der fürsorglichen Frage: «Händ er öpisn Warmes zesse, danke dir für din Bsuech!» Liebes Mami, lieber Papi, euer beispielhaftes Leben war uns in jeder Hinsicht ein Vorbild. Es war schön, von euch geliebt zu werden. Die seltenen Werte der Achtung und des Respektes lebtet ihr uns täglich vor. Wir verneigen uns in Demut, und sagen Adieu, Au revoir, Adjö, Arrivederci, Adiós, Goodbye.
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Dies eine wunderbar…
Dies eine wunderbar liebevolle Zusammenfassung des Lebens von meinen beiden Patrons, unter ihnen durfte ich 2 Saisons die Réception des Rigi Royal (mit)führen.
Es war mir eine Ehre.