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Und noch immer gilt: «Si vis pacem, para bellum»

Der Wunsch nach einer Rückkehr des verlorenen goldenen Zeitalters ist in der Geschichte der Menschheit tief verankert. Auch nach den kriegerischen Katastrophen der letzten Jahrhunderte hoffte man immer wieder auf den Anbruch einer neuen, friedvollen Zeit.

Südostschweiz
12.04.14 - 02:00 Uhr

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in den die europäischen Staaten vor hundert Jahren hineinschlitterten, manifestierte sich der Friedenswille unüberhörbar.

Der Völkerbund wurde proklamiert, allerdings mit Unvollkommenheiten, die sich später rächten. 1939 entfesselte Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg, der weite Teile Europas in Schutt und Asche legte. Mit Winston Churchills Europarede in Zürich wurde ein Neubeginn angekündigt, eine Vision, die der Völkergemeinschaft Frieden und Freiheit sichern sollte. Aber Spannungen zwischen den Weltmächten USA und der Sowjetunion verstärkten sich, führten zum Kalten Krieg. Das «Gleichgewicht des Schreckens» hielt die Grossmächte in Schach. Atomare Mittelstreckenraketen waren auf Westeuropa gerichtet. Unvergessen, wie Breschnew in Bonn uns Journalisten drohte: «Wir haben Waffen, die auf Köln und Bonn gerichtet sind.»

Der Kalte Krieg ist eine Zeitspanne, die sich niemand zurückwünscht, an die sich jüngere Generationen nur noch schwerlich erinnern. Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem Zerfall des Sowjetimperiums schien eine Friedenszeit eingeläutet, Feindbilder verschwanden. Plötzlich nun die Krimkrise – «die schlimmste Auseinandersetzung seit dem Kalten Krieg».

Sie holt längst Vergessenes und Verdrängtes auf die Tagesordnung zurück. Der neue «Zar» Putin will das unter Gorbatschow ausgefranste Imperium mit eiserner Faust wiederherstellen. Die gelobte neue Völkerverständigung ist dramatisch in Frage gestellt. Die Zuversicht, von der man sich gerne einlullen liess, wird von harten Fakten konterkariert. Es zeigt sich einmal mehr, der Mensch ist des Menschen Wolf, Sicherheit ist nicht gratis zu haben, Friedenseuphorie bekommt einen schweren Dämpfer. Die Krise in der Ukraine, wenige Tausend Kilometer von der Schweiz entfernt, muss nachdenklich stimmen. Der Stellenwert der Armee ist vielleicht neu zu überdenken – Spott über die Armee als «Trachtenverein» ist zu billig. Wer keine eigene Armee hat, läuft Gefahr, eine fremde im Land zu haben. Welche fremde Armee soll in die Schweiz eindringen – oder sollen gar mit 22 Gripen die Russen aufgehalten werden? Nein, darum geht es nicht. Aber die Schweiz soll in der Lage sein, in der westlichen Verteidigung ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört, die Lücke des Luftschirms, den die Nato spannt, auszufüllen.

Die Schweiz hat dazu ihren Beitrag solidarisch zu leisten. Unfair ist allerdings, die Armee zu schwächen, ihr die Mittel nicht zu geben und nachher darüber zu spotten, dass sie ihren Auftrag nur noch teilweise übernehmen könnte. Klar ist: Der Frieden ist nicht gratis zu haben. Das römische Sprichwort «Si vis pacem, para bellum – Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor» – hat, man mag es bedauern, leider nichts von seiner Gültigkeit eingebüsst.

CLAUDIO WILLI, Dr. phil., Historiker, Journalist in Basel, Rom und Bonn, seit 1991 beim BT.

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