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2600

Christian
Ruch
08.01.22 - 04:30 Uhr

In «Ruchs Rubrik» beleuchtet Christian Ruch Bedenkliches, Merkwürdiges und Lustiges aus der Region Südostschweiz. Das alles einmal wöchentlich und mit viel Esprit und Humor. Ob Politik, Kultur, Wirtschaft oder Sport – in Ruchs Rubrik hat all das Platz, was sich mit einem Augenzwinkern betrachten lässt.

Kurz vor Weihnachten erreichte mich seitens der Redaktion die frohe Kunde, dass meine Kolumne nun länger sein darf – ab heute sind es maximal 2600 statt 2200 Zeichen. Ein Traum ging in Erfüllung! Wie neidvoll schielte ich oft zur Kolumne des Herrn Masüger nebenan hinüber, der sich immer so in epischer Breite auslassen darf. Davon bin ich nach wie vor weit entfernt, aber ich kann Ihnen komplexe Zusammenhänge nun doch etwas ausführlicher erläutern.

Es ist nämlich so, dass die Lieblingsbündnerin an meiner Seite beschlossen hat, mir das Jassen beizubringen. Sie erinnern sich vielleicht, dass ich neulich hier feststellen musste, wie fremd mir dieses urschweizerische Spiel ist, und sie hat nun beschlossen, das zu ändern. Schliesslich kann man von einem gelernten Diplom-Eidgenossen verlangen, dass er jassen kann. Ob das jetzt schon tatsächlich der Fall ist, sei dahingestellt, denn die Lieblingsbündnerin meinte stirnrunzelnd, ich legte eine etwas unorthodoxe Spielweise an den Tag. Was wohl daran liegt, dass ich gewisse Dinge immer noch nicht begriffen habe. So zum Beispiel, wenn mich die Lieblingsbündnerin fragt, ob ich keinen Bock hätte. Das irritiert mich, weil ich ja sonst gar nicht mit ihr spielen würde. Oder so.

Völlig verwirrt war ich allerdings, als sie mir die Variante «Undenufe» beibringen wollte – wie um Himmelswillen kann man in einem wohlgeordneten Land wie der Schweiz auf die Idee kommen, dass der Sechser elf Punkte wert ist? Ich meine, wenn Sie den Intercity um 6.08 Uhr nehmen, würden Sie sich doch ziemlich verhinterteilt vorkommen, wenn die SBB Ihnen mitteilte, dass da zwar 6.08 Uhr im Fahrplan steht, aber der Zug erst um 11.08 fährt. Gut, die fünf Stunden Wartezeit könnte man mit einem zünftigen Jass überbrücken. Und das ist sehr nützlich in einer Zeit, in der man laufend auf Testergebnisse warten muss oder darauf, dass der Bundesrat sich endlich wieder mal darüber auslässt, wie er mit Corona umzugehen gedenkt. Oder mit der EU. Aus Bundesratssicht gleichermassen lästige Dossiers.

Insofern ist Jassen ein sehr unschweizerischer Sport, stelle ich fest. Laufend muss ich zack-zack auf die ausgespielte Karte der Lieblingsbündnerin reagieren, anstatt mein Blatt mal gemütlich in eine Vernehmlassung zu geben oder auch per Volksabstimmung entscheiden zu lassen, welche Karte man nun spielen soll. Und wenn dann noch so eine Nelly auftaucht, oder wie die heisst, bin ich vollkommen konfus. Na ja, schreibe ich halt weiter Kolumnen. Denn dass 2600 Zeichen mehr sind als 2200 ist für mich nach wie vor einsichtiger, als warum die Sechs eine Elf ist.

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