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Reden wäre erwünscht

Andri
Dürst
11.07.22 - 12:00 Uhr
Leben & Freizeit
P1020412
Die Kirchen – wie hier die katholische Pfarrei – engagieren sich auch für karitative Projekte wie beispielsweise das «Tischlein deck dich».

3900 Mitglieder bei den evangelischen Kirchgemeinden, 4079 bei den Katholiken und 4200 Übrige (Konfessionslose und andere Religionen) – so der Stand in Davos Ende 2021. Doch wie sieht es mit Austritten aus? Marianne Aguilera, Präsidentin der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Davos Platz, sagt auf Anfrage dazu: «2021 waren es 36 Austritte und 1 Eintritt. Es sind alle Altersgruppen vertreten, meistens Einzelpersonen, aber auch Ehepaare oder Familien. Es gibt auch Fälle, bei denen die Eltern austreten, die Kinder aber als Mitglieder in der Kirche behalten wollen, da die Kinder später selber entscheiden sollen. Die Zahl der Austritte schwankt etwas von Jahr zu Jahr, ist aber in der Tendenz leicht steigend. Seltener gibt es Eintritte oder gar Wiedereintritte.» Und vonseiten der Katholiken heisst es: «Die Zahl der Kirchenaustritte befinden sich bei der katholischen Kirchgemeinde Gott sei Dank noch auf niedrigem Niveau. Meist sind es Neuzugezogene, die sich mit Wohnsitzname in Davos bei der Gemeinde als konfessionslos melden», erklären die Katholiken zudem. Hinzu kämen jährlich etwa zehn Neueintritte durch Konfessionswechsel, Erwachsenentaufen und Zuzug.

Registrationen erfolgen nicht leichtfertig

Die DZ fragte in dieser Sache bei der Gemeinde nach. Tamara Pinggera, Leiterin Bevölkerungsdienste, erklärt, wie man bei Neuzuzügern vorgeht. Bei solchen mit ausländischer Staatsangehörigkeit, die noch nie in der Schweiz registriert waren, arbeite man nach dem Grundsatz von Treu und Glauben. «Es gibt Fälle, bei denen der Wille zu einem Austrittsversuch erkennbar ist.» Dann hake man nochmals nach. Aber oft bliebe nichts Anderes übrig, als diese Personen als konfessionslos zu registrieren, wenn sie das so wollen. Anders verhalte es sich bei Schweizerbürgern oder Personen ausländischer Herkunft, die bereits irgendwo in der Schweiz registriert waren. «Melden sich diese neu in Davos an, so können wir die Daten der Ursprungsgemeinde abrufen und dadurch die Religion mit den Angaben der Anmeldung vergleichen. War die Person in der Ursprungsgemeinde beispielsweise als ‹reformiert› registriert, und gibt sie bei uns als Religion ‹konfessionslos› an, so wird von den Bevölkerungsdiensten eine Austrittserklärung verlangt. Ohne diese offizielle Erklärung wird die Religion der Ursprungsgemeine übernommen», erläutert Pinggera.

Was nicht immer ganz einfach sei: Das «Adäquat» zur ursprünglichen Religion in Davos zu finden. So könnten sich Christkatholiken, die vor allem in den Niederlanden oder in Deutschland, aber beispielsweise auch in der Region Basel vertreten seien, in Davos nicht bei einer Kirchgemeinde anmelden, da im Landwassertal eine entsprechende Gemeinschaft nicht zu existieren scheint.

Und wie verhält es sich bei Geburten? Die Leiterin Bevölkerungsdienste erklärt: «Die Eltern können entscheiden, welche Konfession ihr Kind bekommen soll. Die Einwohnerkontrolle fragt dann nach der jeweiligen Entscheidung.»

Gründe sind vielfältig

Was die Gründe für einen Austritt anbelangt, so halten die Katholiken fest: «Es ist in den letzten Jahren deutlich zu ­bemerken, dass Austritte meist dann vermehrt zu verzeichnen sind, wenn eine negative mediale Berichterstattungs­welle erfolgt. Da es die Kirchensteuer­finanzierung ausschliesslich in den deutschsprachigen Ländern gibt, ist es für Katholiken anderer Länder ungewohnt, Kirchensteuer zu bezahlen und damit die Kirchgemeinde vor Ort materiell zu unterstützen». Zudem gebe es in diesem Personensegment oft Saisonarbeiter, die sich dann entsprechend über den Zeitraum ihrer Arbeit in Davos konfessionslos meldeten, aber dennoch die heiligen Messen besuchen würden. Und: «Austritte bei einheimischen Davosern, die über den Religionsunterricht, die kirchlichen Angebote und Anlässe gut ins Pfarreileben eingebunden sind, gibt es sehr selten». Bei den Reformierten ortet man noch einen anderen Grund, nämlich die Demographie: «Bei den Davoser Reformierten gibt es mehr Todesfälle als Geburten. Und bei Zuzügen nimmt die Zahl der Konfessionslosen und diejenigen anderen Konfessionen im Vergleich zu den Reformierten zu.»

Bei Neueintritten setzt man in beiden Konfessionen auf Kommunikation per Brief. Aguilera dazu: «Es gibt ein Be­grüssungsschreiben und auf Wunsch die Kontaktaufnahme. Unser Bestreben ist es, für die Menschen in den verschiedenen Lebenssituationen da zu sein. Wir wollen uns aber nicht aufdrängen.» Und bei den Katholiken: «Immer wieder schreiben wir neuzugezogene Katholiken an oder versenden einen Weihnachtsgruss an etwa 500 Personen, in dem wir sie begrüssen und unser Gemeindeleben vorstellen.»

Vorgefertigtes Formular

Was beide Kirchgemeinden feststellen: Die meisten Austritte per Post geschehen über vorformulierte Formulare, die im Internet ausgedruckt werden können. Die Reformiertem-Präsidentin erklärt dazu: «In den Standardvorlagen ist keine Begründung vorgesehen. Falls aber jemand einen Grund nennt, der mit unserer Kirchgemeinde, den Pfarrpersonen oder Fachlehrpersonen Religion zu tun hat, würden wir dem nachgehen. Wenn aber steht, dass wir wie in der Ostkirche Homosexualität verurteilen sollten, dann ist das die persönliche Meinung der schreibenden Person, über die es nicht lohnt zu diskutieren. Meistens liegt dem Austritt aus der Kirche eine Entfremdung zugrunde. Und die Steuerfrage gibt dann noch den Ausschlag.» Die Katholiken halten dazu fest, dass im Gespräch mit dem Pfarrer – das wünschenswert, aber nicht zwingend notwendig sei – die Gründe erörtert werden. «Meist genannte Gründe sind jahrelange Entfremdung, finanzielle Ersparnis, Missbrauchsskandale und kein Interesse am kirchlichen Leben». Sie betonen, dass es bisher noch keinen ortsbezogenen Grund für einen Kirchenaustritt gegeben habe. «Die Erfahrung zeigt auch, dass Austrittswillige bereits in ihren früheren Kirchgemeinden keinen Kontakt zur Ortskirchgemeinde mehr hatten und bei einem Umzug nach Davos der Austritt als eine günstige Gelegenheit gesehen wird, Geld zu sparen und sich konfessionslos zu melden.»

Was sich beide Kirchen wünschen, ist, dass bei Unmut das Gespräch gesucht werden soll. «Viele verstehen auch erst im Gespräch mit dem Pfarrer, dass mit der Kirchensteuer hauptsächlich die Gemeinde vor Ort finanziell unterstützt wird und das Geld nicht zum Bischof nach Chur oder zum Papst in den Vatikan fliesst», merken die Katholiken an. Und Aguilera meint: «Natürlich wünschten wir uns, Austrittswillige oder Unzufriedene würden vorher das Gespräch suchen und ihre Bedürfnisse mitteilen oder auch das Unbehagen ausdrücken.» Denn die christliche Religion habe auch heute noch einiges zu bieten.

Kirchensteuern werden auch verwendet, um sakrale Gebäude zu erhalten. Im Bild der Turm von St. Johann bei seiner Renovation 2003.
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