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Nicht mehr nur «der Stachel im Fleisch»

Andri
Dürst
05.09.22 - 06:40 Uhr
Leben & Freizeit
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Wildmannli-Sprecher Marco Meyer (r.) begrüsste seine Mitstreiter im «Schifer».

«Die Wildmannli Tafel uf Tafaas will für unsere Region Davos Klosters als Denkfabrik Visionen und strategische Zielvorgaben entwickeln sowie für einen langfristigen Zeithorizont Lösungen zur Pro-sperität vorschlagen. Wir geben Denkanstösse, die in grösseren Umrissen langfristig, über die Tagespolitik hinaus ausgerichtet sind. Wir tun unsere Standpunkte zu grundlegenden gesellschaft­lichen und wirtschaftlichen Themen der Region kund», so umschreibt der Verein sein Wirken. Die Wildmannli – an ihren offiziellen Treffen tragen sie Tenü «Chutta» und halten sich jeweils an genau vorgegebene Prozedere – waren bislang der Stachel im Fleisch der Davoser Politik. Nun scheint sich das Blatt in Richtung gemeinsame Sichtweise gewendet zu haben.

Wildmannli-Ideen nicht mehr länger abstrakte Gebilde

Obmann Hans-Rudolf Strickler stellte gleich zu Beginn klar: «Man kann nicht sagen, dass in der Davoser Politik nichts läuft». Was ihn am meisten freute: «Viele Ideen der Wildmannli werden im aktuellen Legislaturprogramm reflektiert». Die Resonanz auf ihre Anliegen – beispielsweise Digitalisierung oder Verkehrs-planung – sei zu Beginn nicht so gross gewesen, meinte Strickler. Doch: «Seit der neue Landammann im Amt ist, kommen unsere Ideen langsam in den Köpfen an». Allerdings wollen sich die Wildmannli nun nicht auf den Lorbeeren ausruhen und formulieren daher bereits neue Forderungen: «Es gibt im Bereich der Planung noch viele ‹loose ends›; sprich Teile, die noch nicht zusammen passen. Darauf haben wir schon vor Längerem hingewiesen.» Als Beispiel nannte Strickler die Interpellation des Grossen Landrates Claudio Rhyner «betreffend Davoser Strategie zu einer übergeordneten Verkehrsplanung und Koordination der verschiedenen kommunalen Detailplanungen» (siehe DZ vom 30. August). Die Wildmannli würden sich bald zum das Generationenprojekt äussern – und dies durchaus kritisch.

Organisator und Wildmannli-Schreiber Patrik Wagner (l.) sowie Obmann Hans-Rudolf Strickler.

Von A wie Aufwertung bis Z wie Zaubersteg

Ein weiteres Anliegen, das derzeit von der Gemeinde umgesetzt wird, ist die Aufwertung des Davosersees. «Die Idee der Wildmannli war die Erstellung eines Rockpools. Dieses Vorhaben wurde zugunsten einer Badeinsel aufgegeben», blickte der Obmann zurück. Der dafür von der Gemeinde ins Auge gefasste Standort beim Regatta-Häuschen wurde allerdings als ungeeignet eingestuft. Dank des Einsatzes eines engagierten Wildmannlis über die IG Dorf habe man die Suche nach einem besseren Standort angestossen. Viel Lob von Strickler erntete die Gemeinde für ihr Engagement im Bereich Digitalisierung. Die Einsetzung des «Davos Digital Rates» wird klar befürwortet, und man ist auch froh, mit Dirk Klee ein Wildmannli im Gremium zu haben. Dieser meinte, die Zusammenarbeit im Rat sei sehr konstruktiv und lobte, dass mit der Forcierung auf die Digitalisierung eine Ganzjahres-Strategie für Davos aufgegleist werde. In seinen Ausführungen ging der Obmann auch auf das «Lab 42» ein, das er äusserst lobend erwähnte und von dem bald konkret verwertbare Geschäftsideen erwartet werden. Zum letzten Anliegen nahm Wildmannli Martin Deuring Stellung. Das Projekt eines Zauberstegs, der den Strelaberg und die Büschalp miteinander verbinden sollte, liege derzeit in der Schublade. Wegen Gefährdung einer Steinwildkolonie im betroffenen Gebiet legte man das Vorhaben ad acta. «Wir hoffen aber, dass wir das Projekt wieder aus der Schublade hervorholen können. Es wäre ein gewaltiges Leuchtturm­projekt für Davos», so Deuring. Dass das Projekt noch nicht vom Tisch ist, darüber waren sich alle einig.

Trotz gutem Zeugnis den Mahnfinger gehoben

Für die meisten Anwesenden wurde das anschliessende Gastreferat zum Höhepunkt der «Bsatzig». Peder Plaz, Geschäftsführer der Denkfabrik «Wirtschaftsforum Graubünden», referierte zur ökonomischen Situation der Gemeinde Davos. Der in Savognin aufgewachsene Plaz konnte viele Fakten mit «Fleisch am Knochen» liefern und äusserte klare Ideen und Forderungen an die Lokalpolitik. Seine Analyse zeigte, dass Davos im Vergleich mit anderen Gemeinden gar nicht so schlecht dasteht. Beispielsweise beim Jugendquotient – also das Verhältnis der 0- bis 19-jährigen zu den 20- bis 64-jährigen Personen zueinander – liege mit 18 Prozent im Schweizer Durchschnitt. Jedoch sei bei der ­Gesamtbevölkerung eine negative Entwicklung zu beobachten. Ein möglicher Hebel gegen diese Entwicklung sei das Schaffen von Arbeitsplätzen, und auch dies gelinge Davos ziemlich gut. So lautete seine Einschätzung: «Wirtschaftlich würde es gar nicht so schlecht laufen, aber es gibt einen grossen Bremsklotz, und dieser heisst Wohnraum». Wenn man dieses Problem nicht löse, so brächten alle zusätzlichen Strategien nichts. Er sprach von bis zu 1000 neuen Wohnungen. Ebenfalls Luft nach oben sah Plaz bei den Steuern.  Mit verschiedenen Rechenbeispielen brachte er Alternativen zum jetzigen Steuerfuss von 103 Prozent mit Reduktion auf 70 Prozent ins Spiel. Insgesamt lautet sein Fazit: Wenn beim Wohnraum und bei den Steuern die Rahmenbedingungen gut seien, bestehe die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Bevölkerungszuwachs gibt. Falls die Bedingungen schlecht seien, liege die Wahrscheinlichkeit bei null.

Inspiriert vom Referat, diskutierten die Wildmannli beim anschliessenden Mittagessen – es gab Prättigauer Knödli und Veltliner – intensiv über die Zukunft von Davos, die sicher allen am Herzen liegt.

Männiglich hörte dem Referat von Peder Plaz aufmerksam zu.
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