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Ein Mix aus Klangschalen und Kirchenglocken

Das hat in der Stube des Rathauses wohl noch nie stattgefunden: Am letzten Freitag füllte sich der altehrwürdige Saal bis auf den letzten Platz. Doch nicht etwa ein Rockstar oder ein Supermodel gesellte sich nach Davos, sondern Sri Preethaji, eine indische Philosophin und Mystikerin.

Andri
Dürst
20.09.22 - 11:32 Uhr
Aus dem Leben
Das Herz von Ladina Priya Kindschi schlägt sowohl für Davos als auch für Indien.
Das Herz von Ladina Priya Kindschi schlägt sowohl für Davos als auch für Indien.
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Ein grosser Segen und eine grosse Ehre sei es, dass Sri Preethaji [ausgesprochen «Schri Preetatschi»] Davos besuche, schwärmte Ladina Priya Kindschi, Gründerin des Star Fire Mountain College, bei ihrer Begrüssung. Im Jahr 2008 habe sie erstmals von einem Tempel in Südindien gelesen, der 8000 Personen Platz biete, um zu beten oder zu meditieren. Mit­gegründet worden sei diese unter dem Namen «EKAM» laufende Anlage eben von Sri Preethaji. «Als ich diesen Ort das erste Mal besuchte, war ich überwältigt. Diesen Segen, den man dort erlebt, bringt Sri nun zu uns.»

Auch Landammann Philipp Wilhelm war zugegen und durfte die Philosophin offiziell begrüssen. «Davos war schon immer ein Ort, an dem Menschen aus der ganzen Welt zusammenkamen», meinte er mit Blick auf die lange Tradition des Fremdenverkehrs und des Kongresstourismus’. Davos sei aber auch ein Ort, an dem sich Tradition und Moderne träfen. Und nicht zuletzt sei es auch ein Ort, den man aufsucht, um sich zu erholen und seine Batterien wieder aufzuladen. In diesem Sinne wünschte er Sri Preethaji, dass sie sich hier wohlfühlen möge.

Der Gast aus Indien war dann auch sehr entzückt: «Es ist eine wunderbare Stadt, und ich bin sehr erfreut, hier zu sein». Die Mystikerin erklärte daraufhin ausführlich die Grundlagen ihrer Philosophie. Die einzige Konstante im Leben sei die Veränderung. Für Menschen bedeute dies, entweder Widerstand gegen die Veränderung aufzubauen oder «mitzuschwimmen». Um den Weg zur Lösung zu verstehen, seien zwei Sachen notwendig: «Erstens musst du das Universum als ein intelligentes verstehen, und zweitens musst du deinen inneren Zustand verstehen». Dort unterscheidet die Philosophin nur zwischen zwei Varianten: einem Zustand des Leidens und einem des Nicht-Leidens. Wie man vom einen Zustand in den anderen kommt, dies durften die Anwesenden in Form von gemeinsamen Meditationen selber probieren. Die Übungen zogen sich dabei etwas in die Länge, sodass die eigens eingespielte Klangschalenmusik beim Start des Mittagsgeläuts der Kirche St. Johann gestoppt wurde und erst nach dem letzten Glockenschlag wieder eingeschaltet wurde. Ein besonderer Mix war nicht nur bei der Geräuschkulisse zu beobachten, sondern auch bei den Teilnehmenden. Nebst Meditations-Neulingen, die sich erstmals im kollektiven Abschalten versuchten, waren auch Profis dabei, die gekonnt Daumen und Zeigfinger aufeinanderlegten und mit ausgestreckten Armen der Zeremonie beiwohnten.

1000 neue Ideen habe sie nun, berichtete Ladina Priya Kindschi nach Sri Preethajis Auftritt. Sie freue sich bereits, die Mystikerin erneut in Davos begrüssen zu dürfen, wenn sie Ende Oktober zum ersten Mal in der Schweiz ein viertägiges «Retreat Field of Awakening» durchführen wird.

Landammann Philipp Wilhelm begrüsst die Philosophin Sri Preethaji.
Landammann Philipp Wilhelm begrüsst die Philosophin Sri Preethaji.
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Kommentar
Alles nur Hokuspokus?
Sehr wahrscheinlich wird sich der eine Leser oder die eine Leserin bei der Lektüre dieses Artikels fragen: «Was soll das denn?» Keine Frage, der Besuch einer indischen Mystikerin und das gemeinsame Meditieren im Rathaus sind keine alltäglichen Angelegenheiten. Doch sollte man nicht vielmehr für einmal auf Vorverurteilungen verzichten und sich der Sache neutral annehmen? Wichtig ist doch, dass Menschen sich möglichst wohlfühlen und die Fähigkeit haben, mit schwierigen Situationen im Leben umzugehen. Wie und mit welchen «Werkzeugen» man diesen Fragen begegnet, soll jeder und jede für sich selber entscheiden. Das Gute daran: In Davos steht eine aussergewöhnlich grosse Palette an Möglichkeiten bereit: Nebst der katholischen und der reformierten Kirchgemeinde gibt es verschiedene Freikirchen; man kann Yoga betreiben; es gibt viele Aktivitäten in der Natur und eben: Es gibt Angebote, die andere Wege einschlagen. Solange es sich nicht um extremistische, gewalttätige oder sektiererische Organisationen handelt, gibt es gegen diese nichts einzuwenden. Entsprechend gilt auch hier das Motto «Leben und leben lassen».
Andri Dürst

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