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«Die Kirchen sind die Letzten, die das Licht ausschalten sollten»

Für Pfarrerin Manja Pietzcker ist eine Adventszeit ohne Beleuchtung unvorstellbar. Wieso das Licht für die Weihnachtsbotschaft essenziell ist.

Sara
Good
27.11.22 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben
Traditionelles Mitbringsel: Die Schwibbögen gehören zur Adventszeit in ihrer alten Heimat Dresden. Auf vielen Fenstersimsen steht die Dekoration und erhellt die Dämmerung.
Traditionelles Mitbringsel: Die Schwibbögen gehören zur Adventszeit in ihrer alten Heimat Dresden. Auf vielen Fenstersimsen steht die Dekoration und erhellt die Dämmerung.
Bild Sasi Subramaniam

Der Himmel ist unbedeckt. Doch die Sonnenstrahlen werfen ihr Licht am Mittag noch nicht über die Berge. An die Dunkelheit in Betschwanden muss sich Manja Pietzcker erst noch gewöhnen. Seit dem Sommer lebt sie mit ihrer Familie in Betschwanden und arbeitet als Pfarrerin der Reformierten Kirchgemeinde Grosstal. Zum Teil scheine die Sonne im Winter nur für zwei bis drei Stunden ins Pfarrhaus. «Wir haben gewusst, dass diese Herausforderung auf uns zukommt. Wenn es uns zu dunkel wird, gehen wir nach Braunwald und stellen uns oben in die Sonne», erzählt Pietzcker schmunzelnd von ihrem Plan B.

Sobald sich die Sonne im Winter rar macht, gewinnt das Licht an Bedeutung, auch im Christentum. Der Mensch sehne sich nach dem, was ihm fehle. Bei Manja Pietzcker leuchtet ab dem 1. Advent die Weihnachtsdekoration: «Bei uns ist Licht ganz, ganz wichtig. Wir werden nicht darauf verzichten, für uns ist das unvorstellbar.»

Deko reicht nicht (mehr) für alle Fenster

Auf den Fenstersimsen stehen sogenannte Schwibbögen. Eine Tradition, die Manja Pietzcker aus ihrer alten Heimat Dresden mitgebracht hat, wo sie über 30 Jahre lang wohnte. Die Schwibbögen sind halbrunde Podeste aus Holz, die mit Kerzen geschmückt sind. «Dresden ist nicht so weit vom sächsischen Erzgebirge entfernt, was die Weihnachtstraditionen stark prägt», so Pietzcker. Dort seien die Bergleute eine wichtige Berufsgruppe. Der Bogen symbolisiere den Stolleneingang der Bergwerke und stehe für ein Segenszeichen, dass alles gut und heil ist. «Wenn die Bergleute am Abend mit ihren Grubenlampen aus dem Berg gekommen sind, haben sie die Lampen an den Stolleneingang gehängt. Dann konnte man von Weitem sehen, dass die Bergleute heil zurückgekommen sind», erzählt Manja Pietzcker.

In der Adventszeit schmücken die Leute ihre Fenster mit den Schwibbögen. Auch in Pietzckers Wohnung in Dresden stand an jedem Fenster einer. In ihrem neuen Zuhause, dem Pfarrhaus in Betschwanden, reicht es nicht ganz für alle Fenster. Der Pfarrerin gefällt die Symbolik dahinter: «Heute steht das Licht dafür, dass wir dankbar sind und aufeinander achtgeben.»

Unverzichtbarer Weihnachtsschmuck

Mittlerweile ist der Adventsschmuck grösstenteils mit elektrischen Lampen und nicht mehr mit Kerzen versehen. Schon vor den Stromsparmassnahmen habe man das Leuchten auf wenige Stunden beschränkt. Manja Pietzcker hat sich überlegt, die älteren Bögen mit stromsparenden LED-Lichtern auszustatten. Das sei aber nicht so einfach. Trotzdem kommen alle zum Einsatz: «Ich brauche die Bögen, dass das Licht für uns und die Leute draussen leuchtet.»

Auf fast jedem Fenstersims im Pfarrhaus in Betschwanden steht ein Schwibbogen.
Auf fast jedem Fenstersims im Pfarrhaus in Betschwanden steht ein Schwibbogen.
Bild Sasi Subramaniam

Auch die Gotteshäuser ihrer Kirchgemeinde bleiben nicht im Dunkeln. «Die Kirchen sind die Letzten, die das Licht ausschalten sollten», meint die Pfarrerin. «Als Christen tragen wir die Botschaft des Lichts. Jesus wird oftmals mit Licht gleichgesetzt. Deshalb ist eine Weihnachtsbotschaft ohne Licht unvorstellbar.»

Beleuchtung als «Futter für die Seele»

Pietzcker führt aus, dass es dabei nicht um das banale An- und Ausstellen der Weihnachtsbeleuchtung geht, sondern um das, was man damit transportiert: «Man kann ein Symbol nicht durch Worte ersetzen. Für die Seele der Menschen braucht es das Sichtbare und es reicht nicht, dass sie gesagt bekommen: ‘Jesus ist das Licht für dich.’»

«Man kann ein Symbol nicht mit Worten ersetzen.»

Manja Pietzcker, Pfarrerin der Reformierten Kirchgemeinde Grosstal

Besonders in der dunklen Jahreszeit liege es an der Kirche, Licht und Hoffnung zu verbreiten. Die Wirkungskraft der Beleuchtung ist laut Manja Pietzcker nicht zu unterschätzen: «Das gibt Futter für die Seele.» Sie freut sich besonders auf die Lichterfeier in der Kirche Luchsingen am 24. Dezember. Ab 22.30 Uhr gibt es einen Gottesdienst, der fast ohne Strom auskommt. Die Kirche wird ausschliesslich mit Kerzen beleuchtet, nur die Liedtexte werden mit dem Beamer an die Wand projiziert. Auch in Dresden führte Pietzcker ähnliche Gottesdienste durch: «Durch das Licht kommt bei den Menschen etwas an, das ich mit Worten nie erreichen werde. Da könnte ich mir den Mund fusselig reden.»

Serie: Adventszeit und Energiemangellage

Um das kontroverse Thema aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten, haben die «Glarner Nachrichten» mit drei Menschen gesprochen und sie gefragt, welche Bedeutung das Licht in dieser Adventszeit hat. Im ersten Artikel der dreiteiligen Serie gibt Pfarrerin Manja Pietzcker einen Einblick, welche Bedeutung Licht – und in einem weiteren Sinn Beleuchtung – in ihrem Leben haben.

Teil 1: Pfarrerin Manja Pietzcker
Teil 2: Brandschutzexperte Stefan Reithebuch
Teil 3: Deko-Anbieter René Treier-Grünenfelder

Sara Good verantwortet die Glarner Inhalte auf «suedostschweiz.ch». Zudem kreiert sie multimediale Inhalte und schreibt Artikel für die «Glarner Nachrichten». Sie hat den Diplomlehrgang am MAZ absolviert und Multimedia Production in Chur studiert. Mehr Infos

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