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Ein Ausgangslokal auf Schienen

Ein Ausgangslokal auf Schienen

In der RhB-Werkstatt in Landquart steht neben den modernen Zugswagen auch einer, der über 100 Jahre auf dem Buckel hat und erst wieder fahrbar gemacht wird. Eine Gruppe junger Menschen möchte dem Wagen nämlich sein altes Leben wieder zurückgeben: das eines Barwagens. Ansonsten hält sich das Interesse an alten RhB-Wagen in Grenzen.

Simone
Zwinggi
vor 4 Monaten in
Aus dem Leben

Mit «eine Art jugendlicher Leichtsinn», beschreibt Florian Huber die Entscheidung, die er im Jahr 2015 als 17-Jähriger zusammen mit Freunden im Wallis fällte. Nämlich, den RhB-Wagen WR-S 3823 vom Oberwallis zurück nach Graubünden zu bringen und ihn für seine neue alte Nutzung wieder instand zu stellen.

Im März 1913 in Betrieb genommen, wurde der Wagen anfänglich von der Rhätischen Bahn (RhB) als Postwagen verwendet, später in einen Barwagen umfunktioniert und danach als provisorischer Schmuckladen im st. gallischen Buchs stationiert. Als vorerst letzten Einsatz diente der Wagen jeweils im Sommer auf dem Furkapass als mobile Unterkunft für einen Gastwirt. Bis Huber und seine Freunde von der definitiven Abschaffung des Wagens hörten.

Mit ein paar Hintergrundinformationen seien sie ins Oberwallis zur Dampfbahn Furka-Bergstrecke gereist, erzählt Huber. Dort, wo sich der Wagen zu jener Zeit befand, hätten sie beschlossen, den alten Wagen nach Graubünden zu holen und ihn als Ausgangslokal auf Schienen für ein vorwiegend jugendliches Publikum nutzbar zu machen. «Ein geplanter, aber naiver Entscheid», kommentiert Huber heute. Immerhin: Den Wagen überliessen ihnen die damaligen Besitzer kostenlos.

Von der Schiene auf die Strasse

Der kurzfristigen Zusage, den Wagen zu übernehmen, mussten alsbald Taten folgen. Aus Kostengründen organisierten Huber und seine Freunde einen Schwertransport, vorerst bis Sargans – der Transport auf der Schiene über den Oberalppass wäre teurer gewesen. Nach drei Jahren zügelte der Wagen dann nach Landquart. Zwischenzeitlich gründeten die jungen Männer den Verein Projekt fahrbar, um dem alten Wagen gemeinsam wieder neues Leben einzuhauchen. «Derzeit haben wir knapp 30 Personen in unserem Verein. Nach Möglichkeit arbeiten wir jeweils an den Wochenenden an der Restaurierung – jede Woche klappt es aber leider nicht», erzählt Huber.

Im historischen Grün

Huber arbeitet bei der Schweizerischen Südostbahn und wuchs im Raum St. Gallen auf, wo er auch heute lebt. Seine Leidenschaft für die Eisenbahn ist gross und über viele Jahre langsam gewachsen. «An der RhB fasziniert mich der Kontrast zwischen Technik und Natur. Das RhB-Netz ist von der Landschaft her sehr reizvoll», erklärt er. Die Liebe zur Eisenbahn möchten er und seine Vereinskolleginnen und Vereinskollegen der Öffentlichkeit weitergeben, indem ihr alter Wagen als Ort des geselligen Zusammenseins unterwegs ist. «Wir möchten vor allem junge Menschen ansprechen und den Wagen vielseitig einsetzen – sei es als Hockeywagen zwischen Chur und Davos beziehungsweise Arosa, als rollendes Ausgangslokal irgendwo auf dem RhB-Netz oder auch als Teil einer historischen Fahrt wie zum Beispiel zwischen Davos und Filisur.» Um die letztgenannte Nutzung möglich zu machen, plant der Verein einen grünen Anstrich.

Ziel des Vereins ist, den Wagen bis in zwei Jahren fahrfähig zu machen. Die Kosten für das Material sowie die von der RhB durchgeführten Renovationsarbeiten schätzt der Verein auf etwa 300'000 Franken. Es sei schon viel eigenes Geld in das Projekt geflossen, sagt Huber. Alle Kosten alleine stemmen könne der aber Verein nicht. «Deshalb suchen wir finanzielle Unterstützung mittels Spendengeldern.»

Interesse an alten RhB-Wagen ist klein

Ausgemusterte Wagen, die von Privatpersonen weiterverwendet werden: Kommt das oft vor? «In jüngster Zeit gar nicht», sagt RhB-Sprecher Simon Rageth. Neben einem als Hofladen umgenutzten Wagen in Bergün und dem Wagen des Vereins Projekt fahrbar (der aber schon seit längerem nicht mehr der RhB gehört) sei ihm kein weiteres Beispiel bekannt. «Das Interesse an ausgemusterten Wagen ist grundsätzlich nicht gross.» Auch im Zuge der Inbetriebnahme der neuen Capricornzüge – 56 vierteilige Züge –  , wenn 150 bis 160 Wagenkästen aus den 60er- und 70er-Jahren ausgemustert werden, habe die RhB noch keine solchen Anfragen erhalten.

Werden Ausmusterungen geplant, spreche sich die RhB mit dem Verein Historic RhB ab. «Gemeinsam legen wir dann fest, welche Wagen historisch wertvoll sind und erhalten bleiben sollen.» Habe eine Privatperson Interesse an einem alten RhB-Wagen, werde diese Anfrage sorgfältig geprüft. Schliesslich müsse auch ein nicht mehr genutzter Wagen sorgfältig gepflegt werden. «Würde ein Wagen mit dem RhB-Logo verrostet in der Öffentlichkeit herumstehen, würde uns das natürlich nicht erfreuen», so Rageth.

Wer jetzt an den Erwerb eines RhB-Wagens denkt: Der Kostenpunkt beträgt gemäss Rageth rund 8000 Franken plus Transportgebühren.

Impressionen zur Renovation und weitere Infos zum Verein Projekt fahrbar gibt es hier.

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