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Die Maske behindert Behinderte gleich doppelt

Menschen mit einer Behinderung leiden stärker unter den Covid-19-Schutzmassnahmen als viele andere. Dies zeigen Erfahrungen einer Bündner Betroffenen und eines Beraters.

Philipp
Wyss
Freitag, 20. November 2020, 04:30 Uhr Bündner Betroffene ziehen sich stärker zurück
Für Menschen mit einer Behinderung ist der ohnehin schon schwierige Alltag durch die Maskenpflicht zusätzlich erschwert worden.
OLIVIA AEBLI-ITEM

«Mit der Maskenpflicht im ÖV und später auch in den Läden sowie mit der Einführung des Homeoffice mache ich als Mutter eines erwachsenen, leicht behinderten Sohnes, diverse Beobachtungen, die mich aufhorchen lassen und traurig stimmen.» Das schreibt Denise Gerber aus Scuol in einem Leserbrief.

Konkret geht es darum, dass Gerbers Sohn aufgrund der Behinderung keine Maske tragen kann – und deswegen des Öfteren böse angeschaut oder gar beschimpft wird. Auch zu Handgreiflichkeiten sei es schon gekommen. Trotz eines Attests.

Jeden Tag Thema

Das ist ein Problem, bestätigt Robert Nutt. Er ist Beratungsleiter bei Pro Infirmis Graubünden. Die Zweigniederlassung in Chur ist regelmässig mit dieser «schwierigen Problematik» konfrontiert, wie Nutt auf Anfrage sagt. Letztlich sei es ein Interessenskonflikt; es gehe um den eigenen und um den Schutz der Öffentlichkeit. «Wir haben schon mehrfach gehört, dass wer im Bus keine Maske trägt, angesprochen oder als Corona-Kritiker abgestempelt wird.» Die Schutzmaskenpflicht im öffentlichen Raum ist laut Nutt für Menschen mit einer Behinderung teils ein grosses Problem.

Aber auch im Büro von Pro Infirmis in Chur stellt sich die Problematik, erzählt Nutt: «Wir haben im Team eine Frau mit einer Hörbehinderung. Sie ist darauf angewiesen, von Lippen lesen zu können. Dazu müssen jene Leute, die mit ihr sprechen, die Maske ablegen. Und diese Gegebenheit macht es für seine Mitarbeiterin und auch für das Gegenüber oftmals schwierig», so Nutt.

Insbesondere Menschen, die geistig und körperlich behindert sind, sind seit der Maskenpflicht nicht mehr in der Lage, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, ist Nutt überzeugt.

Es gelte daher, jedes Mal eine Interessensabwägung zu tätigen. Denn eine Lösung gebe es keine. «Nur eine Ausgrenzung der Betroffenen», so Nutt.

Nicht verstanden und ausgegrenzt

Corona wirkt laut Nutt der Integration und Inklusion in allen Bereichen entgegen. «Es ist ein Dilemma.» Menschen mit einer Behinderung werden durch die Massnahmen, die Covid-19 mit sich bringt, noch stärker als bis anhin ausgegrenzt. Davon betroffen sind laut Nutt auch ältere Leute, Wohnheime, Werkstätten oder Pro Senectute, das im Bildungs- und Kurswesen Angebote zurückfahren musste.

Situation hat sich verschlimmert

Zurück zur Familie Gerber nach Scuol. Der leichtbehinderte Sohn arbeitet inzwischen im Homeoffice. Seither stellt seine Mutter fest, dass er beim Sprechen viel mehr Mühe hat, weil er über den Tag viel weniger redet. «Menschen mit einer Einschränkung sind ja oft nicht verstanden und immer noch ausgegrenzt, weil sie nicht ins Schema unserer perfekten Gesellschaft passen. Mit Covid-19 hat sich diese Situation massiv verschlimmert», schreibt Gerber.

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Traurig..... Aber vielleicht wäre es ja möglich, dass Menschen mit Behinderungen welche keine Masken tragen können, anstelle der Maske eine Armbinde oder ein Ansteckknopf mit einer durchgestrichenen Maske tragen. So wären andere infirmiert und es gäbe weniger böse Blicke.
Jemand müsste die herstellen , gratis abgeben und die Bevölkerung informieren. A.F.