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Das Schweigen der Kinder

Die Kinderschutzstatistik der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie weist für den Kanton Graubünden im Jahr 2018 keinen einzigen Fall von sexuellem Missbrauch aus. Wirft man einen Blick in den Polizeibericht zeigt sich ein anderes Bild. Von der Dunkelziffer noch ganz zu schweigen.

Bernhard
Aebersold
Dienstag, 28. Mai 2019, 04:30 Uhr Kindsmisshandlungen in Graubünden
Die Kinderschutzstatistik verzeichnet keinen Fall von sexuellem Missbrauch in Graubünden. Stimmt das überhaupt?
PIXABAY / SYMBOL

Wird ein Kind aufgrund eines Missbrauchs in einem Spital behandelt, findet dieser Fall Eingang in die nationale Kinderschutzstatistik. Auf den Kanton Graubünden entfielen im vergangenen Jahr 24 Fälle. Keiner dieser gemeldeten Fälle gehörte in die Kategorie des sexuellen Missbrauchs.

Ein Blick in die Kriminalstatistik der Kantonspolizei Graubünden offenbart allerdings ein anderes Bild. Dort weist die Kapo im selben Zeitraum 19 Straftaten im Zusammenhang mit sexuellen Handlungen mit Kindern aus. Anita Senti von der Kantonspolizei Graubünden kann über die Diskrepanzen in den Statistikbüchern nur spekulieren. «Es muss sich um Fälle gehandelt haben, bei denen die Betroffenen nur bei der Polizei, nicht aber im Spital waren,» sagt Senti auf Anfrage.

Markus Wopmann ist verantwortlich für die Kinderschutzstatistik. Für ihn ist völlig klar, dass in der Kriminalstatistik mehr Fälle verzeichnet sind als im Spital. Er macht ein Beispiel: «Ein Schulabwart filmt heimlich Mädchen in der Umkleidekabine und wird erwischt. Die Schule macht direkt eine Anzeige bei der Polizei wegen mutmasslich sexuellen Handlungen mit Kindern, ohne dass ein Kind jemals ein Spital betritt.» Er ist überzeugt, dass Unterschiede von Fällen wie diesen herrühren.

Niemand traut sich etwas zu sagen

Vor lauter Statistiken darf man sich gerade in dieser Thematik nicht zu sehr in den Zahlen verlieren, sondern sich vor Augen führen, dass hinter jeder Fallzahl ein Kind steckt, das schreckliche Erlebnisse durchmachen musste. «Hinzukommt, dass die Dunkelziffer enorm hoch ist,» sagt der Bündner Philipp Gurt. Er ist Autor des Bestsellers «Schattenkind», in welchem er sich mit seiner eigenen Kinder- und Jugendzeit auseinandersetzt, die über zwölf Jahre von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Missbrauch geprägt war. «Ich habe bis heute rund 9000 E-Mails von Menschen erhalten, die sich teilweise bis ins hohe Alter nicht getraut haben an die Öffentlichkeit zu treten und über ihre Missbrauchsgeschichte zu sprechen. Das ist tragisch.»

Philipp Gurt will am Status Quo etwas ändern und setzt sich mit diversen Sport- und Kulturvereinen in Verbindung und versucht in den Vorständen ein Bewusstsein für die Thematik zu schaffen. «Es ist ein Zwei-Säulen-Prinzip: Die erste Säule befasst sich mit der Prävention. Vorstandsmitglieder sollen beispielsweise einen einwandfreien Leumund vorweisen und es soll ein bestimmter Ehrenkodex im Verein vorherrschen, dass man Probleme offen anspricht. Die zweite Säule soll ein Standardverhalten etablieren, wenn es zu einem Übergriff gekommen ist,» sagt Gurt gegenüber «suedostschweiz.ch».

Philipp Gurts Ziel ist es, eine kantonale Anlaufstelle zu schaffen, die Beratungstätigkeiten wahrnimmt und präventiv Hilfestellungen für Vereine und Betroffene anbietet. Bis eine solche Anlaufstelle existiert, bietet Gurt persönlich kostenlose Beratungen an, mit dem Ziel, das Schweigen der Opfer zu brechen.

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Wer Schattenkind gelesen hat weiss, dass es wohl keinen stärkeren Kämpfer gegen Kindsmissbrauch geben kann als Phillipp Gurt. Jahrelang wurde er im Stich gelassen mit seinem eigenen Schicksal. Jetzt liegt es am Kt GR, an den involvierten Institutionen, ja an allen und jedem einzelnen von uns, ihn dabei tatkräftig und entschlossen zu unterstützen!