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† Rosa?Schmidig-Ulrich

Ried-Muotathal Unsere Mutter wurde am 21. Juli 1926 als sechstes von zehn Kindern des Sigismund und der Marie Ulrich-Gwerder im Töbeli geboren. Wenig später trat sie schon zum ersten Mal die Reise über den Pragel auf die Alp Schwelaui an.

Südostschweiz
07.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Diesen Weg legte sie in ihrem Leben noch unzählige Male zurück. Im Frühling meist noch über den Schnee, und im Herbst blieb man bis Allerheiligen. Die Ziegen mussten bis zur Alpauffahrt im Wald gehütet werden. Das war die Hauptaufgabe der Kinder. Vielleicht hatte unsere Mutter deswegen diese eigensinnigen Tiere so gerne. Wir nannten sie später «Mutters heilige Kühe».

Nach nicht einmal 10 Jahren veränderte der Tod ihrer Mutter jäh das Familienleben. Die folgenden Jahre waren für den Vater und die zehn Kinder sicher nicht einfach. Das älteste Kind war zu dieser Zeit 16 und das jüngste noch nicht einmal einjährig. Aber die Familie konnte dank gemeinsamen Kräften zusammenbleiben. Oft erzählte Mutter vom Beerenpflücken in der Schwelaui, wie sie mit z´Lunzä Kindern gemeinsam den ganzen Tag unterwegs waren. Sie erzählte immer, ihr Fleiss habe sich in Grenzen gehalten. Meistens sei sie die Rebellische gewesen. Wenn die Älteren befahlen, in einer Reihe zum Beerensammeln zu marschieren, widersetzte sie sich vehement. Aus dieser Auseinandersetzung resultierte ein Bruch des grossen Zehs, der ziemlich krumm zusammenwuchs.

Ihre Schulzeit absolvierte sie im Frauenkloster Muotathal. Da sie Mühe mit dem Lernen hatte, ging sie nicht besonders gerne zur Schule. Geprägt von dieser Einstellung, gab es bei uns nie eine Schelte wegen schlechter Noten. Nach der Schulzeit arbeitete sie auf verschiedenen Stellen in Muotathal, Schwyz, Küssnacht und Rothenthurm als Magd. Wenn es ihr auf einer Stelle nicht gefiel, fackelte sie nicht lange und kündigte auf den nächstmöglichen Termin. Dazu erzählte sie oft, dass sie für eine Stelle erst zugesagt habe, wenn beim Zabig ein Milchsieb auf den Tisch gelegt wurde.

In dieser Zeit besuchte sie gerne einen der damals raren Tanzanlässe. Ebenso gerne war sie an der Fasnacht als Maschgrad unterwegs.

Mit 25 Jahren lernte sie Alois Schmidig vom Fluhhof kennen und lieben. Am 8. Mai 1953 heirateten sie und zogen in eine kleine Wohnung in die Jessenen. Im Januar 1954 kam das erste Kind Meinrad zur Welt. Daraufhin zügelte die kleine Familie in die Giezenen. Im November 1957 kam Alois und 11 Monate später Leonette zur Welt. 1962 folgte Paul und 1965 Irene. Damit war die Familie komplett.

Die ersten Jahre gingen sie auf dem Stoos in der Nidersten Hütte z´Alp und waren Hagmeister für die Näpenalp. Nachdem diese Hütte auf ominöse Weise abgebrannt war, wechselten sie in die Metzghütte. Unser Dädi fand noch zusätzlich Arbeit beim Bau der Klingenstockskilifte. Voller Stolz erzählte unsere Mutter oft, dass sie in dieser Zeit 101 Stück Rinder alleine im Stall angebunden und ausgelassen habe. Man darf sicher sagen: Muäti stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden und war ihrem Mann eine grosse Stütze. 1960 übernahm Dädi einen grossen Holzakkord im Pizol. Während dieser Zeit verbrachte Muäti die Sommer mit den Kindern in der Schwelaui.

1961 entschloss sich Dädi, am Fluhweg ein Haus zu bauen. Im Jahr darauf zog die Familie ins Waldheim ein. Im Januar 1964 entschieden sich unsere Eltern, wieder z’Alp zu gehen. Die Genossame Schwyz suchte verzweifelt einen Älpler für die Alp Gummen. Nachdem sie die Alp besichtigt hatten, sagten sie zu, und kurze Zeit später wurde bereits aufgefahren. Dem Gummen blieben sie 20 Jahre lang als pflichtbewusste Älpler treu, bis 1984 der plötzliche Unfalltod von Dädi alles beendete. Dädis Tod hat unser Muäti hart getroffen. Sie jammerte aber nicht wegen sich, sondern es tat ihr leid für Dädi, weil er immer so hart gearbeitet habe und er doch noch einige schöne Jahre verdient hätte. Weitere schmerzliche Verluste waren der Unfalltod ihres Bruders Josef 1964 und das Ableben ihres Vaters 1981. Auch ihre vier Schwestern Agnes, Marie, Anna und Käthy gingen ihr im Tod voraus.

Von 1984 an lebte Muäti im neu umgebauten Haus im Waldheim mit Tochter Irene in derselben Wohnung. Die verheirateten Kinder schenkten ihr im Laufe der Zeit zwölf Grosskinder. Auch sechs Urgrosskinder durfte sie noch erleben. Gegenüber den Grosskindern zeigte sie sich immer grosszügig; so erhielten sie bei einem Besuch meistens eine Schokolade und zu Neujahr einen Batzen. Nach der Pensionierung ihres Schwagers Walter Schenk konnte sie sich ihnen viele Male anschliessen und eine Ausfahrt ins Blaue machen. Jeden dieser Ausflüge genoss sie in vollen Zügen. Gasthäuser wurden zu ihrer Freude meist grossräumig umfahren.

Muäti hatte früh mit Hüftproblemen zu kämpfen. Bereits mit 56 Jahren erfolgte die erste Operation, der noch weitere folgen sollten. Nach einem Herzinfarkt im Jahre 2008 wollte man sie lieber nicht mehr alleine lassen; deshalb gab Irene ihre Arbeitsstelle auf und widmete sich vollumfänglich Muätis Betreuung. Nach einem weiteren Spitalaufenthalt war der Gang ins Altersheim aber unumgänglich. Zuerst weilte sie während einiger Monate im Altersheim Au in Steinen und konnte dann im Februar 2012 ins Altersheim Buobenmatt, Muotathal, wechseln. Nach einer Eingewöhnunsphase fand sie sich recht gut zurecht. Am meisten Freude konnte man ihr mit einer Ausfahrt machen. Im Sommer hiess das Ziel, wie könnte es bei Sigmunds anders sein, meistens Schwelaui. Auch hier war es wieder Irene, die den grössten Teil an Besuchen und Ausfahrten leistete. Muetis grösster Zeitvertreib war das Stricken. Wie viele Paar Socken insgesamt entstanden sind, kann man nur erahnen. Die letzten eineinhalb Jahre war sie aufgrund von Hüftproblemen auf den Rollstuhl angewiesen. Im Altersheim sorgte sie beim Personal für manches Lachen mit ihren kurzen und träfen Sprüchen. In der letzten Woche verschlechterte sich unerwartet ihr Zustand, und nach einem kurzen Leidensweg hauchte sie am 27. November ihr Leben aus. Mutter, wir vermissen dich sehr.

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