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Zahlen mit dem Handy: Es droht «ein totales Chaos»

Immer mehr Banken, Mobilfunkanbieter und Grossverteiler ermöglichen, den Einkauf per Handy zu bezahlen. Das tönt attraktiv. Doch die Viel- zahl der Angebote verwirrt. Der Konsumentenschutz prognostiziert «ein totales Chaos».

Südostschweiz
27.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Pieter Poldervaart

Bern. – Münz im Portemonnaie ist lästig, und auch die vielen Zahl- und Bonuskarten nerven. Die Alternativen nennen sich Twint, Powerpay oder Mobino: Apps, mit denen Einkäufe per Mobiltelefon bezahlt werden können. Eine Pionierin ist Swisscom, die letzten Sommer die Geld-App Tapit lancierte. «Mobiles Bezahlen ist für uns zwar ein Nischengeschäft, aber wir wollen bei solchen Produkten dabei sein und stellen Tapit auch den Mitbewerbern zur Verfügung», sagt Swisscom-Sprecher Carsten Roetz. Doch das Projekt kommt langsamer als erwartet vom Fleck. Die im Juli noch für dieses Jahr angekündigte Verwendung auch für Kunden von Sunrise und Orange werde erst 2015 erfolgen, so Roetz. Enttäuschend ist zudem die Zahl von bisher bloss 10 000 heruntergeladenen Apps. Wie häufig das «erste Schweizer Portemonnaie der Zukunft» (Swisscom über Tapit) tatsächlich eingesetzt wird, verrät Roetz nicht.

Infrastruktur ist vorhanden

Dabei wären die Voraussetzungen für eine breite Verwendung in der Schweiz ideal. Denn Tapit setzt auf die sogenannte Near Field Communication (NFC), mit der heute immer mehr Bezahlkarten ausgerüstet sind. Im Detailhandel stehen über 50 000 kompatible Kartenterminals unter anderem der Grossverteiler Migros und Coop. Bei Tapit wird die Sicherheit der mobilen Kreditkarte – aktuell machen Cornèrcard und Viseca mit – berührungsfrei durch die SIM-Karte des Handys kontrolliert. Innert zweier Sekunden, wirbt Tapit, sei der Einkauf bezahlt; erst ab Beträgen über 40 Franken muss der Kunde die Bezahlung per PIN-Code bestätigen. Mittelfristig sollen auch Treue- und Zugangskarten in die App integrierbar sein. Eine Hürde sind die Endgeräte. Theoretisch unterstützt iPhone 6 zwar Tapit. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Smartphone-Anbietern blockiert Apple die Schnittstelle. Der IT-Riese reserviert sie für das eigene Bezahlsystem Apple Pay, das allerdings erst in den USA lanciert ist.

Manor testet firmenintern

Bereits seit September 2013 wirbt Manor für das mobile Bezahlen, wobei nur Inhaber einer Manor-Karte die App des Warenhauses verwenden können. «Mit drei Prozent dieser Inhaber nutzen noch recht wenige die App, beim Umsatz sind es rund ein Prozent der mit der Manor-Karte bezogenen Einkäufe», räumt Sprecherin Elle Steinbrecher ein. Doch das Tool sei ein gutes Testfeld, um die Möglichkeiten der noch jungen Technologie und die entsprechenden Kundenbedürfnisse kennenzulernen. Eine firmeneigene Bezahlfunktion habe zudem den Vorteil, dass diese App mit weiteren Features der Manor-Karte verknüpft werden könne. Manor funktioniere aber nicht als Insel, betont Steinbrecher: «Die Entwicklung bei Manor hängt stark davon ab, wie sehr sich mobiles Bezahlen in der Schweiz grundsätzlich durchsetzt.»

Twint analysiert die Kunden

Mitte November nun hat auch Postfinance bekannt gegeben, im Markt um mobiles Bezahlen mitmischen zu wollen. Unter der Marke Twint soll eine App Zahlungen per Handy ermöglichen und gleichzeitig Kundenkarten verwalten können. Neu an Twint ist, dass keine Verknüpfung mit einem Bankkonto nötig ist – der Kunde lädt autonom Geld auf diese digitale Karte. Bereits bekennen sich auch die SBB zum Bezahltool der Post. Johannes Möri, Sprecher von Postfinance, ist jedenfalls optimistisch: «Ein Jahr nach der schweizweiten Lancierung rechnen wir mit einer sechsstelligen Anzahl Twint-Transaktionen pro Monat.» Weil Twint die Daten via Bluetooth überträgt, ist sie mit den bestehenden NFC-Terminals für Debit-Karten nicht kompatibel und auf kleine Sender, sogenannte Bacons, angewiesen, was beim Detailhandel Neuinvestitionen erfordert. Transaktionsgebühren tragen bei Twint nur bescheiden zum Ertrag bei. Dieser soll vielmehr durch kundenspezifisch und standortgerecht ausgestellte Werbung und Sonderangebote generiert werden, wie Twint-CEO Thierry Kneissler der Zeitung «Bund» erklärte. Man werde den User aber vorgängig fragen, ob man seine Daten entsprechend auswerten dürfe.

Banken forcieren QR-Zahlung

Wieder einen anderen Weg beschreitet seit März die Zürcher Kantonalbank (ZKB): Per QR-Code lassen sich Beträge in Echtzeit von einem Handy aufs andere gutschreiben. Voraussetzung ist allerdings, dass beide Personen über ein Konto bei einer beteiligten Bank verfügen – neu bietet neben der ZKB auch Credit Suisse diese Funktion an. Nun soll das System breit eingeführt werden: Im Mai 2015 will SIX Payment Services schweizweit eine bankübergreifende mobile Sofort-Geldüberweisung zwischen Privatpersonen möglich machen, abgekürzt Person-to-Person (P2P). 2016 dann ist die Einführung von Swiss P2P als Zahlungsmittel im Handel geplant.

Grundsätzlich habe es zwar Vorteile, wenn das Smartphone, das man ja immer mit sich trage, auch als Portemonnaie genutzt werden könne, sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). Doch was sich aktuell in der Schweiz abspiele, sei «ein totales Chaos». Fast monatlich würden neue Applikationen für mobiles Zahlen lanciert, es scheine ein Wettrennen aller gegen alle zu laufen. «Kunden, die an dieser Zahltechnologie interessiert sind, müssen sich dauernd mit neuen Angeboten vertraut machen – das ist absurd», sagt Stalder (siehe Kasten).

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