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Wie «Sigisbert en Rezia» den Abenteurer Robinson zu Fall brachte

Petitionen und Protestschreiben an das Ekud, Artikelserien und Massendemonstrationen: So ging Rebellion gegen «unerwünschte» Lehrmittel um 1900. Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt, wie sich alles wiederholt.

Südostschweiz
12.03.14 - 01:00 Uhr

Sabrina Bundi

«Die Oberländer haben es in der Lehrmittelfrage glücklich zum offenen Krieg mit dem Erziehungsdepartement respektive mit der Regierung gebracht. Sie haben das Mathematiklehrmittel in Rumantsch Grischun verboten und ein eigenes gemacht». Diese gewagte Behauptung könnte aus einer Zeitung der letzten drei Jahre stammen. Die Meldung stand aber bereits im Jahr 1900 in der «Davoser Zeitung», anstatt «Lehrmittel in Rumantsch Grischun» war vom «Lesebuch der zweiten Klasse» die Rede. Wie das? Zwischen 1890 und 1900 kam es zu einem Lehrmittelstreit, der dem heutigen gar nicht unähnlich war.

Wehrten sich in den letzten Jahren die Vertreter der Pro Idioms gegen Lehrmittel in Rumantsch Grischun waren es damals katholische Schulräte aus dem Oberland, die sich gegen das Lesebuch «Robinson» auflehnten und sich für «Sigisbert» einsetzten. Die Mittel, mit denen vor 100 Jahren gegen die Behörden aufgelehnt wurde, sind die gleichen wie heute. Auch das Resultat ist ähnlich: Die Regierung musste Kompromisse eingehen.

Trotz des Regierungsverbots

Der Streit um das Lesebuch begann mit der Einführung des neuen Lehrplans und der Pädagogik nach dem Deutschen Pädagogen Herbart-Ziller. Unvorstellbar erschien es dem Politiker Caspar Decurtins, anstatt des «verehrungswürdigen» heiligen Sigisbert, des Gründervaters des Klosters Disentis, der «den Hohenrätiern das Evangelium und die Kultur gebracht hat», den «fremden Abenteurer Robinson» zu lesen. Die Regierung, welche mit dem neuen Lehrplan auch die Lehrmittel vorschrieb, lehnte ein entsprechendes Gesuch ab, wonach «Robinson» umgehend mit «Sigisbert» zu ersetzen sei. Die Sprache im «Sigisbert» entspreche nicht derjenigen der anderen Schulbücher, die Rechtschreibung stimme nicht und es gäbe inhaltliche Ungereimtheiten. Die Sigisbert-Front liess sich vom Verbot nicht beeindrucken und gab kurzerhand selber ein Schulbuch in Auftrag. Ausserdem hagelte es Protestschreiben an das Erziehungsdepartement. Auf eine Initiative verzichteten die Oberländer, um nicht das Risiko einzugehen, von der konfessionellen, sprachlichen und politischen Mehrheit im Kanton überstimmt zu werden.

Placi Condrau, katholisch-konservativer Politiker und Publizist lancierte in der «Gasetta Romontscha» eine Artikelserie zum Thema und räumte ihm sogar eine solche Brisanz bei, dass er den Tod des italienischen Königs Umberto I auf Seite zwei verbannte. Condrau warf dem Grossen Rat vor, eine derart wichtige Gesetzesbestimmung wie der Lehrplan hätte vors Volk gehört. Dasselbe machte Caspar Decurtins im «Bündner Tagblatt».

Die Reaktionen von liberalen Zeitungen liessen nicht lange auf sich warten. «Das kann ja nett werden», schrieb beispielsweise der «Freie Rhätier» und ergänzte, dass der Grosse Rat und das Volk sich hinter die Erziehungsbehörde stellen werden, und dass die Romanen vergeblich versuchen würden, mit ihrem privaten Lehrmittel ein staatliches zu vertreiben.

Höhepunkt Massenprotest

Der Streit gipfelte in eine derart grosse Landsgemeindeversammlung in Ilanz, wie sie «sogar die Ältesten noch nicht gesehen hatten». Bis zu 2700 Mann kamen mit ihren Fuhrwerken aus allen Teilen der Surselva angereist. Diese Massenmobilisierung beeindruckte nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Regierung und die Liberalen. Die Versammlung beschloss in einer Resolution: »Die heutige Volksversammlung in Ilanz drückt den 28 Oberländer Schulräten ihren Dank und ihre Sympathie aus für die Verteidigung der Gemeindeautonomie im Schulwesen und für die Bewahrung der christlichen Schule. Sie bringt ihre positive Hoffnung zum Ausdruck, dass die Schulräte diesen Kampf weiterführen werden.» Einstimmig und mit Applaus wurde sie angenommen. Ausserdem kam eine Erhöhung der Lehrerlöhne zur Sprache und gelangte als Resolution zur Regierung.

Teilsieg für Sigisbert

Das Besoldungsgesetz wurde angenommen, der Streit um das Lesebuch war damit aber noch nicht beigelegt. Am 24. Oktober befasste sich die Regierung erneut mit der Lesebuchfrage und beschloss, Sigisbert zu erlauben unter der Bedingung, dass er überarbeitet werde. Ausserdem wurde das Verhalten der Schulräte während des Lehrmittelstreits damit bestraft, dass sie einen Verweis wegen Verletzung ihrer Amtspflicht erhielten. Dasselbe galt für die Schulinspektoren, die es untersagt hatten, die Regierung davon in Kenntnis zu setzen, dass Sigisbert trotz Verbot in der Schule gelesen wurde.

Die Katholiken in der Surselva waren zufrieden: «Es ist der alte liebe Freund in neuem Gewand», schrieb Caspar Decurtins, nachdem er die von der Regierung überarbeitete Fassung des Lesebuchs angeschaut hatte. Und Sigisbert blieb ein volles Jahrhundert lang Pflichtlektüre.

Detailliert nachzulesen ist der ganze Lehrmittelstreit in der Dissertation des Historikers Ivo Berther «Il mund sutsura – die Welt steht Kopf» aus dem Jahr 2011.

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