Wie Einwanderer die Bündner Randregionen beleben
Wissenschaftlich nennt man sie New Highlander Enterpreneure: Zuzüger, die im Berggebiet Firmen gründen. Eine Masterarbeit zeigt jetzt, dass es sie auch in Graubünden gibt. Und geht davon aus, dass sich der Trend verstärken könnte.
Wissenschaftlich nennt man sie New Highlander Enterpreneure: Zuzüger, die im Berggebiet Firmen gründen. Eine Masterarbeit zeigt jetzt, dass es sie auch in Graubünden gibt. Und geht davon aus, dass sich der Trend verstärken könnte.
Von Olivier Berger
Chur/Bern. – Dass Graubündens ländlicher Raum Abwanderungsgebiet ist, ist eine Binsenwahrheit. Das bestätigen nicht nur die jährlichen Statistiken. Die im September präsentierte Bevölkerungsperspektive für das Jahr 2040 geht sogar davon aus, dass sich der Trend weiter verstärken wird.
Allerdings ist die Migration im ländlichen Graubünden keine Einbahnstrasse: Zwischen den Jahren 2000 und 2012 sind mehr als 35 000 Personen in den ländlichen periphieren Raum Graubündens eingewandert. Die Zuwanderung in die Bündner Randgebiete ist seit 1981 mit Schwankungen zunehmend. Das schreibt Rahel Meili in ihrer Masterarbeit an der Universität Bern (Ausgabe vom 26. Oktober). Meili studiert Geografie mit Vertiefung in Wirtschaftsgeografie und wird ihr Masterstudium voraussichtlich im kommenden Sommer abschliessen. Neben dem Studium arbeitete sie während zwei Jahren im Ressort Regional- und Raumordnungspolitik des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco.
Firmeninhaber kommen von ausserhalb
Meili widmet sich in ihrer umfangreichen Arbeit einen bisher gänzlich unerforschten Teil der Schweizer Gesellschaft: den Firmengründungen durch Zuzüger in Randregionen. Untersucht hat sie die Thematik am Beispiel des Kantons Graubünden. 20 Unternehmen von Zuzügern hat sie zu diesem Zweck kontaktiert; 15 davon waren bereit, Auskunft zu geben. Die Palette der Branchen reicht vom Veloshop mit Tourenangebot über den Biohof bis zur Weberei.
Die Beispiele zeigen, dass es in fast allen ländlichen Regionen Graubündens Firmen gibt, die von Auswärtigen gegründet wurden. Die Firmeninhaber stammen teilweise aus dem Mittelland; daneben sind auch deutsche Zuwanderer gut vertreten. Das erstaunt nicht. Auch national werden derzeit rund 40 Prozent aller Unternehmen von Ausländerinnen und Ausländern gegründet; allein die Deutschen haben im Jahr 2013 landesweit über 5700 neue Stellen geschaffen. Was die Firmengründungen durch Zuzüger angeht, steht Graubünden im europäischen Vergleich nicht allein da. Eine ältere Studie hat ergeben, dass in zehn untersuchten Randregionen rund ein Drittel aller Geschäftsinhaberinnen und Geschäftsinhaber zugewandert waren. Rein theoretisch müssten laut Meili unter den rund 35 000 neu in die Bündner Randregionen gezogenen Personen auch einige hundert Neuunternehmerinnen und Neuunternehmer gewesen sein. Genaue Zahlen über die Firmengründungen Auswärtiger in Randregionen werden allerdings nicht erhoben.
Meili unterscheidet in ihrer Arbeit vier Grundtypen von New Highlander Entrepreneuren: die jungen Unabhängigen, die Familien, die Neustarter und die Eingesessenen. Letztere waren schon früher in die Randregion zugewandert, und haben sich im Laufe der Zeit selbstständig gemacht. Die höhere Lebensqualität war allerdings nur für die Gruppe der Neustarter der Hauptgrund dafür, sich in Graubünden niederzulassen; bei den drei anderen Gruppen spielte die Aussicht auf berufliche Selbstständigkeit eine wichtigere Rolle.
Aus Meilis Befragungen ergeben sich auch wirtschaftliche Chancen für das Berggebiet. Zwar gaben die meisten Interviewten an, mit ihrem Leben in der Stadt zufrieden gewesen zu sein. Mit zunehmendem Druck auf die Mietpreise und den Arbeitsmarkt in den Zentren dürften aber vor allem mittlere und kleinere Zentren für Neuunternehmer immer attraktiver werden. Das hat auch der Kanton Graubünden erkannt, der die regionalen Zentren laut dem Anfang Monat verabschiedeten Wirtschaftsbericht stärken will.
Die kleinen Zentren werden wichtiger
Dazu kommt, dass laut Meilis Arbeit viele der befragten Firmengründer im urbanen Raum nicht hätten selbstständig werden können, weil die finanziellen Mittel gefehlt hätten oder der Markt schon gesättigt gewesen wäre. Die Mehrheit der Firmengründungen betrafen übrigens wichtige Bündner Branchen vor Ort wie den Tourismus und die Landwirtschaft. In allen untersuchten Fällen wurden Arbeitsplätze geschaffen.
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