Wie ein Fenster auf das Grundwasser
Im Laufe der Jahreszeiten verändert sich die Natur. Erklärungen dafür gab es schon immer: Heute vonseiten der Wissenschaft, früher mittels Märchenerzählungen. So soll beispielsweise ein Riese am wechselnden Pegelstand der Flimser Seen schuld sein.
Im Laufe der Jahreszeiten verändert sich die Natur. Erklärungen dafür gab es schon immer: Heute vonseiten der Wissenschaft, früher mittels Märchenerzählungen. So soll beispielsweise ein Riese am wechselnden Pegelstand der Flimser Seen schuld sein.
Von Sabine-Claudia Nold
Fünf Seen befinden sich im Gebiet des Flimser Bergsturzes: Crestasee, Caumasee, Lag Prau Pulté, Lag Prau Tuleritg und Lag Tiert. Dass die Seen miteinander verbunden sein müssen, wurde schon lange vermutet, doch Konkretes ist erst bekannt, seit Geologen das Gebiet untersucht haben.
Nach Sina Semadeni-Bezzolas Buch «Flimser Märchen. Album für Wanderer und Märchenfreunde» geht der wechselnde Pegelstand der Gewässer auf das Wüten des bösen Steinteufels Grisch zurück, der auch Versursacher des blubbernden Wasseraustritts beim Lag Prau Pulté ist. Denn einst, so will es das Märchen, habe Grisch im Streit mit seinem Bruder den grossen Felssturz von Flims ausgelöst. Dabei brachte er seine Gattin – eine Riesin und Ursache des Zankes – in eine missliche Lage.
Gefangen unter der Erde
Während sich die Brüder stritten, sass Grischs Frau in einem kleinen See unterhalb des Graubergs und nahm ein Bad. Als der Berg donnernd und gewaltige Steinmassen mit sich führend zu Tal stürzte, wurde im See ein Trichterloch aufgerissen, durch das alles Wasser, Schlamm, Kies und auch die Riesin unter die Erde gesogen wurden.
Durch den Schlamm und Steine, die in den Sog geraten waren, wurde das Abflussloch verstopft. Die Frau blieb in einer unterirdischen Höhle gefangen – wo sie bis zum heutigen Tag ausharrt.
Bis zur Brust sitzt sie im Wasser und kann weder vorwärts noch zurück. Der Ort, an dem dies geschah, ist der heutige Lag Prau Pulté. Im Frühling, wenn mit der Schneeschmelze viel Wasser ins Tal fliesst, steigt der Wasserpegel in der unterirdischen Höhle. Um nicht zu ertrinken, bohrt die Riesin mit dem Finger von unten eine Öffnung in das verstopfte Abflussloch und speit Mund für Mund voll Wasser an die Oberfläche.
Wer im Frühjahr am Lag Prau Pulté steht und die dumpf blubbernden Blasen emporsteigen sieht, weiss, dass die Riesin um ihr Überleben kämpf. Soweit das Märchen.
Höhlensysteme regeln Wasser
Ruedi Zuber, Forstingenieur, Wanderleiter, Geo-Guide und Verfasser des digitalen Naturführers Surselva, stützt seine Aussagen auf Berichte des Instituts für Speläologie und Karstforschung, wenn er die komplizierten Zusammenhänge des Seen-Systems im Gebiet des Flimser Bergsturzes erklärt: Drei Höhlensysteme, die teilweise miteinander verbunden seien, befänden sich hier. «Gesteine mit grossem Kalkgehalt, wie etwa der häufige Malmkalk, werden durch die Kohlensäure im Niederschlagswasser allmählich aufgelöst. Es entstehen oberflächlich Karren und im Untergrund weitverzweigte Höhlensysteme», so Zuber.
In diesen Höhlen staue sich das Wasser über undurchlässigen Gesteinsschichten zu Karstseen. «An schwachen Stellen mit entsprechendem Gefälle kann das Karstwasser an die Oberfläche gelangen, beispielsweise, wenn ein unterirdischer See bis zu diesem Niveau gefüllt ist», erklärt Zuber. So entstehe ein Quellaufstoss, eine Karstquelle. «Bekannte Beispiele derartiger Quellaufstösse sind der Lag Tiert bei Laax und der Lag Prau Pulté bei Flims Waldhaus.»
Spezialfall Caumasee
«Der Caumasee, der weder einen oberirdischen Zu- noch Abfluss besitzt, ist ein Spezialfall», weiss Zuber. Er wird grossenteils durch Grundwasser gespeist, das durch die lockere Bergsturzmasse fliesst. Dieses stammt aus einem Karstsystem und stösst im Lag Prau Pulté als Quelle auf.» Schneeschmelze und Niederschlag trügen ebenfalls zur Füllung des Sees bei.
«Der Caumasee ist gewissermassen ein Fenster auf das Grundwasser», erklärt Zuber. Seine Farbe entstünde durch die Reflexion des Lichts. «Das Wasser ist sehr klar, weil es beim Durchfliessen des Grundwasserträgers seine milchige Farbe verliert.»
Auch Semadeni-Bezzolas Märchenbuch weiss eine Erklärung für das spezielle Funkeln des Caumasees.
Tränen und Edelsteine
Als die ersten Menschen nach Flims gezogen waren, machte sich Grisch einen Spass daraus, mithilfe eines Taugenichts Missgunst und Hass unter den Flimserinnen und Flimsern zu schüren. Der Taugenichts machte seine Arbeit gut und erhielt als Lohn für sein Wirken von Grisch viele funkelnde Edelsteine, von denen er nicht genug bekommen konnte.
Im Laufe der Jahrhunderte hatte Grisch aber eine Gegenspielerin erhalten: die gute Waldfee. Mit ihrem Zauberstab versuchte sie, die Wunden zu heilen, die Grisch bei Mensch, Tier und in der Natur schlug. Eines Tages verrieten die Mauersegler der Fee, wo die zwei bösen Gesellen ihre nächste Schandtat planten. Die Fee schritt sogleich ein und verjagte die beiden mit Schimpfen und Schlägen. Als die Fee wenig später Grischs Edelsteine in einem Versteck im Wald fand, warf sie die funkelnde Pracht zornig zwischen die Bäume. Auf ihren Befehl hin versammelten sich daraufhin alle Tränen, die durch Grischs Untaten vergossen worden waren, in der Talmulde zu einem See. In seinen Wellen lösten sich die Edelsteine zwar auf, aber ihr Funkeln blieb im Wasser des Sees erhalten: das Blau der Saphire, das Grün der Smaragde und das Licht der Diamanten.
Die blutroten Rubine aber wurden zu Steinbeeren, die noch heute rund um den Caumasee wachsen.
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