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Wesseling und die Ambivalenz der bösen Königin

Die Bündner Mezzosopranistin von Weltformat, Maria Riccarda Wesseling, singt ab heute in Achim Freyers und Heinz Holligers «Schneewittchen» im Theater Basel.

Südostschweiz
Donnerstag, 20. Februar 2014, 01:00 Uhr

Julian Reich

Normalerweise sitzt Maria Riccarda Wesseling zu dieser Jahreszeit auf einem Sessellift und lässt sich in die Höhe ziehen. Denn Februar ist Skiferienzeit für die Familie Wesseling. Wobei: So anders ist es gar nicht, was sie gerade auf der Bühne des Theaters Basels tut: An langen Seilen hängt der Stuhl, auf dem sie sitzt, und bewegt sich auf und ab. Aber statt Skitenue trägt die Sängerin ein blutrotes Kleid, auf dem Kopf sitzt ein spitzer Hut, die Arme stecken in grotesk lang gezogenen Handschuhen. Maria Riccarda Wesseling ist die böse Königin in «Schneewittchen», jener Oper von Heinz Holliger, die Achim Freyer derzeit in Basel inszeniert. Premiere ist heute Donnerstag.

«Das ist weit, weit weg»

Bei unserem Treffen sind es noch rund zehn Tage bis zur Premiere. In einer Probenpause sitzt Wesseling in der Kantine des Theaters beim Mittagessen und erzählt mit Lust von ihrer Arbeit, von Basel und der Inszenierung. Die 1969 geborene Mezzosopranistin strahlt viel gesundes Selbstbewusstsein aus, sie weiss, was sie will. Nicht von ungefähr ist sie eine der ganz wenigen Frauen, denen es gelingt, eine internationale Karriere mit der Mutterschaft zu vereinen. Was bei Männern selbstverständlich ist, ist es bei Frauen noch lange nicht.

In ihrem zehnten Lebensjahr zog die Familie nach Chur, wo Wesseling – damals noch Maria Riccarda Schmid – die Kantonsschule besuchte. Eine energische, manchmal aufsässige Schülerin war sie. «Aber das weiss man doch in Graubünden schon alles», lässt sie den Journalisten wissen. Auch, dass sie in Basel für das Konservatorium vorsang und nach Hause geschickt wurde. Sie solle doch künftig in einem Chörlein singen, liess man sie wissen. Wesseling lacht ihr volles Lachen, sie sagt: «Das ist weit, weit weg», und wechselt lieber zu ihrem aktuellen Projekt. «Schneewittchen» also: Holliger, einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten der Schweiz, hat das Stück 1998 für das Opernhaus Zürich komponiert. Als Textvorlage diente ihm Robert Walsers «Schneewittchen»-Bearbeitung, die erst nach der eigentlichen Märchenhandlung einsetzt. Walser seziert den psychologischen Subtext: Die Figuren – Schneewittchen, der Prinz, der Jäger und die Königin – kreisen dialogisch um die Themen Eifersucht, Schuld, Sehnsucht, Liebe und Hass.

Mit Achim Freyer hat das Basler Dreispartenhaus eine Regielegende verpflichtet, die sowohl Opernklassiker wie zeitgenössische Bühnenwerke inszeniert hat. Für Wesseling, sie betont es im Gespräch, ist die Zusammenarbeit mit Freyer eine grosse Inspiration, und die Möglichkeit, eine Oper unter der Leitung des Komponisten Holliger einzustudieren, eine besondere Erfahrung.

Erfolg mit zeitgenössischer Oper

Wesseling ist ebenso im klassischen Opernrepertoire wie im modernen Musiktheater zuhause. Für ihre Titelpartie in Hans Werner Henzes «Phaedra» wurde sie 2007 international gefeiert. 2008 war sie in der von Pina Bausch choreografierten Gluck-Oper «Orpheus and Eurydice» live im Fernsehen und später auf den ganz grossen Bühnen der Welt zu sehen. Beiden Inszenierungen verdankt sie Erfahrungen, die ihr nun in Basel zugutekommen.

Denn Freyers Regiekonzept ist überaus eigenwillig und anspruchsvoll. Ebenso wie Holligers Musik keine direkte Illustration des Textes ist, so ist die Inszenierung kein Abbild der Vorlage. Vielmehr laufen die Ebenen Musik-Sprache-Bild scheinbar unabhängig voneinander, überdies in einem je eigenen Tempo. «Aktionen laufen losgelöst vom musikalischen und sprachlichen Kontext, das macht es für uns auf der Bühne unheimlich schwer, uns zu orientieren», sagt die Mezzosopranistin. Auch wenn sie selber zugibt, dass sie den Zugang zu dieser Musik nur allmählich fand, ist für Wesseling klar: Das Publikum wird einen sinnlichen Theaterabend erleben. «Als das Orchester dazukam, ging eine Welt für mich auf.» In Holligers Partitur sei ein unheimlicher Reichtum an Farbtönen verborgen. Dieser Reichtum widerspiegelt sich in Freyers Inszenierung. Er lässt die Sängerinnen und Sänger in üppigen Kostümen auftreten, mit ihnen bevölkert eine Unzahl an Märchenfiguren die Bühne, Hasen, Zwerge, Puppen und sogar echte Hunde. Hier und dort mag man eine Reminiszenz an die Basler Fasnachtstradition oder an Jean Tinguelys Kunst erkennen.

Für Wesselings Zusage entscheidend waren aber nicht nur Holligers Partitur oder Freyers Inszenierung, sondern zuallererst Walsers Text. «Er hat mich von Anfang an fasziniert», sagt sie. Ihre Königin sei eine ambivalente Figur – «und gerade solche Figuren reizen mich.» Anfänglich sei sie davon ausgegangen, dass sie diese Schattierungen schauspielerisch auch werde zeigen können. Nun verlangt das Regiekonzept aber darstellerisch eine formellere Annäherung an die Figur.

Wesseling erfährt es wie ein Kaleidoskop: Aus gleichen, wiederkehrenden Elementen entstehen durch den Wechsel des Kontextes immer wieder neue Bilder und Zusammenhänge. Bilder jedoch, die erst in den Köpfen des Publikums zu einem Gesamten wachsen sollen. «Hier wird nicht so sehr interpretiert und geradlinig erzählt, sondern es werden dem Zuschauer Angebote gemacht, die jeder assoziativ anders verbinden wird.»

Es fällt sogar Schnee

An diesem Probetag ist freilich noch vieles Stückwerk: Die aufwendigen Umbauten, die Freyers Inszenierung fordert, dauern zu lang und sind zu laut. Es dauert, bis alles wieder auf Position ist, um von Neuem zu beginnen. «Auch hier bleibt der Sessellift im falschen Moment stecken», lacht Wesseling. Denn sogar Schnee gibts in diesem «Schneewittchen» auf der Basler Bühne, fast so, wie es Wesseling im Februar gewohnt ist.

Bis 15.4., www.theater-basel.ch.

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