Weshalb die Oper die Seele weitet
In jungen Jahren hat sich der Kulturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Iso Camartin vom Opernvirus infizieren lassen. Jetzt hat er seine Opernliebe in einem spannenden Buch mit gleichnamigem Titel gestanden.
In jungen Jahren hat sich der Kulturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Iso Camartin vom Opernvirus infizieren lassen. Jetzt hat er seine Opernliebe in einem spannenden Buch mit gleichnamigem Titel gestanden.
In seinem neuen Buch versteht es Iso Camartin, Geschichten so zu erzählen, dass sie Lust auf Oper machen
Von Sebastian Kirsch
Zwischen 2004 und 2012 leitete Iso Camartin die «Opernwerkstatt» am Zürcher Opernhaus. Auf Einladung von Alexander Pereira beschäftigte er sich pro Saison mit bis zu 14 Neuproduktionen. Jeweils vor der Premiere stellte Camartin einer treuen Gemeinde von Opernfans auf der Studiobühne seine motivgeschichtliche, literaturwissenschaftliche und kulturhistorische Einbettung des entsprechenden Werkes vor. Mit dem Ende der Ära Pereira endete auch Camartins intensive Vortragstätigkeit zum Opernrepertoire. «Was lag näher, als einen ganz bestimmten Aspekt meines Enthusiasmus für die Kunstform Oper auch in einem Buch festzuhalten?», schreibt Camartin im Vorwort von «Opernliebe», welches Alexander Pereira, den Mitarbeitenden des Opernhauses Zürich sowie den Besuchern der «Opernwerkstatt» gewidmet ist.
<strong>Doch was ist unter</strong> dem Titel «Opernliebe» zu verstehen? Ist es die Liebe zu dieser besonderen Kunstgattung – oder ist es die Liebe, die nicht im Leben, sondern auf der Opernbühne ihre Gestaltung findet? Diese Frage klärt Camartin auf seine ihm eigene, ausführliche und hochgebildete Art. Es geht ihm um beides, obwohl die Antworten auf die letztere Frage in ganz andere Dimensionen vorstossen und neben reiner Sachkenntnis auch ein hohes Mass an Interpreta-tionsfähigkeit verlangen. Genau diesem Aspekt ist das Buch gewidmet.
Camartin geht nicht systematisch vor, sondern er spannt mit seinen 50 Werken für die Opernbühne einen zeitlichen Bogen von Monteverdi bis Richard Strauss, von der Renaissance über den Barock bis hin zur Spätromantik. Er erzählt, worum es in den einzelnen Opern inhaltlich geht, rückt die Charaktere, die Komponisten und Librettisten in einen zeitlichen Kontext und bezieht sich dabei auf ein vielfältiges Quellenmaterial. Vielfach sind es Briefwechsel, Aussagen von Zeitgenossen oder Künstlern, die er in seine subjektive Geschichte einbindet, die er über die einzelnen Werke schreibt. Von einer musikwissenschaftlichen Betrachtung hält er sich dezidiert zurück, selbst wenn er besonders schöne Arien oder Melodiebögen musikalisch beschreibt. Auch werden Namen genannt, Namen von historischen Sängerinnen und Sängern, die – soweit überliefert – die Komponisten bei ihren Tonsätzen beeinflusst haben.
<strong>Der ungeheure Reiz,</strong> der von der Oper ausgeht, scheint ungebrochen. Neben den traditionellen Opernhäusern wachsen allerorten Opernfestivals aus dem Boden, werden Bühnen in Wiesen und Wäldern, auf Bergen und an Seen aufgebaut. Faszinieren die Liebesgeschichten, die teilweise so quer in der Landschaft stehen, dass Nichteingeweihte entweder nur lachen müssen oder sich irritiert abwenden? Sind es die immer wiederkehrenden Motive von Liebe, Hass, Verrat, Leidenschaft, Geldgier, Leben und Tod, welche die Menschen in den Bann ziehen? Camartin – ganz Philosoph – erklärt die Faszination sowohl mit dem Thema Liebe als auch mit der menschlichen Stimme, die aus einer Komposition und aus einem Libretto eine neue Qualität schafft, welche die Menschen rührt oder berührt: «In der menschlichen Stimme ist – so möchte man kühn behaupten – der innerste Kern der Opernliebe eingelagert. (…) Wer in einem Opernhaus je die Raumergreifung einer besonderen Stimme erlebt hat, bleibt geprägt vom Charakter dieser Stimme. (…) Es ist die Erfahrung, dass sich die eigene Seele weitet, wenn diese Sängerinnen oder Sänger ihren Mund öffnen.»
<strong>Durch die äusserst</strong> vielfältigen Bezüge zu den jeweiligen Zeitepochen zeichnet Camartin ein ebenso differenziertes wie spannendes Bild von den Schöpfern der Opernwerke und bettet sie mit grossem Sachverstand in ihren zeitlichen Kontext ein. Auch wenn es zahlreiche Fachbücher über die Oper gibt: Camartin versteht es bestens, Geschichten zu erzählen, die Lust auf Oper machen.
Iso Camartin: «Opernliebe – Ein Buch für Enthusiasten». C.H.-Beck-Verlag. 384 Seiten. 32.90 Franken.
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.