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Wenn Gott persönlich wird – eine Philosophie des Glaubens

Menschen glauben, weil sie wissen: Der Philosoph Volker Gerhardt erklärt den «Sinn des Sinns». Demnach ist für die menschliche Existenz der Glaube an Gott notwendig. Dies belegt er an Beispielen und geht dazu bis in die Antike zurück.

Südostschweiz
05.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Roland Mischke

Das menschliche Gehirn hat rund 100 Milliarden Nervenzellen. Jede davon ist mit Tausenden anderen Nervenzellen vernetzt. Dadurch sind lebenslang unendliche Denk- und Lebenskombinationen möglich. Und irgendwo muss er doch in einer dieser Zellen stecken, der Sinn vom Ganzen. Der Sinn des Lebens. Dieser Frage ist der Philosoph Volker Gerhardt in «Der Sinn des Sinns» nachgegangen.

Menschen brauchen Konstanten

Wenn der 70-jährige Gerhardt Vorlesungen hält, herrscht andächtige Stille. Als Seniorprofessor lehrt er immer noch an der Berliner Humboldt-Universität, er zieht seine Zuhörer in den Bann. Zeitweise mussten Vorlesungen wegen Überfüllung in andere Säle übertragen werden. Gerhardt, der in Münster, Zürich, Halle und Berlin einen Lehrstuhl hatte, besitzt die Fähigkeit, komplizierten Gedankengängen existenzielle Wucht zu verleihen. In seinem neuen Buch erklärt er mit seinem Kronzeugen Immanuel Kant «die Unverzichtbarkeit des Glaubens an Gott als den Einheitsgrund des selbstbewussten menschlichen Handelns». Der Mensch, der sein Selbst- und Weltbewusstsein begreifen will, braucht Gott als Konstante. Sinn, so Gerhardt, findet er nur über das Gegebene hinaus – im Metaphysischen, im Göttlichen.

Wir glauben an das Göttliche, weil wir um es wissen, sagt Gerhardt. Wir kennen es nicht, aber wir wissen vom allumfassenden Ganzen, vom grossen Ganzen der Ganzheiten – philosophische, naturwissenschaftliche und auch nur jene des gesunden Menschenverstands.

Glaube und Wissen

Es gab den Urknall, die Materie entstand. Die Evolution dauerte Hunderte Milliarden Jahre. Laut Darwin ein Zufallsprozess, in dem Lebensformen durch Selektion verdrängt und durch neuartige ersetzt werden. Der Erdenmensch hielt sich noch vor fünf Jahrhunderten für den Mittelpunkt des Alls. In den vergangenen Jahrzehnten entdeckte die Wissenschaft, dass das Universum eine unfassbare Energiemasse darstellt, die sich immer noch ausdehnt. Unerbittliche physikalische und chemische Gesetzmässigkeiten bestimmen die Existenz von allem.

Das spielt dem Philosophen Gerhardt in die Hände. Er beruft sich auf Mitdenker bis in die Antike. Parmenides, Heraklit und besonders Platon sahen im religiösen Glauben die stärkste Verankerung der Humanität. Darin erfüllt sich das Sinnganze. Schon der Soziologe Niklas Luhmann erkannte diese «Leistung des Glaubens». Glauben und Wissen sind keine Oppositionskräfte; der Glaube ist nicht das Irrationale, das Wissen nicht das Rationale.

Vielmehr bedingt das Wissen den Glauben. Menschen können nur glauben, was sie wissen. Was sie als schön bezeichnen, bestaunen, worüber sie auch erschrecken. Einen anderen Gottesbeweis, so Gerhardt, gibt es nicht.

Gott ist erfahrbar

Eines seiner Beispiele: Dietrich Bonhoeffer und andere, die der Nazi-Ideologie widerstanden, konnten das nur aus der Kraft des Glaubens, dass es einen Sinn über das Gegebene hinaus gibt. Zunächst ganz weltlich: Ein Ende des menschenverachtenden Totalitarismus, neue politische Strukturen, Humanität für alle. Die Märtyrer wussten, dass das kommen wird, weil sie daran glaubten. Sie glaubten daran, weil sie wussten, dass die Welt grösser ist als die Verirrung Mächtiger. Dadurch kam Gott persönlich zu ihnen. Und das, so Gerhardt, ist auch unter anderen Umständen möglich. Viele nachdenkliche Menschen, die das Ganze im Blick haben, kennen den persönlichen Gott. Er ist erfahrbar in der Wechselwirkung von Reflexion und sozialem Umfeld. Gott ist in allem, das humanistisch gesinnte Menschen erleben. Sie brauchen ihn als «persönliches Gegenüber», um frei zu sein, ihre Grenzen anerkennen zu können und auch anderen Gutes zu tun. Das ist der Sinn des Sinns.

Volker Gerhardt: «Der Sinn des Sinns – Versuch über das Göttliche». Verlag C. H. Beck. 357 Seiten. 30 Franken.

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