Weg von der Gasse: Den Stoff gibt es heute in der Apotheke
Der Herointod eines Mannes in einer öffentlichen Toilette weckt Erinnerungen an die Platzspitz-Zeit. Dank Methadonprogrammen führen heute viele Abhängige jedoch ein fast normales Leben. Warum «Auf Methadon» heute salonfähig ist.
Der Herointod eines Mannes in einer öffentlichen Toilette weckt Erinnerungen an die Platzspitz-Zeit. Dank Methadonprogrammen führen heute viele Abhängige jedoch ein fast normales Leben. Warum «Auf Methadon» heute salonfähig ist.
Von Brigitte Tiefenauer
Glarus. – Gestorben auf einer öffentlichen Toilette mitten in der Stadt Glarus. Mitte Dezember. Ein «aussergewöhnlicher Todesfall in Verbindung mit harten Drogen», heisst es bei der Kantonspolizei. Das Opfer habe – zumindest in der Vergangenheit – zeitweise auch den Drogenersatzstoff Methadon konsumiert.
«Es ist nicht selten, dass Drogenpatienten auf diese Weise sterben», sagt Martin Mani. Der Kantonsarzt kennt das Opfer nicht. Über die Todesursache kann er nur spekulieren: Unfall oder Suizid, eine Überdosis Heroin, eventuell zusammen mit Alkohol. Auch zu viel Methadon kann zum Herzstillstand führen.
«Die Platzspitz- Situation ist nicht lässig»
Methadon ist heute der Stoff von über 90 Prozent aller Opioidabhängigen in der Schweiz. Die Legalisierung der Methadonprogramme in den späten 80er-Jahren mit dem Ziel, Abhängige mit der Ersatzdroge von der Gasse, der Beschaffungskriminalität und der Drogenprostitution wegzubringen, erachtet der Kantonsarzt als Erfolg: «Die dosierte Methadonabgabe hat vielen Betroffenen ermöglicht, sich sozial zu integrieren und trotz Abhängigkeit einer geregelten Arbeit nachzugehen.»
Zum Methadonprogramm kommen die Abhängigen meist freiwillig. Im Kanton Glarus sind es derzeit über 70 Personen. Weil ihr System, die Beziehung, der Job auseinanderfalle, so Mani. Oder auf Anordnung der Justiz nach einer kriminellen Tat. «Die Platzspitz-Situation ist für die Abhängigen nicht lässig. Das Programm ist für sie eine gute Lösung, dank der sie ihren Alltag relativ gut schaffen – meist über Jahre oder Jahrzehnte.»
Ihr Methadon beziehen die Abhängigen beim Hausarzt oder in der Apotheke Moor in Glarus. Drei bis fünf Kunden seien es täglich, heisst es dort auf Anfrage. Insgesamt um die 20, jeden Alters und jeder Herkunft. Abgegeben werden die Dosen auf ärztliche Verordnung, täglich oder wöchentlich, je nach Zuverlässigkeit der Kunden.
Eine Anlaufstelle ist auch das Kantonsspital, das zusammen mit der Fachstelle für Suchtfragen an der Beratungs- und Therapiestelle Sonnenhügel rund zehn Methadonpatienten betreut. Neue Patienten seien in letzter Zeit nicht mehr dazugekommen, sagt Spitaldirektor Markus Hauser. Und nur selten komme es vor, dass ein Abhängiger mit einer Überdosis Drogen aufgegriffen und auf die Intensivpflegestation des Kantonsspitals eingeliefert werde.
Vielen Betroffenen merke man ihre Sucht kaum an, erklärt Mani. «Therapierte bedienen ihre Sucht mit Methadon und verdienen ihren Lebensunterhalt mit Arbeit im geregelten Tagesablauf.» Höhere Ziele seien eine Illusion. Die ursprüngliche Hoffnung, dass Abhängige im Methadonprogramm clean würden, habe sich nicht erfüllt. «Die Drogenabhängigkeit ist eine schwere chronische Krankheit, die sich nicht einfach abstellen lässt. Den lebenslangen Drogenausstieg schaffen nur wenige. Die meisten sind zudem auf Unterstützung durch soziale Dienste, eine IV-Rente oder Ergänzungsleistungen angewiesen», so Mani.
Er sieht keinen Bedarf, am Status quo etwas zu ändern. «Wir haben für viele das Beste, das es gibt», sagt er mit Verweis auf das revidierte Betäubungsmittelgesetz. Die «vielen» sind die Platzspitz-Generation, die heute zwischen 45- und 65-jährig ist. «Was wollen wir sie noch ändern?»
Laut Mani macht es Sinn, an den Methadonprogrammen festzuhalten. Allerdings sei damit zu rechnen, dass ein Grossteil der Abhängigen in nächster Zeit in den Pflegeheimen auftauche. «Viele haben Hepatitis durch- gemacht, nehmen Aids-Medikamente, sind Raucher oder Alkoholiker. Das alles sind Gründe, früh zu altern.»
Die alte Szene ist so gut wie verschwunden
«Nachwuchs» gibt es kaum in der Drogenszene. Das belegt auch die Statistik des Bundesamtes für Gesundheit. Die Zahl neuer Opioid- abhängiger sei stark rückläufig, die «Heroin-Epidemie» der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre am Abklingen.
In Glarus erinnern sich Anwohner noch an die «alte Szene» im Volks-garten, als dort gebrauchte Spritzen herumlagen und man im Extremfall sogar beobachten konnte, wie sich ein Süchtiger einen Schuss verpasste. Dieses Bild ist im Laufe der 90er-Jahre, analog der offenen Drogenszene beim Platzspitz in Zürich, aus der Stadt verschwunden, wie auch die Kantonspolizei bestätigt. Auch diejenigen, die mit der Polizei zu tun gehabt hätten, führten heute mehrheitlich ein unauffälliges Leben, sagt Polizeisprecher Daniel Menzi. Arbeitsfähig seien aus dieser Gruppe allerdings die wenigsten.
Auch Zwischenfälle wie der Herointod im Dezember 2014 sind in den letzten Jahren seltener geworden. Die Kripo spricht von durchschnittlich ein bis zwei Fällen jährlich. Die Kombination von Heroin und Methadon sei dabei besonders gefährlich.
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