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Waschen, trocknen, bügeln

In einem 5-Stern-Hotel häuft sich täglich viel Schmutzwäsche an. Im «Kulm» in St. Moritz kann der Gast auch seine Privatwäsche in die Haus- wäscherei abliefern – und das sieben Tage die Woche.

Südostschweiz
08.08.13 - 02:00 Uhr

Von Fadrina Hofmann

St. Moritz. – Die Lingerie des Hotels «Kulm» riecht man, noch bevor sie in Sichtweite ist. Es ist dieser unvergleichliche Geruch nach frischer Wäsche. Sobald man in die Nähe der Wäscherei im Untergeschoss des 5-Stern-Hauses gelangt, hört man sie auch. Mehrere, riesige Waschmaschinen und Tumbler wälzen die Leintücher, Frottees, Servietten, Duvets, Geschirrhandtücher, Bademäntel, Personal-Uniformen und die private Wäsche der Luxusliebenden. Hinzu kommt das summende Geräusch der grossen Wäschemangel, welche dank ihrer raschen Glättarbeit eine so wichtige Funktion in der Lingerie hat. Und dann sieht man beim Eintreten in das Lokal die Wäscheberge. Bettlaken mit Lippenstiftspuren, Tischtücher mit Spinatspritzern, dreckige Handtücher, benutzte Spa-Tücher usw.. Verschiedene Materialien, verschiedene Farben, verschiedene Waschtemperaturen. Jede Textilie hat ihren Platz, alles ist in diesem kleinen Betrieb im Bauch des Luxushotels perfekt organisiert.

Herrin der Wäscherei ist Patrizia Brizzi, 29 Jahre alt, seit 14 Jahren in der Lingerie tätig und seit fünf Jahren Gouvernante. Von ihrem halb abgetrennten Büro in der Ecke des Raumes aus kontrolliert sie alle Abläufe, hat einen Blick auf jeden ihrer 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Brizzi wird von allen nur Paty genannt, wie sie gleich nach der Vorstellung erwähnt. Mir ist die resolute junge Frau mit dem tiefen Lachen gleich sympathisch. Jeden Morgen fährt Paty von Chiavenna (Italien) nach St. Moritz und beginnt Punkt 7 Uhr mit der Arbeit. Im Winter fährt sie bereits um 4.30 Uhr von zu Hause los. Ab und zu dauern die Tage bis Mitternacht und sie übernachtet dann in einem Personalzimmer.

Viel Wäsche an Silvester

Paty macht mit mir eine Runde durch die Wäscherei und erklärt das komplexe System, das sich hinter diesem eigentlich einfachen Begriff «Lingerie» versteckt. Sie startet bei den zwei kleinen Wäschetrommeln, die für die private Wäsche der Gäste zur Verfügung steht. «Am meisten Wäsche von den Hausgästen haben wir zwischen Weihnachten und Neujahr», erzählt Paty. Vor allem an Silvester quillt die Wäscherei beinahe über. Und zum russischen Neujahr am 6. Januar werden ganze Wagenladungen gebracht. Gewaschen werden muss alles: vom Skianzug bis zum Smoking, von der hauchzarten Spitzenunterwäsche bis zu den schmutzigen Boxershorts. «Wir sehen hier allerhand», lacht Marilia, die für die Privatwäsche zuständig ist.

In der Lingerie haben alle einen Zuständigkeitsbereich, doch jede der «Ragazze» – wie sie Paty liebevoll nennt – kann auch bei den anderen Posten einspringen, wenn es nötig ist. Die mühsamste Arbeit ist das Bügeln, darin sind sich die Kolleginnen einig. Anna arbeitet in der achten Saison in der Wäscherei und ist für faltenlose Hemden und glatte Röcke zuständig. Wie ihre Mitarbeiterinnen steht sie den ganzen Tag. Anna bedient eine spezielle Hemdenmaschine, die mit Dampf funktioniert, und sie bügelt von früh bis spät. Im Sommer beginnt der Tag um 7.30 Uhr und dauert bis 17.45 Uhr, im Winter ist Flexibilität gefragt. «Ich mag meine Arbeit, denn die Atmosphäre hier ist gut und es gibt doch eine gewisse Abwechslung, da wir uns gegenseitig helfen», sagt Anna.

Ja, die Atmosphäre ist trotz stetig steigender Temperaturen, Maschinenlärm und immer die gleichen Handgriffe angenehm. Zwei junge Frauen stehen an der Wäschemangel und lassen Servietten durch die Walzen laufen. Sie schwatzen und lachen zusammen. «Am Morgen werden wenn möglich die kleinen Wäschestücke gemacht, nachmittags dann die grossen, zum Beispiel die Bettlaken», erzählt Paty. Die Servietten in die Mangel zu legen, das sei eine der leichtesten Aufgaben, meint sie. Also stelle ich mich vor die Mangel und schnappe mir eine wohlriechende, feuchte Serviette. Rückseite nach oben, Serviette strecken, Daumen hoch und laaangsam loslassen. Es ist nicht einmal so einfach, zu verhindern, dass der Stoff Falten bekommt oder zu schnell wegfährt. Nach drei, vier Versuchen habe ich den Dreh aber raus.

Weiter gehts zum grossen Tisch, wo soeben Bademäntel zusammengelegt werden. Ein Blick genügt mir, um zu erkennen, das diese Kunst für mich zu hoch ist. Ähnlich sieht es beim Falten der Bettlaken und beim Bügeln aus. Paty lacht nur.

Schmutzwäsche gibt es überall

«Wir haben hier unten mit allen Departementen des Hotels zu tun», erklärt sie. Klar, Schmutzwäsche gibt es in den Zimmern ebenso wie in der Küche oder im Fitnessraum. Nebst der Wäsche aus den verschiedenen Restaurants und Bars, wird auch noch die Wäsche vom «Dracula Club», von der «Chesa al Parc» und vom Grand Hotel «Kronenhof», dem Schwesterhotel in Pontresina, angeliefert. Mit einem Bus wird die Schmutzwäsche am Nachmittag gebracht und später die saubere Wäsche wieder abgeholt.

Gewaschen wird bei maximal 90 Grad, wobei laut Paty das Wasser in St. Moritz nur bis 85 Grad erhitzt werden kann. «Nur was in die chemische Reinigung kommt, geben wir ausser Haus in Auftrag», erzählt die junge Gouvernante. Dazu gehören beispielsweise die Abendkleider, die oftmals so atemberaubend sind, dass die Frauen in der Lingerie ab und zu, «nur einen kurzen Moment» lang bewundernd davor stehen müssen.

Es sind überwiegend Frauen aus Italien und Portugal, die in der Wäscherei arbeiten. Die zwei Männer, die zum Sommerpersonal gehören, übernehmen die schweren Arbeiten, wie das Beladen und Leeren der grossen Waschmaschinen. Sie sortieren auch die Wäsche aus und holen die Karren mit der Schmutzwäsche. «Für die Feinarbeit sind wir Frauen einfach talentierter», meint Paty augenzwinkernd. Auch die Entfernung hartnäckiger Flecken von Hand übernehmen die Mitarbeiterinnen.

Am teuersten ist der Smoking

Geflickt werden die Textilien ebenfalls im Haus. «Wir kontrollieren vor dem Waschen immer ganz genau, ob etwas kaputt ist, damit wir später nicht für etwas verantwortlich gemacht werden können, dass wir gar nicht verursacht haben», sagt Paty. Sowohl die Flickarbeiten als auch die Wäsche sind kostenpflichtig. Lediglich Kinderkleider werden gratis gewaschen. Je nachdem ob der Wäschedienst normal – also innerhalb eines Tages – oder express – bis zu einer gewissen Uhrzeit – gewünscht wird, und je nach Kleidungsstück liegen die Preise zwischen drei und 40 Franken. Ein Smoking ist das teuerste Wäschestück. Ab und zu vergessen die Gäste Geld oder teuren Schmuck in ihrer Kleidung.

Alle Wäschestücke werden etikettiert, damit es zu keinen Verwechslungen kommt – auch bei der Wäsche des Personals. «Diese Wäsche darf nur an bestimmten Tagen zu bestimmten Uhrzeiten abgegeben werden und sie wird nie mit der übrigen Wäsche zusammen gewaschen», hält Paty fest. Im Sommer hat allein das Hotel «Kulm» 180 Angestellte, im Winter sind es 360.

Am Montag fällt übrigens am meisten Schmutzwäsche an, da am Wochenende die Wechsel stattfinden. Jeden dritten Tag wird im Hotel «Kulm» die Bettwäsche gewechselt. Bei 126 Zimmern, 42 Junior-Suiten und fünf Suiten kann man sich die Wäscheberge vorstellen. Eine Statistik, wie viel Kilo Wäsche jährlich in der Lingerie gewaschen wird, hat Paty nicht.

Nach einem Tag in der Wäscherei bin ich jedenfalls völlig erledigt. Dabei habe ich kaum einen Finger gerührt, aus lauter Angst, etwas falsch zu machen. Eine Lingerie ist nämlich nicht einfach ein Waschsalon, hier hat alles, aber auch wirklich alles, seine Ordnung.

Die«Südostschweiz»-Macher verlassen diesen Sommer ihre Schreibstube und steigen in die Hosen. Wir waschen Teller in der Touristenbeiz, backen Brote – und blicken hinter die Kulisse der Lingerie eines Luxushotels in St. Moritz.

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