«Vor der Schaufel ist es immer finster»
Stoos Für die neue Stooserschliessung müssen drei Tunnels unter erschwerten Bedingungen gebaut werden. Ein Augenschein vor Ort.
Stoos Für die neue Stooserschliessung müssen drei Tunnels unter erschwerten Bedingungen gebaut werden. Ein Augenschein vor Ort.
Franz Steinegger
Es ist stickig staubig an der Front. Die Mineure bringen den Spritzbeton an die mit Eisennetzen abgesicherte Tunnelwand aus. Er wird unmittelbar in der Düse aus Trockenmaterial und Wasser zusammengemischt. Sie tragen Schutzbrillen und Schutzmasken. Ein Lüftungssystem pumpt frische Winterluft von aussen an den Arbeitsplatz – wodurch gleichzeitig der Staub aus dem Tunnel geblasen wird.
250 Kilo pro Sprengung
Für den Bau der insgesamt drei Schrägstollen vom Schlattli auf den Stoos wurde eine Tunnelvortriebsmaschine eigens für dieses Projekt zusammengestellt. Sie fährt auf Schienen. Der Tunnelvortrieb erfolgt von oben nach unten. In einem ersten Schritt werden mit einer Lafette zwischen 94 und 115 Sprenglöcher in den Schrattenkalk gebohrt, die drei Meter langen Löcher mit insgesamt 250 Kilogramm gelatinösem Sprengstoff gefüllt, danach die Maschine um 40 Meter zurückgefahren; jetzt erfolgt eine Sprengung in 27 Zündstufen, die vom ersten bis zum letzten Knall bis zu sechs Sekunden dauert.
Das Ausbruchmaterial wird von einem auf der Plattform angebrachten Baggerarm in einen Schutterkübel verladen und mittels Windenbahn zur Umschlaghalle am oberen Ende des Tunnels gezogen. Das anfallende Gestein kann vor Ort als Schotter oder zum Auffüllen von Geländemulden verwendet werden. Obwohl eine Tunnelvortriebsmaschine im Einsatz steht, erfolgt der Ausbruch «bergmännisch», also durch Sprengen und Baggern.
Unterschiedlicher Ausbruch
Gegenwärtig ist der oberste, 238 Meter lange Tunnel durch die Stoosfluh im Bau. Es bleiben noch etwa 100 Meter, die man bis etwa Ende März auszubrechen hofft. Bei den beiden anderen Schrägschächten (Oberzingeli 95 Meter und Zingelifluh 255 Meter) hat man parallel dazu mit dem sogenannten «Raisebohrverfahren» begonnen. Dabei wird zuerst ein kleines Loch in die Felswand bis zum Ende des zu bauenden Tunnels gebohrt. Danach kratzt ein sich drehender «Aufweitungskopf» von unten nach oben ein 1,8 Meter Durchmesser aufweisendes «Schutterloch» heraus. Das Material fällt ans untere Ende des Tunnels, wird dort aufgefangen und abtransportiert. Der Ausbruch zum endgültigen Tunnelquerschnitt von 4,6 mal 6,5 Metern erfolgt dann wieder von oben nach unten durch die Vortriebsplattform.
Bau und Logistik sind aufwendig
Anspruchsvoll ist neben der enormen Steilheit der Schrägstollen (bis gegen 50 Grad oder 114 Prozent) vor allem die Logistik, welche aufwendige Installationsplätze voraussetzt. Für Tunnel- und Trasseebau musste eine Transportseilbahn gebaut, für den Abtransport des Ausbruchs der unteren zwei Tunnels und den Bau des Trassees eine Werkzufahrt ins steile Gelände oberhalb des Schlattliparkplatzes gelegt werden. Die (private) Stoosstrasse kann nur auf Antrag für Schwersttransporte und Notfälle benützt werden.
Fels bereitet Schwierigkeiten
Bei den Mineuren kursiert das Sprichwort: «Vor der Schaufel ist es immer finster.» Das trifft beim Tunnelbau auf dem Stoos in besonderer Weise zu, denn trotz seriöser Planung birgt der Berg Geheimnisse. Eines davon erschwert die Vortriebsarbeiten in erheblichem Masse, wie Oliver Erzinger, Baustellenchef der Implenia, erklärt: «Der Fels ist kleinklüftig, weshalb die Bohrlöcher aufwendig mit Druckluft oder einem Kratzeisen gereinigt werden müssen, bevor wir den in Patronen eingepackten Sprengstoff einschieben können.» Bauführer Reinhold Boiger zeichnet zur Veranschaulichung schematisch ein Bohrloch, dessen Ränder bröckeln und es mit kleinen Steinchen verunreinigen – weil die innergebirgische Verschneidung unstabil ist. «Der Berg verlangt uns alles ab», sagt Boiger. «Das hier ist keine alltägliche Baustelle, weder für die Planer noch für die Arbeiter.»
Über allem steht an erster Stelle die Sicherheit der Mineure und der übrigen Bauarbeiter, die sich im Dreischichtbetrieb von Montagmorgen bis Samstagmorgen ablösen.
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