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Vor 40 Jahren gabs die ersten Lederhosen-Liebesgrüsse

Mit dem Film «Liebesgrüsse aus der Lederhos’n» brach 1973 ein neues Filmgenre über den deutschsprachigen Raum herein. Mit viel nackter Haut und fragwürdigem Witz lockten Lederhosen-Sexfilmchen fortan Millionen in die Kinos.

Südostschweiz
13.04.13 - 02:00 Uhr

Von Britta Schultejans (sda)

«Das sind die Liebesgrüsse aus der Lederhos’n. Da weiss man, was bei uns steht.» Mit diesem Titelsong zum Film «Liebesgrüsse aus der Lederhos’n» wurde 1973 ein heute skurril wirkender Kinotrend eingeläutet: der Lederhosenfilm mit viel nackter Haut, prallen Dirndl-Dekolletés und flachem Humor. Laut Spiegel Online war der Film von «Softporno-König» Franz Marischka der bestbesuchte deutsche Film jenes Jahres. Zwar hatte es auch vorher schon Filmsex auf der Alm gegeben mit Streifen wie «Alpenröschen im Dirndlhöschen» oder «Pudelnackt in Oberbayern»; aber der grosse Boom begann erst mit den «Liebesgrüssen».

Die sexuelle Revolution vermarktet

Ein Jahr später kam «Auf der Alm da gibt’s koa Sünd» in die Kinos, und 1,2 Millionen Zuschauer sahen sich die Sex-Klamotte an. «Es war zur richtigen Zeit am richtigen Ort das richtige Genre», sagt David Spiehs, Geschäftsführer der Produktionsfirma Lisa Film. Sein Vater Karl hat den Film und andere Klassiker des Genres produziert.

«Die Idee war, die sexuelle Revolution der späten Sechzigerjahre auch kommerziell auszuschlachten und für das Kleinbürgertum aufzubereiten», sagt der Soziologe Sven Lewandowski, der ein Buch über «Die Pornographie der Gesellschaft» geschrieben hat. «Man wollte die Angst vor Sex auf der Leinwand nehmen, indem man ihn mit einer Pseudo-Witzigkeit paarte.» Um die Erotik der Lederhose an sich ging es seiner Einschätzung nach dabei nicht. Schliesslich feierten auch Filme wie jene der berüchtigten «Schulmädchen-Report»-Reihe damals grosse Erfolge: «Das Rezept lautete: nackte Haut und Sex plus X.», so Lewandowski.

Auf Karl Spiehs’ Alpensex-Zug sprangen zahlreiche Produzenten auf. Gemeinsam haben die Filme, dass bei jeder Gelegenheit die Lederhose heruntergelassen und das Dirndl gehoben wird. Anarchisch könnte man das wohlwollend nennen – oder auch sinnbefreit. Das Frauenbild: eine Katastrophe, das Männerbild: auch.

1971 frei, 1985 auf dem Index

Spiegel Online zitiert das Heyne-Filmlexikon: «Bayerische Buam bumsen brünstige Blondinen. Ein wirklich intellektuelles Vergnügen.» Die Reihe «Liebesgrüsse aus der Lederhos’n» brachte es auf insgesamt sieben Filme. Den letzten mit dem Untertitel «Kokosnüsse und Bananen» gab es 1990. Doch da war der Höhepunkt längst vorbei.

Jasper P. Morgan vermutet in seinem bildgewaltigen Buch «Die sündige Alm – Die deutsche Sex-Komödie» auch späte Prüderie hinter dem Erlöschen des Alpenglühens. Als Beispiel nennt er den Film «Alpenröschen im Dirndlhöschen», der bei Erscheinen 1971 trotz minderjähriger Hauptdarstellerin, Sex mit dem Stiefvater und Sex-Geständnissen im Beichtstuhl nicht beanstandet wurde. 1985 landete derselbe Film in seiner Videofassung auf dem Index. «Offenbar war also das Moralempfinden der Deutschen in den frühen Siebzigern wesentlich lockerer als zehn Jahre später», erklärt der Autor.

Für viele Schauspieler war die sündige Alm die erste Stufe auf der Karriereleiter. So gab sich Liedermacher Konstantin Wecker die Ehre in einem Klassiker des Genres: 1974 spielte der damals 27-Jährige im Film «Unterm Dirndl wird gejodelt» mit. Reden möchte der Münchner heute nicht mehr über diese Rolle. Aber er tut das Einzige, was bei diesem Auswuchs des deutschen Films Sinn macht: Er nimmt es mit Humor.

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