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Von Viehdiebstahl und Dornen in geistlichen Augen

Beim Oberen Spaniöl in der Churer Altstadt versteckt sich ein Garten, der Zierde und Lebensraum zugleich ist. Ein Rundgang ist eine Lektion in Churer Stadtgeschichte.

Südostschweiz
03.08.13 - 02:00 Uhr

Von Simon Schick

Das Haus Oberer Spaniöl ist einesder best erhaltenen historischen Bauten in Chur. Unterhalb des Bischöflichen Hofes gelegen, in unmittelbarer Nachbarschaft von Klibühni und Rätischem Museum, fehlt das Bürgerhaus aus dem 17. Jahrhundert in keinem Stadtführer und findet sogar Erwähnung in Erwin Poeschels «Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden». Da geht schnell vergessen, dass ein – zugegeben gut versteckter – Barockgarten Teil des Anwesens ist.

Garten über sechs Terrassen

Ein ausladender Flur verbindet den Haupteingang des Oberen Spaniöl direkt mit der Gartenanlage. Diese erstreckt sich südöstlich des Hauses über sechs Terrassen, welche dem Gelände seine Steilheit nehmen. Über wendige Steintreppen gelangt der Flaneur auf die einzelnen Ebenen mit ihren Blütenprachten: Lilien, Nelken, Rosen, Margeriten, aber auch Lavendel, Kamille, Disteln haben ihren Platz gefunden. Der Garten versammelt eine Vielzahl an Pflanzen, neben Zierblumen finden sich auch Beeren und Kräuter. Streng geometrisch geschnittene Buchsen greifen barocke Stilmittel auf, an anderen Orten darf die Natur blühen, wie es ihr gefällt.

Standhaftes Weinberghäusschen

Luisa Zendralli, Mitbesitzerin und Bewohnerin des Hauses, hat ihre Kindheit im Oberen Spaniöl verbracht. «Das Haus wurde auf dem Weinberg von Hortensia Gugelberg von Moos zwischen 1640 und 1648 erbaut», weiss Zendralli. Die adlige Dame darf jedoch nicht mit ihrer bekannten Enkelin aus Maienfeld verwechselt werden.

Ganz genau kann der Bau nicht datiert werden. Im «Knillenburger-Prospekt» von 1640 ist das Areal jedoch noch unbebaut, dafür ist ein Weinberghäusschen erkennbar – noch heute steht dieses im Garten. Im anstehenden Felsen verweist die Jahreszahl 1620 auf den Zeitpunkt der Errichtung.

Bauherr des herrschaftlichen Hauses war Carl von Salis aus Grüsch, ein General im Garderegiment unter Kaspar Freuler. Nach Ende des Dreissigjährigen Krieges liess er sich in Chur nieder und erbaute sich zu diesem Zweck den Oberen Spaniöl. 1837 gelangte das Haus durch Heirat in den Besitz der Familie Abis, von welcher die Zendrallis Nachkommen sind.

Ungefähr in dieser Zeit musste der Weinberg – mit Ausnahme des kleinen Häuschens – einem Garten weichen. Dieser wird heute von den Bewohnern des Hauses gepflegt, «jeder darf seine Ideen verwirklichen», sagt Zendralli. Dass im Garten gelebt wird, erzeugt eine angenehme Stimmung: Ein begrünter Pavillon spendet Schatten, auf einer anderen Ebene lädt eine hölzerne Liege zum Ausruhen ein, ein Tisch mit Stuhlgruppe ist zum Essen gedacht.

Dorn im Auge des Bischofs

Neben dem Haus kann auch der Garten auf eine reiche Geschichte verweisen: Wer etwa die Herkunft des Namens Oberer Spaniöl ergründen will, der findet bei den oberen Terrassen seinen Ursprung: «Auf diesem Grund liessen die Freiherren von Vaz im Mittelalter einen Turm errichten», erklärt Zendralli. Oberer Spaniöl leite sich vom lateinischen «spina in oculis» ab und heisse übersetzt «Dorn im Auge».

Die begriffliche Nähe an das geflügelte Wort, wie es heute verwendet wird, kommt nicht von ungefähr: Einerseits stand der Turm auf einem Felsdorn – so die offizielle Interpretation – und andererseits sei der Turm dem Bischof ein Dorn im Auge gewesen. Die Freiherren von Vaz nämlich waren ursprünglich mächtige Lehensherren des Bischofs, entwickelten sich jedoch im Verlaufe der Zeit zu dessen Rivalen. Um den Bischof zu überwachen, liessen sie ebendiesen Turm erbauen. Dieser gewährte ihnen einen direkten Blick auf den Eingang zum bischöflichen Hof. Die Herren von Vaz waren so stets informiert, mit wem der Bischof verkehrte und geschäftete. Die Legende nun besagt, dass die Herren von Vaz dem Bischoff Vieh geraubt hätten, worauf dieser den Turm schleifen liess.

Auch ohne Turm entschädigt heute ein beeindruckendes Panorama für den Aufstieg auf die oberste Ebene des Gartens. Der Blick reicht vom Schanfigg über die südlichen Quartiere Churs bis zur Martinskirche.

Fluchtwege offengehalten

Ein weiterer historischer Zeuge findet sich auf der untersten Ebene, gut versteckt in einer Ecke des Gartens. Die Bewohner des Oberen Spaniöl waren wohl besonders ängstliche Zeitgenossen oder aber hatten arge Feinde: «Von hier aus führte ein unterirdischer Gang bis zur Plessur», weiss Zendralli. Dieser ist schon lange eingestürzt, sein Eingang aber ist noch im Garten zu bestaunen. Ob er jemals zur Flucht benutzt wurde, ist unbekannt.

Ein zweiter unterirdischer Gang – seine Funktion ist auch heute noch nicht geklärt – verband den Oberen Spaniöl mit dem Unteren Spaniöl, einem Haus etwas unterhalb des Rätischen Museums. Auch dieser Gang ist nicht mehr vorhanden, einzig ein kleines Stück ist bewahrt und kann durch ein Guckloch vor dem Museum begutachtet werden. Das denkmalgeschützte Haus mit seinem Garten, beschützt von der alten Stadtmauer, ist niemandem mehr ein Dorn im Auge, ganz im Gegenteil: Grund zur Flucht besteht heute keiner mehr – wenn dann lockt schon eher ein heimlicher Besuch.

Dieser Artikel ist Teil der Sommerserie «Gärten in Graubünden» im Bündner Tagblatt. Die Beiträge erscheinen wöchentlich.

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