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Verzweifelter Schrei nach Gerechtigkeit

Schwyz Eine Schwyzerin schreit nach Gerechtigkeit, weil ihr Ex-Mann ihr Leben zerstört hat. Jetzt muss sie mit ihrer quälenden Geschichte an die Öffentlichkeit.

Südostschweiz
28.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Franz Steinegger

Es ist unglaublich, was die 37-jährige Frau erzählt: Dreieinhalb Jahre litt sie unter den täglichen Schlägen ihres Ex-Mannes. Sie durfte nicht mehr aus dem Haus, damit ihre blauen Flecken nicht ersichtlich wurden. Fast täglich riss er ihr büschelweise Haare aus, schlug ihr mit der Faust auf den Kopf, dass ihr schwindlig wurde und Zähne abbrachen. Er trat ihr mit harten Schuhen gegen das Schienbein, sodass sie tagelang hinkte, schlug ihr den Kopf im Auto auf das Armaturenbrett, sodass der Kopf geschwollen war. «Wenn es besonders übel war, musste ich auf sein Geheiss hin am Morgen Betäubungsmittel nehmen, damit ich wieder auf die Beine kam», erzählt die Frau unter Tränen – und kann es selber nicht glauben, wie ihr geschah. «Ich war völlig abhängig von ihm.»

«Ich hatte Angst um die Familie»

In die Fänge des Libanesen geriet sie in einer Lebensphase, «in der es mir an Selbstvertrauen mangelte», erzählt sie. «Er konnte mich mit schönen Worten einlullen. Ich dachte: So ein wunderbarer Mann.» Sie heiratete ihn – «und dann begann die Hölle».

Sie sei naiv gewesen, habe an das Gute in der Welt geglaubt. Nebst den Schlägen setzte er sie psychisch unter Druck. «Er drohte, mir und meiner Familie Schaden zuzufügen, telefonierte meinen Eltern und Geschwistern Tag und Nacht. Ich hatte Angst um meine Angehörigen, deshalb ertrug ich die Schläge, weil ich dachte: ‹Besser, er schlägt mich als meine Familie›. Mir drohte er, die Kehle durchzuschneiden. Ich lebte in Todesangst.»

Drogenhändler und illegal

Der Grund für sein psychopathisches Verhalten war rasende Eifersucht. Sie tat alles, um ihm die Treue zu beweisen, liess sich selbst erniedrigen. Umso schlimmer die spätere Erkenntnis, dass er neben ihr noch andere Frauen hatte. Erst im Nachhinein stellte sich heraus, dass er sich von 2002 bis 2008 unter falschem Namen illegal in der Schweiz aufhielt. Er delinquierte in mehreren Kantonen, vorwiegend im Betäubungsmittelbereich. Dank der Heirat mit einer 20 Jahre älteren Schweizerin – die bereits vier geschiedene Ehen mit orientalischen Männern hinter sich hatte – kam er 2009 legal in die Schweiz. Im September 2009 lernte er das Opfer kennen, das jetzt spricht, um seine Albträume zu verarbeiten.

Erneute Einreise in die Schweiz

Mehrmals flüchtete sie, nur um wenig später wieder zu ihm zurückzukehren. Am 18. Dezember 2012 schliesslich schaffte sie es in eine Klinik, in der ihr eine «akute Traumatisierung» diagnostiziert wurde. Nach der Scheidung wurde er im Oktober 2013 in den Libanon ausgeschafft. Doch bereits im Februar 2014 gaben ihm die Schweizer Behörden wieder ein Visum für die Dauer einer Woche, damit er am Prozess vor dem Bezirksgericht Schwyz teilnehmen konnte. Er wurde am 5. Februar 2014 zu acht Monaten bedingt verurteilt wegen mehrfacher Körperverletzung, mehrfacher Nötigung, mehrfacher Beschimpfung und mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Er wurde aufgefordert, die Schweiz innert Frist zu verlassen – was er nicht tat. Sie und ihre Familie erhielten in der Folge erneut Anrufe des Täters. Die Polizei und das Amt für Migration erklärten, sie könnten dagegen nichts unternehmen, weil er aus dem Kanton Bern anrief. Im Juli 2014 wurde er schliesslich an der Grenze in Basel geschnappt, weil noch ein Verfahren gegen ihn offen ist. Seither sitzt er in Auslieferungshaft in Biberbrugg – wie lange, will ihr niemand sagen.

Der Prozess findet morgen Donnerstag vor dem Strafgericht Schwyz statt. Vorwürfe: falsche Anschuldigung, Drohung, Nötigung, Verstösse gegen das Strassenverkehrsgesetz und Ausländergesetz. Die Verhandlung ist öffentlich.

«Er hat mein Leben zerstört»

Das Opfer hat einen Teilzeitjob, «mit dem ich mich gerade so durchschlagen kann. Ich will nicht mehr von der Sozialhilfe leben.» Sie hat sich an einen unbekannten Wohnort zurückgezogen. Doch die Albträume konnte sie nicht ablegen. «In der Nacht, wenns dunkel wird, habe ich Angst, dass jetzt wieder etwas passiert.» Der Mann habe ihr Leben zerstört. «Ich muss mir selber helfen, bin gegenwärtig in psychiatrischer Behandlung.» Unser Rechtsstaat lasse «die Opfer mit ihren Albträumen allein, während der Libanese gratis auf Kosten des Steuerzahlers prozessieren und Berufung einlegen kann». Sie findet es lächerlich, dass jemand für solche Taten «acht Monätli bedingt» erhält – eine Strafe, die er gar nicht absitzen muss. Ganz zu schweigen davon, dass die angeordnete Ausreise nicht kontrolliert vollzogen wird. «Die Richter sitzen in einem Glashaus, weitab der Realität.»

Jetzt hofft sie nur noch, dass der Mann endlich aus ihren Augen und aus der Schweiz verschwindet, «damit ich mein Leben neu aufbauen kann». Und schliesslich sei dieser Hilfeschrei auch ein «Appell an alle naiven und gutgläubigen Frauen auf dieser Welt, sich von solchen Blendern fernzuhalten».

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