Verlierer verlacht?
Fasnacht An Kuriositäten ist die Fasnachtszeit kaum zu überbieten: ?Da wurde 1878 in Unterägeri eine «Japanesische Gesellschaft» gegründet und 1889 sogar ein «Japanesenspiel» aufgeführt. Nun tauchten ?unlängst Fotos von «Ägerer Lachgrinde» auf, die dem «Lachner Grind» aus dem Märchler Bezirkshauptort mehr als nur ähnlich sind.
Fasnacht An Kuriositäten ist die Fasnachtszeit kaum zu überbieten: ?Da wurde 1878 in Unterägeri eine «Japanesische Gesellschaft» gegründet und 1889 sogar ein «Japanesenspiel» aufgeführt. Nun tauchten ?unlängst Fotos von «Ägerer Lachgrinde» auf, die dem «Lachner Grind» aus dem Märchler Bezirkshauptort mehr als nur ähnlich sind.
Ursprunghs. Zur Entstehung des «Ägerer Lachgrind» ist unerwartet eine interessante wie plausible Erklärung aufgetaucht: Ein alter Fasnächtler aus Unterägeri, der wie der Schöpfer des Schwellkopfes der «Mösler-Kompanie» angehört haben soll, erzählte jüngst Erwin Häusler, dem Besitzer alter Fotodokumente: «Um das längst fällige Schulhaus Acher bauen zu können, musste die Einwohnergemeinde Unterägeri einen Bauplatz suchen. Es soll eine langwierige Such- und Finanzierungsangelegenheit gewesen sein. Da waren letztlich zwei Angebote. Eines kam von August Iten, Landwirt vom Hof Acher. Auf seiner Liegenschaft wurde dann gebaut. An der Fasnacht sollen die Lachenden mit ihren überdimensionalen Grinden dem Verlierer gegolten haben. Das Schulhaus wurde 1956 begonnen und 1958 eingeweiht.» – Diese Hintergrundgeschichte bestätigt, dass der «Ägerer Lachgrind» in den frühen 1950er-Jahren entstanden sein muss und wohl dem Schöpfer der «Lachner Grind» Pate gestanden ist.
Hans Steinegger
Fasnächtliches Treiben wirkt oft grenzüberschreitend – und wird nicht selten kopiert. Ein Beispiel dafür ist Unterägeri. Nicht dass hier etwa die Baarer Räbegäuggel oder Gret Schell aus Zug in Varianten auftreten. Vielmehr sind es seit mehr als 100 Jahren die «Nüssler» im Kreis der heutigen Wylägerer Fasnachtsgesellschaft. Wobei mittlerweile zur Rott alle Originalfiguren aus dem nahen Kanton Schwyz zählen: Alter Herr, Bajass, Blätz, Domino, Hudi, Zigeuner und der Rothenthurmer Tiroler.
Ganz anders fasnachtet dagegen Oberägeri, nimmt man die traditionelle Tiroler-Gruppe aus. Denn hier stehen seit Jahrzehnten die Legoren und ihr Spielleiter Hans Kuony von Stockach, der sagenhafte Hofnarr von Herzog Leopold, im Zentrum der Narreteien. Dieser Kuony soll ja heuer vor genau 700 Jahren die Habsburger davor gewarnt haben, nicht nur den Einmarsch ins Schwyzerland über Morgarten zu planen, sondern auch zu erwägen, wie man wieder aus dem Land herauskomme …
Japanesen und Lachgrinden
Neu dürfte jedoch für viele Narrenfreunde sein, dass an der Fasnacht in Unterägeri auch einmal «Japanesen» und «Lachgrinden» wirkten, wenn auch nur kurze Zeit. Ja, die 1857 gegründete Schwyzer Japanesengesellschaft erhielt hier sogar Konkurrenz. Denn 1878 wurde in Unterägeri tatsächlich eine «Japanesische Gesellschaft» ins Leben gerufen und 1889 von ihr sogar ein «Japanesenspiel» aufgeführt. Dessen Originaltext ist erhalten geblieben; das Spiel thematisierte damals die Auswirkungen der Eisenbahn. Und nun sind jüngst mehrere Fotos aufgetaucht, die eine Gruppe «Lachgrinde» zeigt – genauer: Schwell- oder Aufsetzköpfe, sogenannte «Grossgrinden», die dem «Lachner Grind» aus dem Bezirkshauptort der schwyzerischen March mehr als nur ähnlich sind.
Ursprung und Motiv spontaner und damit meist kurzlebiger Narreteien lassen sich nach Jahrzehnten meist nur noch schwer eruieren. Das trifft auch auf die «Ägerer Lachgrinde» zu, denn selbst die «Ortskundliche Sammlung» verfügt über keine Dokumente. Auch der 85-jährige Erwin Häusler, aus dessen Privatsammlung sowohl das Japanesenspiel als auch die Fotos stammen, vermag sich als ausgewiesener Kenner der Fasnachtsbräuche im Ägerital und als langjähriger Schweizer Vertreter im kulturellen Beirat der Schwäbisch-alemannischen Narrenzünfte nur noch bruchstückhaft an die «Lachgrinde» erinnern.
Es soll jedoch eine Aktion der «Mösler-Kompanie» gewesen sein, die 1920 von einem guten halben Dutzend Männern, offenbar ausschliesslich Gewerbetreibenden, gegründet worden war. Der Namen «Mösler» steht für den Dorfteil «Moos», wo sich diese «Kompanie» zusammenfand und über Jahre die Fasnacht belebte, wenn auch nicht konstant. In die Quere kamen unter anderem der Zweite Weltkrieg oder die Maul- und Klauenseuche. Und als 1964 die Wylägerer Fasnachtsgesellschaft gegründet wurde, feierte der harte Kern der «Mösler» wohl noch einige Jahre seine eigene Fasnacht, wenn auch ohne Publikum.
Leo Iten als Maskenschöpfer
Zu den Gründern der «Mösler-Kompanie» zählte Bildhauer Leo Iten (1915–2010), eine volksnahe und engagierte Unterägerer Persönlichkeit, dazu ein begeisterter Fasnächtler. Er ist nachweisbar auch der Schöpfer des «Ägerer Lachgrind». Erwin Häusler erinnert sich: «1951 fand kein Umzug statt. Es waren aber die Lachgrinden von Leo Iten auf der Strasse: 13 Männerfiguren und eine Damenfigur. 1952 liefen die Lachgrinden wieder unter dem Thema ‹Land des Lächelns›. Für 1953 schuf Leo Iten eine überlebensgrosse Figur samt Wagen, den Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler darstellend. Denn die Migros hatte angefangen, mit einem Verkaufswagen auch das Dorf Unterägeri zu bedienen.» Wie die Archivfotos dokumentieren, setzten sich die «Mösler» nicht nur ihren Lachgrind auf, sondern kostümierten sich auch speziell: entweder mit schwarzen Hosen, weissem Hirthemd samt individuell aufgenähtem Wappen und dazu eine grosse Fliege. Oder sie trugen vornehm weisse Hosen und einen schwarzen Frack.
«Lachner Grind» als Vorbild?
Auf der Suche nach dem Ursprung des «Ägerer Lachgrind» dürfte der jüngst aufgetauchte Bilderbogen mit den alten Fotos der einstigen «Mösler-Kompanie» weiterhelfen, ist er doch mit «Lachgrind oder Schwellkopf, 1940er-/ 1950er-Jahre» betitelt. Darauf sind neben den schwarz-weissen Gruppenszenen auch zwei «Grossgrinde» farbig festgehalten. Der eine von ihnen ist unverkennbar ein «Verwandter» des «Lachner Grind». Die Vermutung liegt zudem nahe, dass die «Mösler» ursprünglich (1940er-Jahre) einen eigenen Grossgrind mit einem Beil im Schädel und schreiendem Mund kannten und sich erst später (1950er-Jahre) den «Lachgrind» mit kleinem Zylinder und lachendem Mund aufsetzten – also ein Schwellkopf nach dem Vorbild des «Lachner Grind». Dies lässt sich denn auch zeitlich einordnen, schuf doch 1950 der Lachner Kunsthandwerker Heinrich Diethelm (1905–1986) den Lachner Kopf aus Pappmaché passend zum damaligen Motto des Fasnachts-Umzugs «Lachen lächelt». Denn nach dem Zweiten Weltkrieg, als in Lachen die Fasnacht ziemlich darniederlag, sollte die lachende und namentlich doppelsinnige Symbolfigur das fasnächtliche Treiben neu beleben.
Gab es tatsächlich Kontakte zwischen der «Mösler-Kompanie» und der Narrhalla Lachen oder allenfalls zwischen den Maskenschöpfern Iten und Diethelm? Narrengrossvater Martin Stählin aus Lachen kann dies weder bestätigen noch verneinen, waren ihm doch die «Ägerer Lachgrinde» bisher nicht bekannt. Was jedoch fest steht: Die Grundform des «Lachner Grind» hat sich seit 1950 erhalten, obwohl kreative Fasnächtler immer wieder versuchten, ihn mit verschiedenen Elementen wie Brillen, Hüten (Zylinder oder Fez) und Frisuren zu «bereichern» – wie übrigens auch die «Mösler», setzten sie ihrem Lachgrind doch einen Kleinzylinder auf!
Aber nicht nur das lachende, glatzköpfige Gesicht hat überlebt, sondern längst ist der «Lachner Grind» das Wahrzeichen der Lachner Fasnacht. Und ebenso unverwechselbar und unverändert ist der Auftritt ihrer Träger in Kölschbluse und schwarzen Hosen mit roten Streifen, die sich vor lauter Lachen mit einem weissen Handtuch die Tränen aus den Augen wischen. 1985 wurde der «Grind» sogar zur Hauptfigur des Lachner Fasnachtsbrunnens – ebenfalls gestaltet von seinem Schöpfer Heinrich Diethelm, notabene zu dessen 80. Geburtstag. Bei so viel Originalität verwundert es nicht, dass der «Lachner Grind» vor über 60 Jahren nicht nur im Ägerital kopiert wurde, sondern heute noch an der Gersauer Fasnacht und in der Schwyzer Grossgrinden-Rott anzutreffen ist!
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