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Über Weihnachten und Kriege

Weihnachten ist vorbei. Was für die einen Besinnlichkeit und Ruhe bedeutet hat, war für die anderen Stress und Lärm. Fast alle sind sich aber einig, dass Weihnachten nicht mehr ist, was es einmal war. Zu recht?

Südostschweiz
30.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Lukas Bertschi

Glarus. – «Weihnachten ist nicht mehr das, was es einmal war.» Das hört man immer wieder. Und wohl wahr ist, dass man vor 100 Jahren nicht die gleiche Kaufkraft besass, und es nicht so eine unermessliche Fülle an Produkten gegeben hat, die man beim besten Willen nicht braucht. Wohl wahr ist, dass viele Leute sowieso schon alles besitzen, was sie wirklich brauchen, oder es sich sonst einfach selber kaufen.

Doch schon vor 50 Jahren klagte ein Journalist in den «Glarner Nachrichten»: «Weihnachten ist kein Geschäft, ist kein Fest mit Lärm, ist nicht Essen und Trinken.»

Und wenn sich viele Generationen einer Familie begegnen, kann es statt zu Besinnlichkeit schnell auch einmal zu Streit führen. Heute und vor 100 Jahren. Nicht zuletzt hat sich auch inhaltlich an den Kommentaren der Journalisten erstaunlich wenig geändert.

1914 herrschte während der Weihnachtszeit der 1. Weltkrieg. In einem Kommentar in den «Glarner Nachrichten» ist Folgendes zu lesen:

«Wie kann heute von etwas anderem die Rede sein, als vom ungeheuren Gegensatz zwischen dem Fest der christlichen Liebe und den furchtbaren Kriegsgräueln, die im Osten und im Westen und weit über Europa hinaus die Länder verwüsten und die Völker hinschlachten?»

50 Jahre später war es um die Weihnachtszeit nicht viel besser bestellt. Unter anderem wurde in Kenia, Algerien, Tunesien und Guatemala gekämpft, und in Marokko wurden Attentate verübt. So hiess es im Weihnachtskommentar der «Glarner Nachrichten» am 24. Dezember 1954:

«Wer sieht es heute nicht ein, dass unsere Welt von Jammer erfüllt ist? Wer weiss nicht von der völligen Ausweglosigkeit, in die wir uns verrannt haben? Wer kann noch glauben, dass irgendeine Persönlichkeit, ein Komitee, eine Partei, ein Volk klug und stark und frei wäre, die Welt der Völker und Gemeinden herauszureissen aus dieser völlig zerfahrenen Situation, aus dem Jammer und der Not, die wir durch unserer Selbstsucht unsere Habgier, unsere moralische und geistige Blindheit selber bereitet haben?»

Und auch heute ist die Welt alles andere als in Eintracht. In Syrien und im Irak gibt es etwa erbitterte Kämpfe mit dem islamischen Staat, die Ukraine befindet sich im Kriegszustand, und auch in Palästina sind die Aussichten alles andere als rosig. Das sind aber längst nicht alle schwelenden Konflikte. Und in Europa kommen immer mehr islamfeindliche Tendenzen zu Tage. Im Kommentar zur Weihnachtszeit ist dann unter anderem zu lesen:

«Wenn in Deutschland die Menschen unter dem Namen Pegida auf die Strasse gehen, um das christliche Abendland vor dem Islam zu retten. Wenn ein Schweizer Satiriker mal kurz den Koran deutet und damit eine Weltreligion in die Extremismusecke drückt. Wenn das Schweizervolk eine Masseneinwanderungsinitiative annimmt, um das vermeintliche eigene Paradies vor der Überfremdung zu schützen. Dann herrscht nicht gnadenbringende Weihnachtszeit. Dann herrscht Normalität.»

Trotzdem: Früher war alles besser. Und warum? Dazu ein weiteres Zitat aus den «Glarner Nachrichten» von 1954: «Im übrigen ist das Vergessen eine wohltuende Einrichtung.»

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