Über 300 Historiker rätseln ?um die Schlacht am Morgarten
Goldau Das Jubiläum 700 Jahre Morgarten ist gestartet. Was damals genau passierte, bleibt unklar.
Goldau Das Jubiläum 700 Jahre Morgarten ist gestartet. Was damals genau passierte, bleibt unklar.
«Der Ägerisee war damals wirklich beträchtlich höher.»
Markus Egli,?Professor Uni Zürich
Jürg auf der maur
«Wenn sie am Schluss nicht wissen, was am Morgarten passierte, dann haben wir unser Ziel erreicht.» Mit diesen Worten eröffnete Jürg Schmutz als Präsident des Historischen Vereins der Zentralschweiz die Tagung zu Morgarten in Goldau. Mehr als 300 Geschichtsfreunde und professionelle Historiker trafen sich am Samstag, um sich über neueste Facetten und Forschungsergebnisse rund um die Schlacht am Morgarten zu informieren und auszutauschen.
Mit der Tagung wurden gleichzeitig die Aktivitäten zum Jubiläumsjahr 700 Jahre Morgarten eröffnet. «Was immer dort genau passierte, entscheidend ist auch, was wir daraus machen», erklärte Regierungsrat André Rüegsegger, OKP der Jubiläumsfeier, einleitend und wies darauf hin, dass bei der Feier Historisches und Aktuelles verknüpft werden soll.
Schmutz sollte am Schluss recht bekommen. Vieles rund um die Schlacht bleibt im Ungewissen und unklar. Dass das Ereignis weitherum, vor allem aber ab dem 19. Jahrhundert, für Aufmerksamkeit sorgte, zeigte etwa Beatrice Sutter in ihrem Referat zu «Morgarten in der Erinnerungskultur». Das Schlachtgeschehen schaffte es aus Anlass der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft 1991 sogar auf eine offizielle Briefmarke Boliviens.
Letzimauer undatierbar
Für viele neu waren in Goldau vor allem die Erkenntnisse aus archäologischen Grabungen und naturkundlichen Untersuchungen von Geografen der Universität Zürich.
Archäologe Jakob Obrecht konnte aufgrund seiner Arbeiten im «Schlachtgelände» neue Erkenntnisse zur Letzimauer in Sattel präsentieren. Diese ist, anders als noch zu Beginn des Jahrhunderts geschätzt, nicht nur 250 Meter, sondern 1,15 Kilometer lang. Sie ist 80 Zentimeter breit und umfasst in der Regel eine Höhe von zwei bis drei Metern. Insgesamt weist die Sattler Letzimauer ein Volumen von 1840 bis 2760 Kubikmetern aus, wobei rund 700 Kubikmeter davon Mörtel, der Rest Steine waren. Auf Feindesseite wurden dabei grössere Steine eingesetzt als auf der Freundesseite. Die Mauer reicht bis auf eine Höhenstufe von 900 m über Meer.
Der grosse Wermutstropfen auch hier: Die Mauer ist nicht datierbar, gemäss Obrecht gibt es auch keine wissenschaftliche Möglichkeit, Klarheit zu schaffen. Er selber geht davon aus, dass die Mauer erst nach der «Schlacht» gebaut wurde. Damit stelle sich jedoch die Frage nach dem Weshalb. Denn zur Zeit der Morgartenschlacht dürften erst die beiden Letzinen in Arth und Ro-thenthurm bestanden haben.
Ägerisee viel höher
Markus Egli vom geografischen Institut stellte die Ergebnisse von zweijährigen Forschungen vor. Fazit: Der Ägerisee war, so Markus Egli, «wirklich beträchtlich höher als heute», und es gab verschiedene zusätzliche Tümpel und Sümpfe. Mit Folgen für den Schlachtverlauf: Theoretisch wäre es zwar möglich gewesen, dass das österreichische Heer dem Ufer entlang Richtung Sattel gelaufen wäre. Es hätte aber, so Egli, «andere, bequemere Möglichkeiten gegeben».
Die grössten Ausmasse hatte der Ägerisee gemäss den Forschern vor rund 18 000 Jahren. Damals reichte er bis auf eine Höhe von 748/750 Metern über Meer, heute ist er rund 24 Meter tiefer. Eine «katastrophale Entleerung», vermutlich in der Folge eines Erdbebens, führte dann dazu, dass der See schliesslich auf die heutigen Dimensionen zurückgedrängt wurde.
Etwas war dort
Die Tagung lief unter dem Titel: «Neue Sicht(en) auf Morgarten?» oder unter der Frage, wie sie Oliver Landolt vom Staatsarchiv Schwyz in Erinnerung an eine Doku-Sendung von SRF auf den Punkt brachte: «Hat Morgarten stattgefunden?»
Die Tagung in Goldau zeigte: Die Quellenlage bleibt extrem schwach. Was genau vor sich ging, ist so umstritten wie immer. War es eine wirkliche Schlacht? Ein Hinterhalt? Ein hinterhältiger Überfall? Ein Rachefeldzug oder der Ausfluss einer internen Adelsfehde? War Einsiedeln das Ziel? Oder doch Schwyz?
Die Fragen bleiben im Raum stehen und werden je nach Standpunkt des einzelnen Historikers anders interpretiert. «Immerhin: Sicher ist, Morgarten hat stattgefunden», bilanziert etwa Regula Schmid Keeling. Hintergrund bleibt aus ihrer Sicht der Streit um die Nachfolge auf dem deutschen Thron, aber auch die Konkurrenz-These unter dem Adel behalte «eine grosse Rolle». Für Theo Meyerhans dagegen darf die Stellung des Klosters Einsiedeln nicht unterschätzt werden. Das Kloster sei als «Adelskloster» nicht nur für die Schwyzer von Interesse gewesen, sondern eben auch für verschiedene andere Interessengruppen.
War es doch Rache?
Für die «Retro»-Position plädierte Hans-Rudolf Fuhrer. «Konservativ sein ist ab und zu auch cool», schmunzelte er zusammenfassend. Seine These bleibt die, welche viele in der Primarschule früher auf den Weg bekamen. Für ihn ist klar: Hinter Morgarten steckt keine Adelsfehde, sondern ein Straf- und Rachefeldzug mit dem Ziel Schwyz. Morgarten sei die erste Letzischlacht der Schweizer Geschichte. Herzog Leopold schätzte die Lage falsch ein und unterschätzte die Schwyzer.
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