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Stai si, defenda …

Im geografisch, sprachlich und kulturell vielgestaltigen Kanton Graubünden spielt der Regionalismus eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Mobilität hat die Distanz aus den Tälern zwar verkürzt, aber für die «150 Täler» und Valli ist die Bindung an die Region immer noch ein Zeichen von Identität und Vitalität.

Südostschweiz
01.10.11 - 02:00 Uhr

Ein Beispiel liefert gegenwärtig die Surselva, wo im Zusammenhang mit den Nationalratswahlen die Leserbriefe aus dem CVP-Stammgebiet im Blätterwald besonders gewaltig rauschen. Diese romanischen Stammlande der CVP kämpfen entschlossen wie nie um einen weiteren Platz auf der politischen Bühne. Mit Nationalrat Sep Cathomas und Ständerat Theo Maissen hat sie noch Vertreter in Bern, welche die hehre Tradition der politischen Kontinuität der Surselva in Bern seit 1848 fast ununterbrochen fortzuschreiben vermag.

Nun aber schrillen die Alarmglocken: Der Ständeratssitz ist mit Stefan Engler besetzt, umso engagierter wird für Martin Candinas aus Rabius gekämpft, der sozusagen die Fackel eines der «ihren» in Bern weitertragen soll. «Es darf nicht sein, dass die Surselva von diesem Jahr an ohne Vertreter in Bern dasteht, dass die Surselva über keine Stimme in Bern mehr verfügt», lauten noch und noch beschwörende Kommentare in der «La Quotidiana». Der Schlachtruf erinnert an das «Stai si, defenda» – stehe auf, verteidige ... so das Wort des Dichterfürsten Giacun Hasper Muoth (1844–1906) im Zusammenhang mit dem Erhalt der romanischen Sprache. Für eine stolze Surselva – die einst bis zu drei Vertreter in Bern und Chur stellte – wäre ein weiteres Schrumpfen unerträglich – und entfesselt Kräfte. Dies zeigte sich zumindest auch an der denkwürdigen Nominationsversammlung der CVP im Frühjahr, als der 31-jährige Candinas an die Spitze der CVP-Liste gesetzt wurde und alte Kämpfer wie Vincent Augustin glatt hinter sich liess.

Die Surselva imponiert, wie sie sich auf der politischen Bühne engagiert. Ein Pluspunkt auch: Mit Candinas könnte ein Generationenwechsel eingeläutet werden, was auch der CVP gut anstehen würde. Als Hauptkonkurrent gilt bei der CVP Vincent Augustin. Ein brillanter und erfahrener Parlamentarier, der ohne Zweifel auch einem eidgenössischen Parlament gut anstehen würde und dank seiner sprachlichen Kompetenzen keinen Einsitz in Kommissionen zu scheuen brauchte. Die CVP-Wählerschaft hat die Wahl zwischen einem jugendlichen Spitzenkandidaten, der in der Surselva schon einiges bewegt hat, und einem erfahrenen Parlamentarier. Eine Situation, vor der sich auch die Wählerschaft der SP gestellt sieht: mit einem 27-jährigen Jon Pult und einer erfahrenen, von einem breiten grünen Netzwerk abgestützten Silva Semadeni.

Die Surselva zeigte mit der Platzierung «ihres» Vertreters auf den Spitzenplatz der CVP-Liste, dass sie noch zu mobilisieren vermag. Die Surselva demonstrierte Geschlossenheit und vermag diese umzusetzen, der Funke scheint, wie Reaktionen zeigen, zu zünden. Zumindest ob dem Wald. Allerdings ist die sagenhafte Lavina nera, welche jahrzehntelang die Musik bestimmte, längst der politischen Klimaerwärmung zum Opfer gefallen.

Von 1848 bis heute war die Surselva fast ohne Unterbruch in Bern vertreten. Ob die Trumpfkarte Regionalismus auch heute noch sticht, wird eine der interessanten Fragen sein, die am 23. Oktober beantwortet werden. Was die Regionen betrifft, so ist ein Sitz in der Regierung in Chur für diese wohl wichtiger als ein Sitz im nationalen Parlament, wo Politik für das ganze Land gemacht wird und die einzelne Region weniger im Zentrum steht. Dies ist anders im Ständerat, der eine Vertretung der Kantone ist und der die Interessen der Stände auch bei einer Gesamtschau besonders wahrzunehmen hat. Bemerkenswert zur Wahl der Ständeräte –  war es Zufall oder doch Fingerspitzengefühl, dass die beiden Vertreter praktisch immer ein Katholik und ein Protestant waren und sind?

Wichtiger als die Vertretung der Regionen wird die angemessene Berücksichtigung der Sprachen. Ob sich die Surselva trösten muss, aus dem benachbarten Albulatal einen Romanisch sprechenden Ständerat in Bern zu wissen oder ob aus Chur/Mon ein Augustin nach Bern reist, der als Präsident der Lia Rumantscha immerhin auch Sursilvan spricht, wird sich weisen. Für die CVP-Wählerschaft wäre es wichtig, an einem Strick zu ziehen, damit ihr Wahlziel erreicht wird und sie nicht zwischen Stuhl und Bank fällt. Unabhängig vom Wahlausgang ist höchst bemerkenswert, wie sich eine Region beispielhaft engagiert. Und es steht eine spannende Ausmarchung bevor.

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