«Spannendas caussas», Passionen und Butterfasskabaretts
Linguistische Analysen, literarische Untersuchungen, kulturgeschichtliche Abhandlungen und ein Dossier zu Jon Semadeni: Auch in Band 124 ihres Jahrbuchs «Annalas» bringt die Societad Retorumantscha wieder eine breite Auswahl an Texten.
Linguistische Analysen, literarische Untersuchungen, kulturgeschichtliche Abhandlungen und ein Dossier zu Jon Semadeni: Auch in Band 124 ihres Jahrbuchs «Annalas» bringt die Societad Retorumantscha wieder eine breite Auswahl an Texten.
Von Jano Felice Pajarola
Chur. – «Hey, mann, Punts goes on!» Der Titel des ersten Beitrags in Band 124 der «Annalas» signalisiert schon: Hier geht es nicht etwa um verstaubte Materie, ganz im Gegenteil. Natürlich, mit der jüngeren Gegenwart beschäftigt sich nur rund ein Viertel des 440 Seiten starken Periodikums, redaktionell betreut von Renzo Caduff und Esther Krättli, ediert von der Churer Societad Retorumantscha, dem Trägerverein des Dicziunari Rumantsch Grischun. Aber wer sich für Sprache, Geschichte und Kultur Romanischbündens interessiert, findet auch in den jüngsten «Annalas» wieder eine abwechslungsreiche romanische (und in einem Fall italienische) Lektüre.
Ein thematisches Dossier ist diesmal dem Unterengadiner Autor und Bühnenschaffenden Jon Semadeni (1910-1981) gewidmet: Publiziert sind Referate von Renata Coray, Annetta Ganzoni und Clà Riatsch, gehalten im vergangenen Jahr an einer Tagung zum 100. Geburtstag Semadenis. Als romanischer Hörspiel-Pionier wird er unter anderem vorgestellt, aber auch als erfolgreicher Kabarettist in der Truppe «La Panaglia», übersetzt «das Butterfass».
Im Kapitel «Litteratura» beschäftigt sich ausserdem Walter Rosselli mit der Hexe als marginaler und doch zentraler Figur in der romanischen Literatur. Simon Bundi analysiert den Sozialismus in der Surselva in der Zeit zwischen den Weltkriegen, und Flurina Andriuet schildert umfassend die einstigen Passionsspiele von Sumvitg und Lumbrein.
Was vor der «lavina nera» war
Kulturgeschichtlichem ist ein weiteres Kapitel der «Annalas» gewidmet. Ivo Berther schildert in «Avant la vieuta idealistica» («Vor der idealistischen Wende») eine der spannendsten, aber wenig bekannten Phasen aus der Zeit der katholisch-konservativen Surselva: jene zwischen 1850 und 1870, also kurz vor dem Ausbruch der sogenannten «lavina nera». Claudio Casanova beschreibt ausführlich das Leben und die Nachkommenschaft des Cumbelser Mistrals Murezi Arpagaus (1635–1714); Peter Michael-Caflisch ist erneut der Auswanderung von Zuckerbäckern und Cafetiers aus Graubünden auf der Spur; Josef M. Lengler schliesslich stellt – auch mit Fotos und Skizzen – Sursetter Steinbocktruhen aus der Frührenaissance vor.
Die «Ufficina», das Forum der «Annalas» für Jungautoren, bietet in dieser Ausgabe der Samedaner Maturandin Ramona Denoth eine Plattform. Sie hat untersucht, ob Rumantsch Grischun in der Schule einen negativen Einfluss auf das Verständnis von Texten im Idiom hat. Ihr Fazit: Es scheint nicht so zu sein.
Von 1560 bis in die Gegenwart
Neben einem persönlich gefärbten Nachruf von Arnold Spescha auf den früheren Lia-Rumantscha-Generalsekretär Gion A. Derungs und Luzius Kellers Besprechung von Clà Riatschs neustem Werk über Andri Peer hat natürlich auch der Jahresrückblick der Societad Retorumantscha seinen üblichen Platz in den «Annalas». Und die Linguistik: Massimiliano Verdini durchleuchtet die kommunale Mehrsprachigkeit im Kanton, Gion Gaudenz bringt den zweiten Teil seiner Arbeit über die Substantive in Giachem Bifruns «Nouf sainc Testamaint» von 1560, und wie als Kontrast dazu geht es gleich zu Beginn – wie erwähnt – um die romanische Jugendzeitschrift «Punts» und ihre Art der Jugendsprache. Silvana Derungs ist deren Wesen auf der Spur. Und wie zitiert sie doch? «Puspei inaga ha ei dau bia da leger! Bia spannendas caussas quella ga.»
Societad Retorumantscha (Hg.): «Annalas», Band 124, 2011, 440 Seiten, 24 Franken.
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